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Heute ist der: 08.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Martin Eigler und Sönke Lars Neuwöhner

"Wenn die Mauern auf einmal durchlässig sind..."

Am Pfingstmontag war der neue Stuttgarter TATORT "Freigang" in der ARD zu sehen, der aus der Feder von Martin Eigler und Sönke Lars Neuwöhner stammt. Eigler führte auch Regie bei diesem 14. Fall von Bootz und Lannert. Im Interview mit dem Tatort-Fundus berichten die beiden ausführlich über ihre Recherchen und die Entstehung des Films.

Martin Eigler und Sönke Lars Neuwöhner auf dem SWR-Sommerfestival. Bild: Timo Bredehöft

Wie entstand die Handlung des neuen Stuttgarter TATORT "Freigang" - kam die Idee vom SWR oder von Ihnen?

Neuwöhner: Wir hatten die Idee, was über ein Gefängnis zum machen, einen Gefängnis-TATORT zu erzählen. Wir hatten auch die Idee, einen TATORT so zu erzählen, dass er nicht anfängt wie ein klassischer Whodunnit mit einer Leiche und dann in verschiedenen Milieus ermittelt wird, sondern in einem geschlossenen Raum. Das war sozusagen der Anfang von dem, was wir erzählen wollten. Dazu wollten wir etwas draufgeben, was denkbar ist, aber eben nicht in dem Maße wie wir es dann erzählen.

Eigler: Es liegt ja nahe zu sagen, was ist wenn diese Welt des Gefängnisses, von der wir alle hoffen, dass sie abgeschlossen ist, in der Realität nicht mehr so abgeschlossen ist. Also wenn die Mauern auf einmal durchlässig sind, wenn die Tore sich öffnen für Leute, die gar nicht raus sollen und das fanden wir als Ausgangspunkt eben extrem spannend.

Regisseur Martin Eigler mit den Hauptdarstellern Herbert Knaup und Richy Müller. Bild: SWR/Johannes Krieg

Gab es einen konkreten Anlass - wie einen realen Vorfall - an dem Sie sich da orientiert haben?

Neuwöhner: Für die Richtung, in die wir diese Geschichte getrieben haben, gab es in der Tat einen konkreten Anlass oder eine konkrete Lektüre. Das hat aber nichts mit hiesigen Verhältnissen zu tun, sondern tatsächlich mit Verhältnissen in Mexiko oder auch teilweise in Amerika. Dazu gab es einen Artikel, den ich unglaublich interessant fand und den wir uns zum Ausgang genommen haben, um uns zu überlegen: In welcher Form ist eigentlich sowas hier auch denkbar? Das war ein Artikel, wirklich monströs, da waren wirklich Killerkommandos, die aus dem Gefängnis heraus losgeschickt wurden, und verschiedene Ebenen bis hin zur obersten Spitze des Gefängnisses waren verwickelt in die Sache. Das war ein Ausgangspunkt, ein greller Ausgangspunkt, um abzuklopfen, was ist eigentlich hier in Deutschland denkbar von dem, was wir erzählen in dieser Geschichte.

Und wie viel ist Ihrer Meinung nach davon tatsächlich denkbar?

Neuwöhner: Das ist schwer zu sagen, das ist natürlich nicht so wie in Mexiko, was wir jetzt hier erzählen. Ich würde jetzt nicht unterstellen, das es irgendwo in dem Ausmaß vorkommt, aber es gibt in der Struktur der Gefängnisse, soweit wir recherchieren können, nichts, was dem zwingend widerspricht.

Für den Kölner Fall "Schützlinge" arbeiteten Eigler und Neuwöhner bereits gemeinsam an einem TATORT. Bild: WDR/Michael Bšöhme

Eigler: Ich habe in unterschiedlichen JVAs dann auch gefragt, als die Geschichte so ungefähr stand, wie viele Leute müssten eigentlich unter einer Decke stecken, damit das funktioniert. Das ist eben sehr von der Größe einer JVA abhängig, aber bei der Nachtschicht sind nur noch relativ wenig Menschen in der JVA. Weil die Gefangenen eingeschlossen sind, weil die ganzen Bereiche abgeschlossen sind. Wenn dann das wenige Personal, das vor Ort ist, sich abspricht und gut miteinander arbeitet, dann ist es eben nicht mehr so völlig unwahrscheinlich wie am Tag, wo natürlich zum Teil Hunderte beschäftigt sind.

