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Heute ist der: 15.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Richy Müller

"Muss jede Rolle in mir selbst finden"

Im Rahmen des SWR-Sommerfestivals 2014 konnten rund 5.000 Fans den neuen Stuttgarter TATORT "Freigang" vorab auf dem Stuttgarter Schloßplatz sehen. Kurz vor der Premiere sprach der Tatort-Fundus mit Hauptdarsteller Richy Müller über den Dreh im Gefängnis, die Besonderheiten des Stuttgarter Teams und was er von Günter Lamprecht gelernt hat.

Herbert Knaup als Chef der JVA Zuffenhausen in "Freigang" © SWR/Johannes Krieg

Was dürfen die Zuschauer vom neuen Stuttgarter TATORT "Freigang" erwarten, was finden Sie an diesem Film besonders gelungen?

Eigenlob stinkt sagt man ja. Ich finde den Film jedenfalls sehr spannend, ich finde ihn natürlich gut besetzt mit Herbert Knaup, weil das mal so ein Highlight ist bei unserem TATORT. Wir haben ja selten angesagte Schauspieler, weil es ja immer auch eine Frage des Geldes ist. Was für mich natürlich ein Leckerbissen und auch eine Herausforderung war, ist der Undercover-Einsatz. Dabei nicht nur zu versuchen, sich anzupassen und einen anderen Menschen zu spielen, sondern speziell in den Szenen als Justizvollzugsbeamter doch immer wieder den Thorsten Lannert durchscheinen zu lassen. Ich kann natürlich schwer beurteilen, ob mir das gelungen ist, das muss dann der Zuschauer machen.

Ist es für Sie denn grundsätzlich immer eine komplette Überraschung, wie der Film beim Zuschauer ankommt, oder können Sie das mittlerweile beim Lesen der Drehbücher und beim Dreh schon gut abschätzen?

Das ist schon immer eine Überraschung. Mittlerweile haben wir ja relativ gleichbleibende Autoren, was ganz gut ist, weil Holger Karsten Schmidt, der die ersten drei geschrieben hatte, ja zum Beispiel ein Garant für wirklich spannende Geschichten ist. Dann haben wir Martin Eigler, der jetzt mit "Freigang" seinen zweiten Fall gemacht hat, der schreibt die Bücher und verfilmt sie auch, was auch eigentlich immer was Tolles ist.

Wir hatten aber zwischendurch auch schon mal Drehbücher, wo wir dann mit dem Regisseur bei der Leseprobe entdeckt haben, dass da hinten und vorne nix stimmt und die komplett logisch gemacht haben. Zumindest in dem Sinne, dass man sagt, wenn der da vorne das gemacht hat, dann kann der doch da hinten nicht das machen. Ich glaube, man schreibt oft was und hat aber den Überblick über das Gesamtbuch nicht. Das fällt einem beim Lesen auf. Also das gab's auch schon, dass wir das dann stundenlang so ein bisschen in eine glaubhafte Richtung gebracht haben.

Richy Müller beim SWR-Sommerfestival. Bild: Timo Bredehöft

Aber alles in allem arbeite ich auch wirklich dafür und mache auch Druck, damit wir gute Bücher kriegen, weil sonst macht's ja keinen Spass mehr. Ich versuche die Leute zu motivieren, wie z.B. Michael Schumacher im Ferrari-Team das Team so scharf aufs Gewinnen gemacht hat, dass die eben einfach ein gutes Auto hinstellen mussten. Und das ist so ein bisschen meine Aufgabe. Großen Einfluss habe ich natürlich nicht. Die Themen sucht der Sender aus; ich kann sagen, sucht euch gute Autoren und das machen sie wirklich.

Im kommenden Film "Freigang" haben die Autoren für Sie einen Undercover-Einsatz in einem Gefängnis ins Buch geschrieben. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet, haben Sie im Vorfeld mit echten Vollzugsbeamten geredet?

Ne, das ist nicht so meine Sache. Wenn es nicht um Fertigkeiten geht - dass ich jetzt z.B. lernen müsste, wie man schnell eine Kartoffel schält oder wie man ein Kartenspiel mischt - versuche ich immer alles in mir zu finden. Und in dem Fall war es ja auch die Vorgabe, dass ich als Polizist nicht erkennbar sein darf. Wenn jemand ein Leben lang Polizist ist, erkennt man das oft schon daran, wie er spricht oder an seinem prüfenden Blick, den jemand einfach berufsmäßig tagtäglich anwendet. Genauso bei einem Justizvollzugsbeamten, breitbeiniger Gang, ein bisschen auf hart machen, dass man akzeptiert wird und dass man wahrscheinlich auch ein bisschen was auf dem Kerbholz hat. Das musste ich halt finden, natürlich hat die Uniform da viel geholfen.

