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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Alle meine Jungs

Lehrstück mit Müll

Erol Yesilkaya, der gemeinsam mit Boris Dennulat das Drehbuch zu diesem Bremer TATORT erdachte, schrieb seine Doktorarbeit über den hongkongchinesischen Film. Seine Vorliebe für Stoffe, die mit ritueller Männlichkeit sowie triadenhaften, kriminellen Organisationsformen zu tun haben, kann man im neuen Fall von Lürsen und Stedefreund begutachten: Es geht um eine Männerriege aus Ex-Knackis, die vom patenhaften Bewährungshelfer "Papa" gesteuert wird.

Die Ermittler Stedefreund und Lürsen befragen die Kollegen des Toten. © Radio Bremen / Jörg Landsberg

Dass der Bremer TATORT-Krimi Alle meine Jungs sich nicht weiter mit der Frage beschäftigt, wer denn nun der Mörder ist, macht ihn innerhalb der biederen deutschen Krimirätsel-Kultur ziemlich sympathisch. Doch muss es unbedingt bis Minute 60 dauern, damit dieses bösartige und am Ende irritierende Stück seine Handbremse löst?

Der übel blutende Müllmann Maik Dekker versucht in seinem orangenen Arbeitsgerät zu fliehen, doch es ist zu spät. Der Abfallwagen fährt in die Pampa, und das Opfer erliegt seinen Stichverletzungen. Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund beginnen ihre Ermittlungen im Kollegenkreis des Müllmanns. Wer fuhr mit Maik, welches "Standing" hatte er in der Gruppe?

Während die Bremer Ermittler auf eine schweigende Wand tätowierter Männer in orange treffen scheint der junge Kollege Sascha unter großem emotionalen Druck zu stehen und "reden" zu wollen. Doch der Ausstieg aus einem perfekt organisierten Reha-Leben, das der niemals auf seiner Amtstube anzutreffende Bewährungshelfer Uwe "Papa" Frank in sanfter Väterlichkeit organisiert, scheint ebenso schwer wie gefährlich.

Sascha versucht seine Schwester zu überzeugen, mit ihm auszusteigen. © Radio Bremen / Jörg Landsberg

Einiges in diesem Bremer Krimi erinnert an James Mangolds brillanten Thriller "Cop Land" aus dem Jahr 1997. Darin schafft eine von Harvey Keitel geführte Gruppe korrupter New Yorker Cops ihre eigene, friedlich perfekte New-Jersey-Gemeinde nach eigenen Regeln. Eine biedere Bullen-Kleinstadt, in der nie etwas passiert - so lange sich jeder an die Regeln hält und keine Fragen stellt.

Auch im Bremer Pendant schafft "Papa", der stets genussvoll essend in einem China-Restaurant Audienzen hält, einen beeindruckenden Sozialplan für seine Müllmänner. Alle wohnen in der gleichen Straße und zahlen ihr Eigenheim ab. Sogar private, subventionierte Kitaplätze für den Nachwuchs gibt es. Dass die gesamte Fürsorgekultur nach mafiösen Strukturen, dem Mitmachen-und-Maul-halten-Prinzip funktioniert, muss bald auch der von Gewissensbissen geplagte Sascha erfahren. Als er sich der Polizei offenbaren will, bekommt seine geliebte Schwester Yvonne die harte Hand des "papaschen" Sozialsystems zu spüren.

Bewährungshelfer "Papa" residiert im China-Restaurant. © Radio Bremen / Jörg Landsberg

Wo in diesem Krimi die Fronten verlaufen, wer zu den Guten zählt und wer etwas zu verbergen hat - all das ist im wieder einmal vom Bremer Stammregisseur Florian Baxmeyer inszenierten TATORT schnell klar. Entsprechend langatmig gerät zu Anfang das Auffächern der Beziehungswelten zwischen den Müllmännern, ihren Frauen, Kindern und Verrätern.

Einzig und allein die wunderbar facettenreich gespielte Figur des "Papa" sorgt hier für Lustgewinn, denn einen Gewaltfreiheit propagierenden und eine soziale Vision verfolgenden Bösewicht hat man lange nicht mehr im deutschen Fernsehen gesehen. Doch erst als der Fall nach zwei Dritteln seiner Spielzeit aufgrund einer Gewalttat neue Dynamik erhält, gewinnt auch der Krimi an Tempo.

In den letzten 30 Minuten ist er schlichtweg brillant. Da wird der Zuschauer in ein bösartiges Stück rund um Müllgeschäfte eingeführt und auch die Auflösung des finalen Konfliktes darf als verblüffend bezeichnet werden. Dazu kommen eine temporeiche Inszenierung und Bildsprache von kinematografischer Größe. Vielleicht hätte man einen 60-Minüter aus diesem an sich toll erdachten Stoff machen sollen - doch das wäre dann wohl zu viel der TATORT-Revolution.

Eric Leimann - Teleschau Mediendienst


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