Im Kleinen ist es so, das hört man dann schon immer wieder, dass es diese Interessensverbindungen zwischen den Angestellten und den Insassen gibt. Das sind natürlich Fälle, die auch verfolgt werden, wenn sie denn publik werden, aber wie kommen die Drogen da rein? Das passiert nicht nur über die Verwandten und Bekannten, die die Gefangenen besuchen. Da gibt es immer wieder Fälle, wo man weiß, die sind zu nah aneinander gerückt. Damit wird meist auch offen umgegangen und das ist natürlich dann eine interessante Grundlage, um weiterzudenken.

Inwiefern war es denn möglich, bei den Recherchen Informationen von den JVAs zu bekommen?

Eigler: Bei mir ist es natürlich durch Dreharbeiten in unterschiedlichen JVAs immer wieder zum Kontakt gekommen, wo ich immer wieder  gedreht hab und mir da Geschichten angehört habe von Leuten, die dort gearbeitet haben. Privat kenne ich auch jemanden, der in einer JVA arbeitet und aus diesen ganzen Aspekten und aus den Sachen, die Sönke recherchiert hat, hat sich das eigentlich zusammengesetzt.

Zu Martin Eiglers bisherigen 7 TATORT-Arbeiten zählt auch "Blutgeld" von 2010. Bild: SWR/Stephanie Schweigert

Neuwöhner: Also ich hatte in einem anderen Leben sozusagen als Journalist gearbeitet, da hatte ich auch mit einem Häftling zu tun, der in Berlin-Tegel saß. Dort hatte ich für ein bis zwei Artikel recherchiert und von daher kam auch immer so ein Interesse, mal was zu machen über diese Welt, die sofort anfängt, sobald man diese Schleuse als Besucher mal überquert.

Eigler: Bei so einer Geschichte sagen die JVAs natürlich, das habt ihr euch ausgedacht, zu der konkreten Handlung brauchen wir euch nichts zu erzählen. Aber sie erzählen uns schon über die Sicherheitsstandards, die sie haben, und mit welchen Ebenen man zu tun hat. Welche Schleusensysteme es gibt, wo man eben nicht durch kann, wenn nicht ein anderer von außen die Schleuse öffnet. Für so ein Verständnis von den Sicherheitssystemen waren sie schon durchaus bereit, weil die Systeme eben auch sehr gut sind. Also wenn die Menschen da alle gut arbeiten, hat man keine Chance.

War es bei den hohen Sicherheitsstandards nicht auch sehr schwierig, einen JVA zu finden, die für die Drehbarbeiten bereit war?

Eigler: Ja, wir haben in ganz Deutschland gesucht und mehrere Überlegungen gehabt. Es gab auch zwei noch nicht fertige JVAs, wo wir überlegt haben, können wir das von der Ausstattung leisten, das so einzurichten, dass es aussieht wie ein belebter Knast. Das schien uns dann zu aufwändig. In Rosdorf waren sie von vornherein sehr interessiert, Dreharbeiten kennenzulernen und wir haben da wirklich sehr offene Mitarbeiter getroffen. Da die JVA nicht voll besetzt war, gab es dann die Möglichkeit, ein paar Gefangene für die Drehzeit aus einem Flur zu verlagern, so dass wir uns da relativ frei bewegen konnten. Relativ, weil man bei jeder Tür darum bitten musste, dass die aufgemacht wird. Wenn man mit 40 Leuten in so einer JVA ist, steht man permanent vor geschlossenen Türen. Jedes Mal musste ein Angestellter der JVA danebenstehen und die Tür aufmachen. Wenn man selber zwischen Schauspielern und Team hin- und herlaufen wollte, musste jedes Mal die Tür geöffnet werden. Wir haben zwei Wochen da gedreht und wir waren alle tief beeindruckt, mit welcher Ruhe und mit welcher positiven Haltung die unsere Dreharbeiten unterstützt haben. Das war sensationell.