Schließer "Peter Seiler" im Dienst. © SWR/Johannes Krieg

Wie war dann der Dreh im Gefängnis, vollkommen abgeschottet oder gab es da auch Kontakte mit Insassen?

Es war schon etwas Besonderes, weil das glaube ich einmalig ist, dass eine Vollzugsanstalt so für uns gearbeitet hat, total nette Menschen. Wir hatten Kontakt mit den Insassen, teilweise haben die auch im Hintergrund mitagiert als Statisten, wohl ausgesucht natürlich. Die haben uns wirklich Tür und Tor geöffnet, aber immer mit dem Hinweis, erst muss die eine zugehen, damit die andere aufgeht. Und in den Drehmomenten hatte ich dann Schlüsselgewalt, sobald ich als Schließer im Film unterwegs war hatte ich natürlich Schlüssel, das andere läuft da alles über Transponder. Sobald ich die nicht brauchte, aber im Film zu sehen war, hatte ich einen Blindgänger gehabt. Selbst auf der Toilette war immer jemand dabei, das ging nicht ohne Begleitung. Die Sicherheit wurde immer beachtet, obwohl sie wirklich alles ermöglicht haben.

Ist das auch etwas, das Sie am Schauspielerberuf schätzen, dass man durch die Drehbücher und Drehorte Einblicke in so viele verschiedene Milieus bekommt?

Ja, das ist natürlich sehr vielfältig, nicht nur, dass man in Bereiche einblickt, sondern dass man Charaktere aus diesen Bereichen annehmen kann. Dass man überhaupt so etwas in sich suchen und erzeugen kann, einen Bösewicht zum Beispiel. Ein böser Mensch sieht ja erstmal nicht unbedingt böse aus. Ich kann mich da nicht an einem bösen Menschen orientieren, ich muss es in mir finden, die Rolle und auch die jeweiligen Situationen. Also insofern ist das natürlich immer wieder etwas Besonderes, in eine Figur zu schlüpfen, die auch in mir vielleicht hätte entstehen können. Dadurch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mir das glaubt und ich für den Moment authentisch und lebendig wirke.

Müllers erste TATORT-Rolle in "Schattenboxen". Bild: HR

Sie haben vor Ihrer Zeit als Stuttgarter Ermittler ja schon zweimal im TATORT mitgewirkt, 1981 in "Schattenboxen" und 1991 in "Tödliche Vergangenheit"...

Ich habe 1979 "Die große Flatter" gemacht, dann habe ich in Kaiserslautern Theater gespielt und eine ZDF-Serie gemacht und im Herbst habe ich dann das Angebot gekriegt, im TATORT einen Boxer zu spielen. Die wollten mich haben, natürlich hatte "Die große Flatter" Furore gemacht, jetzt hatte ich aber anscheinend noch so einen Mannheimer Singsang. Dann war es wirklich so damals, dass die gesagt haben, dann schreiben wir einfach der Boxer kommt aus Mannheim. Dann haben sie mich auch noch so sprechen lassen.

Und dann habe ich zum Mauerfall in Ostberlin mit Günter Lamprecht mit der Regisseurin Marianne Lüdcke, die "Die große Flatter" gemacht hatte, zwölf Jahre danach diesen TATORT gemacht, wo es um eine Stewardess ging, meine ehemalige Freundin, bei der sich dann herausgestellt hat, dass sie IM war, rekrutiert von der Stasi.

Ich habe oft gedacht, Mensch, warum hab ich eigentlich nur 2 TATORTe gemacht? Man hätte ja sagen können, der tritt immer mal wieder auf, aber sicherlich hat es einen guten Grund gehabt, vielleicht hätte man mich dann nicht als TATORT-Kommissar angesprochen, wenn ich da zu oft zu sehen gewesen wäre.

Und beide dieser frühen TATORTe waren gemeinsam mit Günter Lamprecht...

Das war Zufall. Günter Lamprecht hab ich ja durch "Die große Flatter" kennengelernt, den Film hab ich mehr oder weniger unbewusst gemacht, ich habe halt losgelegt, man hat mir die Leine abgenommen und ich bin losmarschiert. Plötzlich sitz ich dann im Rahmen eines TATORT-Drehs in Frankfurt im Hotel, das waren alles neue Sachen für mich. Dann war es natürlich toll, dass ich Günter Lamprecht bereits kannte, aber es war rein zufällig. Ein großer Mann für mich, weil der mir gesagt hat, bleibe dir treu, egal was passiert, lass dich nicht verbiegen, und lass dich nicht von Äußerlichkeiten einfangen. Das ist mir immer wieder im Kopf rumgegangen und das hat mir viel geholfen - ich bin am Boden geblieben, ich hab Dinge eben nicht gemacht, weil ich wusste, das tut mir nicht gut. Das war schon die Grundlage, dass er mir das mal in einem ruhigen Moment beim Drehen gesagt hat.

