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Heute ist der: 18.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Zirkuskind

Wo bitte bleibt der Nervenkitzel?

Neuerdings entdecken die TATORT-Macher die Zirkuszelte als Schauplatz wieder. Eben noch, im HR-Tatort "Schwindelfrei", recherchierte Ulrich Tukur undercover in einer Zirkusband als Piano-Player und Puppen-Poet, jetzt - im SWR-Tatort "Zirkuskind" - müssen Lena Odenthal und Kopper zwischen den Wohnwägen ran.

Ein Toter in der Manege. © SWR / Alexander Kluge

Dass sich alle drei zunächst als Zuschauer auf den Rängen als eingefleischte Zirkusfans erweisen, muss noch kein Hinweis auf lästige Wiederholung sein. Wählte Tukur ein eher fellinihaft riskantes Genre (und landete gar im Balkankrieg!), so gehen es die SWR-Leute unter der ersten TATORT-Regie von Till Endemann eher betont bieder und klischeeverbunden an.

Dabei haben sie beim SWR-Vorläufer SWF vor Zeiten, in den 60-ern des vergangenen Jahrhunderts, mal eine klasse Zirkusserie gemacht - "Salto mortale" mit Gustav Knuth und lauter tollen Leuten, die unter der Zirkuskuppel nie ratlos waren, sondern wirklich um Job und Familie kämpften. Anklänge an das berühmte Hausprodukt hätten sich angeboten, Ironie beim "Remake" dürfte sein.

Lena und Kopper vermuten, dass Robbi Sonner in eine illegale Aktion verwickelt ist. © SWR / Alexander Kluge

Doch nichts von alldem in Zirkuskind. Atmosphärelos und reichlich wehleidig wird die Härte des Zirkuslebens beklagt, meist in dürren Behauptungen und kaum in für sich sprechenden Bildern. Glühlämpchen-Romantik und Gladiatorenmarsch sind einfach zu wenig, um Zirkusluft zu wittern. Die weihnachtlich leuchtenden Augen der Kommissarin sind da leider kein Ersatz.

Zirkus war immer schon ein guter Boden für Spannung und Suspense. Würde der Fänger zum Trommelwirbel den Partner schnappen, oder ließ er ihn am Ende mit Absicht zu Boden gleiten? Hier aber: ein dröger Fall von Schmuggelei. Just, nachdem die Kommissare voller Begeisterung eine Vorstellung des Zirkus "Burani" besuchten, liegt ein Feuerschlucker leblos in der Manege. "Profikiller", behauptet die "mannemmernde" Spurensicherung. Ein einziger Schlag auf die Schläfe hatte genügt. "Wer war's?", fragen sich Kopper und Odenthal und bekommen allzu eilfertig die Argumente für Tatmotive geliefert. Hat am Ende gar der Bruder des Toten, gleichfalls Feuerschlucker wie dieser, aus Eifersucht zugeschlagen? Urlaubsbilder aus dem tunesischen Winterquartier weisen darauf hin.

Zirkusfan Lena Odenthal kann nicht widerstehen: Sie probiert sich auf dem Hochseil aus. © SWR / Alexander Kluge

Sehr bald wird man allerdings - ohne zu viel zu verraten - in eine ganz andere Richtung geführt. Eine Glaskugel, so erkennt Lena Odenthal mit Hilfe eines aufschlussreichen Diavortrags beim hilfswilligen LKA, weist auf Antiquitätenschmuggel (!) hin. Es wird viel heimlich exportiert aus Afrika, und womit ließe sich Schmuggelgut besser transportieren als etwa in Zirkuswägen?

Die eigentliche Geschichte sollte wohl die einer abgesunkenen Zirkusfamilie werden: Der Vater gestorben aus Gram über das schwierige Zirkusleben; die Mutter gewillt, den Zirkus, komme was will, zu erhalten; die Tochter ("ein Scheißberuf!") drauf und dran, ihre Trapezkünste aufzugeben. Kein mütterliches Flehen ("Du bist ein Zirkuskind!") vermag da noch zu helfen.

Feli Winkler tritt schon seit ihrer frühen Kindheit im Zirkus auf. © SWR / Alexander Kluge

Doch zum Zirkusdrama reicht es nicht. Viel zu lieblos gehen Text und Regie mit ihren Figuren um. Arg verhärmt serviert Steffi Kühnert als Prinzipalin ihren weinerlichen Text. Selbst Liv Lisa Fries, die durchaus das Zeug zur Zirkusprinzessin hätte, bleibt ohne wirklichen Widerpart eher blass.

Das soll nun der 900. TATORT der renommierten ARD-Sendereihe gewesen sein. Bald feiert Ulrike Folkerts ihr 25-Jahre-Jubiläum (ihr erster Film wurde am 29.10.1989 ausgestrahlt), im Herbst kommt auch ihr 60. Film. An die starken Folkerts-Anfänge darf man da gar nicht erst denken. Es werden einfach zu viele TATORTe produziert, die Qualität scheint im allgemeinen Hype von Twitter und Public Viewing keine Rolle mehr zu spielen. Doch der TATORT als Selbstläufer - das ist ein gefährliches Spiel, das irgendwann in einem Salto mortale enden könnte.

Wilfried Geldner - Teleschau Mediendienst


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