Die JVA befindet sich real in Rosdorf bei Göttingen. Bild: SWR/Johannes Krieg

Neuwöhner: Was es bestimmt auch nicht einfacher gemacht hat, ein passendes Gefängnis zu finden: Wir wollten kein Gefängnis zeigen, wie man es oft im Fernsehen sieht. Man sieht meistens dieselben, wo man nämlich drehen kann und das sind dann meistens welche aus wilhelminischen Zeiten, düster, mit diesen klassischen Netzen in der Mitte. Diesen Look wollten wir von vornherein nicht, sondern wir wollten ein modernes Gefängnis, lautlos, ja sozusagen, das von außen aussieht wie ein Kasten, aus dem man eigentlich überhaupt nicht raus kann.

Eigler: Was uns bei den Dreharbeiten noch wichtig war: dass man versucht, Abläufe realistisch zu zeigen. Dass Türen zum Beispiel nicht immer mit diesem Schloss, sondern eben mit Transpondern geöffnet werden. Wenn die Mitarbeiter uns gesagt haben, das würden wir so und so machen, dann haben wir geschaut, dass man es eben darauf anpasst, um nichts weiter zuzuspitzen und spekulativer zu machen.

Sind neben solchen kleinen Anpassungen auch größere Ideen im Rahmen der Drehbuchentwicklung verworfen worden?

Was hin- und herüberlegt wurde von allen Beteiligten: wie geht man mit dem Zeitsprung um beim Undercover-Einsatz? Wenn wir einen Mord etablieren, dann gibt es eine Mordermittlung und dann kommt man auf die Idee, so jemand einzuschleusen und dann vergeht Zeit, das ist für den TATORT sehr unüblich, das zu erzählen. Da gab es dann die Überlegung, fangen wir direkt mit dem Undercover-Einsatz an, was wir jetzt nicht tun. Wir fangen sozusagen schon klassisch an mit einem Mord und machen dann diesen Zeitsprung im TATORT. Da gab es also Alternativen und die hatte man dann nicht genommen.

Lannert undercover als Peter Seiler. Bild: SWR/Johannes Krieg

Aber der Undercover-Einsatz war von Anfang an für Lannert geplant?

Eigler: Bei der Biografie von Lannert ist es ja sehr passend gewesen, dass er vorher als Undercover-Polizist in Hamburg tätig war und das finden wir eigentlich immer ganz schön, wenn man solche Biografie-Elemente wieder aufnimmt und weitererzählt. Das hat sich natürlich super angeboten bei dem Stoff.

Der Stuttgarter TATORT hat neben Lannerts Vergangenheit ja noch weitere durchgehende Handlungsstränge wie die Entwicklung der Familie von Bootz. Gibt es vom Sender Vorgaben, ob und wie solche Stränge weiterzuerzählen sind?

Eigler: Ja, da gibt es Überlegungen vom Sender und von der Produktion, welche Linien sie betonen möchten und welche Sachen dann in Zukunft auch abzuhandeln sind. Das sind eigentlich immer spannende Diskussionen mit Redaktion und Produktion, wie man das hinkriegt, dass es für die Geschichte passt und trotzdem eben auch deren Perspektiven umgesetzt werden können.

Bootz und Lannert. Bild: SWR/Johannes Krieg

Gibt es ein Skript mit den bisherigen Handlungselementen oder mussten sie sich im Vorfeld alle bisherigen Fälle des Teams anschauen?

Neuwöhner: Wir durften! Es gibt auch so ein paar Skripte, Zettel zur Weiterentwicklung und Konzeptpapiere.

Und was gefällt Ihnen besonders an dem Team?

Eigler: Mir macht diese Jungs-Konstellation Spaß, die da an der Front stehen, weil die irgendwie einen ganz guten Umgang miteinander haben, einen ganz guten Witz. Es sind eben auch so ein bisschen körperlich orientierte Geschichten möglich und das finde ich reizvoll.

Also können wir in Zukunft noch öfter Stuttgarter TATORTe von Ihnen erwarten?

Neuwöhner: Der nächste Stuttgarter TATORT, der im November kommt, ist ja auch aus meiner Feder. Das ist ein Zufall, das hat sich so ergeben. Das Drehbuch ist mit Sven Poser, einem anderen Coautor aus unserer Autorengruppe Plotpower entstanden.

Eigler: Wieder hier zu arbeiten ist auf jeden Fall eine spannende Perspektive.

Das Interview führte Timo Bredehöft am 29. Mai in Stuttgart


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