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Heute ist der: 19.12.2018. --> Bis heute wurden 1087 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Großer schwarzer Vogel

Müder Abschied

Schauspieler Dominic Raacke deutete ja an, dass sein Abschied als Berliner TATORT-Kommissar ohne Spektakel vonstatten gehen wird. "Soll ich etwa in den Sonnenuntergang reiten oder erschossen werden? Nein. Wenn ich privat auf einer Party bin, und es ist Zeit für mich zu gehen, rufe ich ja auch nicht: 'Alle mal herhören, ich gehe", sagte er in einem Interview. Der Film "Großer schwarzer Vogel", der letzte gemeinsame Fall des beliebten Buddy-Duos Till Ritter und Felix Stark, ist tatsächlich ausgesprochen ruhig und bedächtig geraten.

Beim Attentat mit einer Briefbombe vor Anne Kröbers Wohnung stirbt ein Junge. Bild: rbb/Conny Klein

"Ich weiß, dass ich nicht gewinnen kann. Aber ich muss trotzdem immer wieder hin", sagt der anonyme Anrufer in der Radio-Talksendung von Nico Lohmann, und man hört aus jedem seiner resignierten Worte heraus, wie sehr der Mann leidet. Er hat ein Spielsuchtproblem, und da kann Lohmann, der à la Domian beim Berliner Lokalfunk den nächtlichen Call-In-Kummerkasten für gestrandete Seelen gibt, auch nicht weiterhelfen. Er verbindet mit der Psychologin vom Dienst und spielt erst mal einen Song. Und "Push The Sky Away" von Nick Cave & The Bad Seeds ist so ziemlich das ergreifendste Stück, das einen in so einer nächtlichen Melancholie durchschütteln kann. Selten ist man so verheißungsvoll und intensiv in einen TATORT-Krimi hineingesogen worden.

Doch das böse Erwachen kommt am nächsten Morgen - auch für den Zuschauer, der ab sofort reihenweise Krimistandardsätze der Marke: "Wir ermitteln in alle Richtungen" zu hören bekommt. Es ist Furchtbares passiert: Ein kleiner Junge wurde beim Spielen von einer explodierenden Briefbombe so erschreckt, dass er bei einem Sturz ums Leben kam - der "Anschlag" (der kleine Sprengsatz hätte eigentlich nicht ausgereicht, um jemanden zu töten) galt Lohmann, dessen schwangere Freundin Anne das Kind im Treppenhaus findet. Und dann wird eben ermittelt, in alle Richtungen.

Nico Lohmann moderiert seine bekannte Radiosendung ?Nicos Nacht?. Bild: rbb/Conny Klein

Hinein in Lohmanns Gegenwart - so ein Domianverschnitt, der Frauen in "Nicos Nacht" schon mal rät, den Gatten zu verlassen, hat zwangsläufig Feinde -, und hinein in Lohmanns Vergangenheit, die sich erst mal nicht so leicht rekonstruieren lässt. Und zwar allein aus dem einem Grund, der im Krimi immer nervt: Dem Radio-Mann muss man jedes Wort aus der Nase ziehen, er gibt sich gegenüber der Polizei, aber auch gegenüber seiner Frau extrem wortkarg.

Erst nach und nach finden die Kommissare heraus, was Sache ist: Früher war Nico ein großes Schwimmtalent, träumte von Olympia, und sein überehrgeiziger Sportlervater machte als Trainer mächtig Druck. Hat er zu viel gepusht? Jedenfalls gab es vor Jahren einen schweren Autounfall, der schlagartig alles im Leben Lohmanns änderte. Der Schwimmstar brach sich die Beine, später ging seine Freundin Henriette. Doch viel schlimmer ist, dass bei dem Unglück damals eine Frau und ihre kleine Tochter ums Leben kamen.

Stark und Ritter nach einer Verfolgungsjagd. Bild: rbb/Conny Klein

Was so schön atmosphärisch beginnt, verliert sich in routinierter, manchmal fast lustlos wirkender TV-Ermittlerarbeit. Immer wieder die gleichen Fragen, die gleichen abweisenden Antworten, hier noch eine falsche Fährte, dort ein Nebenschauplatz - das zieht sich, und dabei hat man schon nach zehn Minuten geschnallt, auf was das Ganze wohl hinausläuft. Die Schauspieler, allen voran Florian Panzner und die fast überqualifiziert wirkende Julia Koschitz im Zentrum des Geschehens, mühen sich nach Kräften, aber trotz der starken Besetzung fehlt es den blassen Protagonisten in der Geschichte von Titus Selge und Jochen Greve an Tiefe.

Alles in allem ein leises Finale für den Münchner Dominic Raacke, der seit 1999 als Berliner Kommissar Till Ritter fiktiven Verbrechern das Handwerk legte. Dass die Autoren dem bis dato so beherzten und durchaus testosterongeladenen Hauptkommissar seltsamerweise noch eine durch nächtliche Schlaflosigkeit bedingte Dauer-Müdigkeit aufgesetzt haben, macht die lieblose Abschiedsnummer natürlich auch nicht fesselnder. "You've got it, just keep on pushing and, keep on pushing and push the sky away", singt Nick Cave am Ende noch einmal, und mehr Gefühl geht eigentlich nicht. Aber auch durch die musikalische Klammer wirkt der Film nicht eindringlicher.

Im Mai beginnen die Dreharbeiten für eine weitere Berliner TATORT-Folge: Dann führt Stark die Ermittlungen allein - mit einem Team. Dieser Film trägt den Arbeitstitel "Die Vorsehung", er kommt voraussichtlich am 16. November ins Erste. Eine Entscheidung über das neue Ermittlerteam ist noch nicht gefallen.

Frank Rauscher - Teleschau Mediendienst


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