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Kaltstart

"Die Geschichte glaubt uns kein Mensch"

Im Autoradio plärrt wieder rotziger Punk: Kommissar Thorsten Falke ist ein denkbar unangepasster Querkopf. Oder schickt es sich wirklich für eine frisch gebackene Führungskraft der Bundespolizei, einen Song wie "I Fought The Law" von The Clash zu lieben? Doch um Konventionen, um diplomatisch-verbindliches Auftreten schert sich der rebellisch gebliebene Aufsteiger mit der braunen Lederjacke wenig.

Katharina Lorenz und Thorsten Falke versuchen die Drahtzieher einer Schlepper-Bande aufzuspüren. © NDR / Boris Laewen

Zusammen mit seiner Kollegin Katharina Lorenz wird er nach Wilhemshaven gerufen. In der Nähe des Container-Terminals ging eine selbstkonstruierte Gasflaschen-Bombe in die Luft. Sie tötete zwei Polizisten, die gerade einen Menschen-Schleuser auffliegen lassen wollten. "Ein echter Scheiß-Kaltstart", schimpft Falke über den neuen Job. Er kniet sich richtig rein, ermittelt viel, deckt immer Schlimmeres auf - und steht doch mit leeren Händen da. "Tatort: Kaltstart" ist ein Film, den man gerne ansieht - auch wenn er grandios scheitert. Es ist ein Krimi, der nicht ins Korsett passt und die Zuschauer ratlos macht.

Eigentlich ist der ehrlich malochende Ermittler, der bei einem Verhör einem verschlossenen Hafenarbeiter seine zupackend-schwieligen Hände zeigt und damit das Eis bricht, nämlich auch der klassische "Neue", der auf eine Mauer des Schweigens trifft. Thorsten Falke übernimmt den von Anfang an etwas unklaren Fall, in dem es um Schlepperbanden geht, um lukrative Geschäfte mit dem Elend von Afrikanern, die in Containern heimlich ins Land geschmuggelt werden, aber möglicherweise auch um viel mehr. Falkes Problem: Er muss sich mit den Polizei-Kollegen vor Ort zusammenraufen - und führt sich auf wie ein aufbrausender Soziapath. Doch vielleicht ist seine Wut verständlich: Immerhin hatte er mal was mit der schönen jungen Kollegin, die in dem Explosionsfeuer ums Leben kam. Trotzdem oder gerade deswegen schnauzt er die Polizisten vor Ort an - und lässt den "Chef" raushängen. "Der soll mal den Ball flach halten", schimpft er über Gerd Carstens, der nicht minder geschockt ist über den Tod seiner Kollegen.

Eingepfercht in einen Hochsee-Container kommen afrikanische Flüchtlinge ins Land. © NDR / Boris Laewen

Gut möglich, dass es aber auch der Frust ist, dass die Ermittlungen komplett auf der Stelle treten. Natürlich muss es Hintermänner für die zynischen Praktiken am hochmodernen, aber fast gespenstisch menschenleeren Tiefseehafen geben. Jemand hatte gefälschte Pässe besorgt, mit denen die "Illegalen" ihre Knochenarbeit als Schlachter in Großmetzgereien antreten konnten. Doch warum kam es zum Streit unter den Menschenhändlern? Und was weiß der Spediteur Behrend Dreyer, der so viele Motive für seinen angestauten Hass hat? Immerhin hat er auf das große Geschäft gehofft - und nun kommt alle paar Tage mal ein einziges Schiff. "Es ist aber auch wirklich nichts los hier", sagt Falke, als er über den dauerverregneten Container-Umschlagplatz läuft. Dreyer hat alles verloren, sein Geschäft wurde gepfändet, er wirkt dem Wahnsinn nahe. Doch ist er ein Verbrecher?

Spediteur Dreyer hat sich in der Aussicht auf gutes Container-Geschäft komplett verspekuliert. © NDR / Boris Laewen

Anders als die Kommissare ahnen die Zuschauer schon, dass mehr hinter dem Fall steckt - möglicherweise eine gespenstische, von verborgenen Kräften gesteuerte Verschwörung. Spuren weisen in Richtung Waffenhandel, dann glaubt man, es mit Geheimdienst-Überwachungen zu tun zu haben. Hermann Jertz, der sich den Ermittlern als Makler vorstellt und natürlich keiner ist, spielt die Finsterling-Rolle, die aus dem Bilderbuch stammt. Was spannend und vieldeutig beginnt, verläuft sich allerdings recht rasch im Murks und in der Unglaubwürdigkeit. Was den Film dennoch rettet: Er sieht grandios aus, kann sich auf erstklassige Darsteller stützen und bringt einen Breitwand-Look mit Schauplätzen (verlotterte Kommando-Brücken von Hochsee-Schiffen, Luftaufnahmen von Hafenanlagen) ins Pantoffelkino, den man im deutschen Fernsehen nicht alle Tage zu sehen bekommt.

Trotzdem haben für Regisseur und Drehbuchautor offenbar 90 Minuten nicht ausgereicht, um all das, was sie andeuten und erzählen wollen, in einen Film zu packen. Man verrät nicht zu viel, wenn man erwähnt, dass vieles offen bleibt. Und vielleicht hat am Ende Kommissarin Lorenz einfach recht, wenn sie sagt: "Die Geschichte glaubt uns kein Mensch."

Rupert Sommer - Teleschau Mediendienst


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