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Heute ist der: 14.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Brüder

Einmal Nidal, immer Nidal

Notruf in Bremen: Jemand fühlt sich verfolgt und bedroht, bittet um schnelle Hilfe, Bremsenquietschen, die Verbindung reißt ab. Eine Streife wird zum Ort des Geschehens geschickt. Die beiden Polizisten David Förster und Anne Peters treffen dort auf drei Männer, die offensichtlich jemanden in einem Lieferwagen gefangen halten. Die Lage eskaliert: Während der jüngste der Täter fröhlich mit dem Handy filmt, treten die anderen die Polizistin zusammen, die gerade noch versucht hatte, Verstärkung anzufordern.

Die Polizisten Anne Peters und David Förster geraten nach einem Notruf in große Gefahr. © RB/Jörg Landsberg

Am Ende bleibt die lebensgefährlich verletzte Beamtin am Tatort zurück, von ihrem Kollegen und dem mutmaßlichen Entführungsopfer fehlt – nein, eben nicht jede Spur: ein bisschen Schädeldecke samt Hirnmasse ist noch vor Ort, mindestens einen Toten also muss es also gegeben haben. Inga Lürsen und Nils Stedefreund versuchen, den Tathergang zu ergründen.

Die Macht der Clans

Wenn der TATORT der Spiegel der gesellschaftlichen Diskussionen, ein Archiv der Zeitgeschichte ist, dann muss man wohl festhalten, dass ganz allmählich ein neues Kapitel aufgeschlagen wird. So ein Film jedenfalls wäre vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen.
Denn die drei äußerst brutalen Täter sind, wie sich rasch herausstellt, Mitglieder des arabischen Nidal-Clans, dessen Mitglieder einst in der Ost-Türkei lebten, dann in den Libanon flüchteten, dort als Staatenlose lebten und vor dreißig Jahren schließlich als Flüchtlinge nach Bremen kamen, wo sie prompt mit Arbeitsverboten begrüßt wurden. Da sei sicherlich einiges schief gelaufen damals, gesteht Inga Lürsen in einem der wenigen verbaldiskursiven Momente des Films dem Clan-Oberhaupt zu, aber wenn die „Söhne hier auf alles scheißen, dann müssen sie sich auch nicht wundern, wenn man hier auch auf sie scheißt.“ „Ist die Frage nach Henne und Ei“, erwidert der alte Nidal da: „Wer hat zuerst geschissen?“

Hassan Nidal ist „Anführer“ eines kriminellen Clans. © RB/Jörg Landsberg

Und damit ist’s dann auch schon gut mit gesellschaftlicher Ursachenforschung, denn so oder so, jetzt stinkt die Scheiße halt zum Himmel, um im Bild (und dem in dieser ruppigen Folge üblichen Sprachduktus) zu bleiben. Die wird sehr ungeschönt in Szene gesetzt. Der Nidal-Clan beherrscht mittels seiner zahlreichen Mitglieder, gefügig gemachter Zuarbeiter und eines reichlich verzweigten Firmen-Imperiums offenbar beachtliche Teile Bremens, die Menschen kennen und fürchten ihn. Drogenhandel, Überfälle, Glücksspiel, das ganze Programm. Und jede Menge Straftaten, deren Drahtzieher fast immer ungestraft davon kommen. „Das Gesetz hier bin ich“, sagt in einer Schlüsselszene einer der Nidal-Brüder, Hassan, der als so etwas wie der Außenminister und operative Chef des Clans agiert. Dessen Mitglieder bringen diese Haltung jederzeit überdeutlich zum Ausdruck: Ob sie obszöne Gesten vor Gericht zeigen, dort herumpöbeln oder Polizisten ins Gesicht spucken, sie fühlen sich sicher, mächtig und als die unangefochtenen Herren der Stadt. Falls doch mal einem etwas nachgewiesen werden kann, wird der fix außer Landes gebracht, Informanten im Staatsapparat stechen die notwendigen Informationen schon rechtzeitig durch.

Ein beunruhigendes Bild

Es ist ein beunruhigendes Bild, dass die Drehbuchautoren Wilfried Huismann und Dagmar Gabler sowie Regisseur Florian Baxmeyer hier zeichnen, ein Bild in düsteren Farben, das aber dennoch nicht überzeichnet wirkt, sondern eher einen unschönen Aspekt der Wirklichkeit wiederzugeben scheint. Es gibt sie wohl, diese Clans, die sich als Staat im Staate gerieren, und nicht zuletzt durch die äußerst überzeugenden Darstellerleistungen gerade der Schauspieler, die die Migrationshintergründler geben, allen voran Dar Salim als der zwischen Gewaltexzess und kultiviertem Geschäftsmann hin und her changierende Hassan Nidal, wirkt alles sehr authentisch.

Das Bremer Ermittlungsteam sucht am Tatort nach Spuren. © RB/Jörg Landsberg

Die Geschichte des Films ist komplex in Szene gesetzt und perfekt durchkonstruiert, trotz offener Täterführung hoch spannend, Bilder und Musik erzeugen ein Gefühl anhaltender Bedrohung, Parallelschnitte zwischen den verschiedenen Handlungsebenen unterstützen das Gefühl eines umfassenden Netzwerks, das die Stadt durchzieht. Keine Sekunde wird an irgendwelche Nebenhandlungen vergeudet, der gesamte Ablauf ist hochkonzentriert, dennoch jederzeit nachvollziehbar.
Kurz: Technisch ist der Film tadellos, für einen TATORT gar überraschend modern, und das ohne dafür auf aufgesetzte Effekte zu setzen. Einzig der Showdown ist letztlich übergeigt, der muss als Konzession an die Sonntagabendsehgewohnheiten des Massenpublikums gedeutet werden. Vielleicht finden andere Zuschauer es aber auch plausibel, wo die Handlungsträger da plötzlich alle herkommen und woher sie wissen, wer gerade wo ist. Geschenkt – das ändert nichts an der hohen Qualität, die sich neben der handwerklichen Makellosigkeit auch in der Figurenzeichnung und dem vielschichtigen Beziehungsgeflecht wiederfindet. Ja, die Bösen hier sind ordentlich böse, und trotzdem wirken sie, anders als Verbrecher mit Migrationshintergrund oder verrohte migrationshintergründische Jugendliche sonst gern im TATORT, nie gekünstelt oder wie karikaturenhafte Abziehbilder. Und das, obwohl im Grunde jedes Klischee des „kriminellen Ausländers“ geradezu übererfüllt wird.