Mit Günter Lamprecht im TATORT "Tödliche Vergangenheit", Bild: RBB

Lamprechts Ermittlerfigur Markowitz hat ja auch gewisse Ähnlichkeiten mit Thorsten Lannert - ein ruhiger, taktischer Charakter, der Gewalt eher ablehnt ...

... aber streng sein kann, wenn er es sein muss.

Wenn Sie die TATORTe mit Markowitz kennen - schauen Sie regelmäßig TATORT und haben auch früher schon geschaut?

Ich meine als Kind guckt man natürlich viel, weil's verboten war. Irgendwann gab's dann natürlich die Zeit, da war ich nur unterwegs, da guckt man kein Fernsehen. Ich schaue eher Sport oder Dokumentationen, auf 3SAT läuft gerade eine Dokumentationsreihe über Wälder aus ganz Europa, sowas gucke ich mir mal an. Ich gucke seltenst TATORTe, weil ich auch nicht schielen will. Ich finde das eigentlich behindernd, ich will meins machen. Damals, als ich anfing, hieß es dann oft bei den Interviews: Bienzle hat große Fußabdrücke hinterlassen. Dann hab ich als Standard irgendwann geantwortet: Dann stell' ich mich einfach quer rein, wenn die so groß sind. Wir wollten auch nicht was Besonderes machen, wir haben einfach angefangen und haben alles in allem einen guten Riecher gehabt. Wir sind nicht heischend nach Effekten, wir sind irgendwie menschlich und versuchen das mit Konzentration zu machen und ich glaube, das lieben die Zuschauer.

Felix Klare und Richy Müller beim SWR-Sommerfestival. Bild: Timo Bredehöft

Bei vielen anderen Teams dominieren ja die Gegensätze zwischen den Ermittlern und es kommt dadurch immer wieder zu Konflikten, darauf wurde beim Stuttgarter TATORT auch verzichtet.

Dieses "der eine haut dem anderen immer in die Hacken", dieses missmutige Verhalten dem anderen gegenüber missfällt mir immer sehr. Wir sollten doch proklamieren, dass man ein Miteinander pflegt und nicht dass der eine sagt: Was will sie denn, die Junge von der Polizeischule? Das war schon damals die Idee, als Felix und ich Probeaufnahmen gemacht haben: Unsere Figuren passen aufeinander auf, ich kann von dir lernen und du kannst von mir lernen. Gut, aber da ist dann bei vielen natürlich der Münsteraner TATORT so ein bisschen Vorbild, der eine ist immer so schlecht gelaunt, der andere ist immer so schulmeisterhaft. Bloß: die beiden machen das natürlich auf eine grandios-charmante Art, weswegen die so beliebt sind. Aber ich kann nicht einfach so 3 Charaktere zusammenwürfeln und der eine macht immer nur einen abfälligen Spruch und die andere muss sich dann durchkämpfen. Ich versteh den Sinn nicht, das ist ein Konflikt, der die Geschichte auch nicht nach vorne bringt.

Gibt es neben dieser Besonderheit des Stuttgarter Teams weitere bisherige Highlights für Sie wie einen Lieblingsfall?

Ich bin kein Mensch, der da Sachen bevorzugt. "Altlasten" fand ich insofern gut, dass die ältere Generation zu Wort kommt. Ich hatte ja mal die Idee - vielleicht kommt das ja auch noch - dass Thorsten Lannert irgendwann mal eine ältere Dame trifft, die z.B. zu schwer zu tragen hat, der er dann irgendwie behilflich ist und die er ab und zu mal wieder trifft. Die dann einfach mal einen schlauen Satz sagt, so einen Satz, den Großmütter oder Großväter sagen. Sowas würde ich mir wünschen, einfach zwischendurch mal so einen privaten Moment, der eben nicht mit der Familie verbunden ist, wo der Kopf leer ist vom Fall und wo man dann einfach mit einem älteren Menschen redet.

Es gibt ja auch diesen schönen Film "Space Cowboys" mit Clint Eastwood, wo alte Astronauten ins All fliegen und die Dinge richten müssen, weil die Jungen das nicht schaffen. Dass man ältere Leute wieder ranzieht, weil die einfach die Erfahrung haben. Der Jugendwahn war in letzter Zeit ja extrem hoch, zum Glück ist das wieder rückläufig.

Das heißt, dass das Stuttgarter Team auch bis ins hohe Alter ermitteln wird?

Ich kann's nicht sagen, ich weiß nicht wie alt ich werde, ich weiß nicht was der SWR vorhat. So wie es läuft, gibt es keinen Grund zu sagen, wir brauchen eine Veränderung. Ich mache es gerne weiter, solange es geht und die Bücher gut sind.

Das Interview führte Timo Bredehöft am 29. Mai in Stuttgart


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