Hauptkommissarin Inga Lürsen sucht das Gespräch mit der Familie Nidal. © RB/Jörg Landsberg

Gemischte Gefühle

Was ein Grund ist, weshalb man dann doch etwas verstört auf den Film blickt. Ein anderer Grund ist das Ende und die damit verbundene Aussage, die hier aus Spannungserhaltungsgründen noch nicht thematisiert werden soll, die aber irritierend eindeutig in Szene gesetzt wird. Am problematischsten schließlich und drittens ist jedoch die bipolare Figurenaufstellung im Film: Da haben wir einerseits die Vertreter des Rechtsstaates, die Polizisten und Richter, die überwiegend als Schluffis, Feiglinge und irgendwie verwöhnt-verweichlichte Bildungsbürger in Szene gesetzt werden.

Der Leiter der Polizeiwache, einer der wenigen harten Hunde auf dieser Seite, bringt es auf den Punkt, wenn er angesichts des Versagens aufgrund von Feigheit eines seiner Leute schimpft, das komme eben dabei heraus, wenn man Abiturienten zur Polizei nimmt. Weshalb er seine Leute lieber zum polizeiinternen „Brutalisierungskurs“ (der wird dort allen Ernstes so genannt) schickt, geleitet von dem Migranten Mesut Sömnez, der seine Schüler gleich zu Beginn auffordert, das „Multikulti-Gelaber von der Polizeiakademie“ zu vergessen, denn: „Es wird keinen Dialog geben, wenn ihr euch nicht vorher Respekt verschafft.“ Und: „Ihr müsst denen das Gefühl geben, dass die Bullen immer noch die stärkste Gang da draußen sind.“ Auf der anderen Seite sehen wir mit dem Nidal-Clan dann diejenigen, die diese Gesetze der Straße voll verinnerlicht haben – eine etwas gruselige Grundkonstellation, die den Verfechtern des „starken Staates“ doch ziemlich nach dem Mund redet. Andererseits: Wenn eben dieser starke Staat Brutalisierungskurse und den Verzicht auf Bildung bedeutet, dann drängt sich die Frage natürlich umso deutlicher auf, ob es das ist, was wir wollen.

Hassan und sein Rechtsanwalt haben eigene Regeln. © RB/Jörg Landsberg

Keine Political Correctness

Vielleicht war man in der ARD den ewigen Vorwurf der Rechtspopulisten leid, man folge dort einer überbordenden Political Correctness und betätige sich als gutmenschlicher Volkserzieher. Das jedenfalls wird Brüder niemand vorwerfen können. Dafür wird es viel Applaus von der falschen Seite geben, von all jenen, die es ja schon immer gewusst haben, dass diese ganzen Ausländer kriminell, respektlos und brutal seien. Und bei der Vorstellung, wie Millionen Bild-Leser und Sarrazin-Fans beim Schauen des Films triumphierend auf die Tischplatte schlagen und ihr obligatorisches „Endlich sagt’s mal einer!“ grunzen, kann einem schon schummerig werden.

Aus genau diesem Grund wurde im TATORT bislang bei der Thematik immer irgendein Gegenpol eingebaut, der gute Migrant, der zeigt, dass man das eben nicht verallgemeinern darf, während die Kommissare in unendlichen Pro- und Contra-Dialogen Verständnis für die schweren Verhältnisse entwickelten und das Thema von allen Seiten beleuchteten. Schließlich war’s am Ende dann ja doch auch meist ein deutscher Ureinwohner, der als Oberschuft enttarnt wurde. Auf all diese Entschärfungen und Differenzierungen verzichtet Brüder. Das kann man durchaus mutig nennen. So unwohl einem bei dem Gedanken an die Wirkung des Films auch sein mag, so ermutigend ist vielleicht andererseits die Vorstellung, dass wir allmählich einen Schritt weiter kommen in der gesellschaftlichen Debatte. Dass wir die Realität zeigen können, ohne dauernd die verdammten Selbstverständlichkeiten betonen zu müssen, dass man nicht pauschalisieren darf, dass alles seine Ursachen hat.
Denn letztlich sind wir wohl erst dann in der Realität der deutschen Einwanderungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts und einer hoffentlich irgendwann mal allgemein verbreiteten Gleichbehandlung aller Einwohner ungeachtet von ethnischen religiösen oder sonstigen Hintergründe angekommen, wenn der miese Migrant genauso ungeschönt dargestellt werden kann wie der miese Urdeutsche.

Brüder wagt diesen Schritt zu einem Zeitpunkt, an dem zumindest nicht ganz unerhebliche Teile der Gesellschaft so weit noch nicht sind. Und hat damit beste Chancen, auch dem Rassisten-Mob von „Politically Incorrect“ zu gefallen. Vielleicht ist das der Preis, den man zahlen muss auf dem Weg zu einer Normalität des Zusammenlebens. Vor den Reaktionen in den Leserkommentaren der Medienportale und Internetforen darf man sich dennoch jetzt schon ein wenig fürchten.

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/


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