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Heute ist der: 25.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

SR-TATORT

"Eine hochgradig unsachliche Kampagne"

Nicht nur der heftig angefeindete "Wetten, dass ..?"-Moderator Markus Lanz weiß es längst: Die Internet-Gemeinde kann gnadenlos sein, wenn sie sich mal eingeschossen hat auf ein Shitstorm-Opfer. Nach nur zwei Ausstrahlungen mit Starschauspieler Devid Striesow als Kommissar Jens Stellbrink steht der neue Saar-TATORT schon mit dem Rücken zur Wand.

Sven Haasberger engagiert sich ehrenamtlich als Schwimmtrainer. Aus ehrenwerten Motiven? © SR / Manuela Meyer

"Bitte diesen TATORT absetzen", schimpften die Facebook-Nutzer, "nicht zum Aushalten" sei das Ganze. Die Rolle der Staatsanwältin, befand ein User auf Twitter, sei auf dem Niveau einer "Theater-AG". Da hat es fast etwas von bitterer Ironie, dass es im dritten Striesow-TATORT aus Saarbrücken nun um gnadenlose Internet-Hetze geht. Die Episode Adams Alptraum handelt von einem ehrenamtlichen Jugend-Schwimmtrainer, der im Netz als pädophil diffamiert und von einem Brutalo-Flash-Mob ins Koma geprügelt wird. Dass der erneut von Hannu Salonen inszenierte Fall deutlich ernster und konventioneller geraten ist als die verspielten und skurrilen Vorgängerfilme, will Martin Hofmann aber nicht als Reaktion auf die Kritik verstanden wissen. Der Geschäftsführer der ProSaar Medienproduktion, der sich als Produzent für den Saar-TATORT verantwortlich zeichnet, will den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen und spricht von einer verletzenden Medien-Kampagne gegen sein Team.

Martin Hofmann, Produzent des Saar-TATORTs. © Askania Media / Hardy Spitz

teleschau: Herr Hofmann, der dritte Saar-TATORT mit Devid Striesow ist deutlich ernster und konventioneller geraten als die ersten beiden Folgen. Ist Ihnen der skurrile Humor abhandengekommen?

Martin Hofmann: Uns ging es am Anfang darum, eine Figur klar zu etablieren. Da trat der Fall schon einmal in den Hintergrund. Inzwischen kennt man die Figur, jetzt geht es darum, die Fälle mit der jeweils thematisch gebotenen Ernsthaftigkeit zu erzählen. Wir griffen ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema auf: Lynchjustiz aufgrund von Internet-Bashing gepaart mit dem Vorwurf der Pädophilie. Das ergibt ein Themenfeld, das ernsthaft und genau behandelt werden muss. Noch bevor wir das fertige Drehbuch verfilmen konnten, wurden wir von der Wirklichkeit eingeholt.

teleschau: Worauf spielen Sie an?

Hofmann: März 2012 in Emden: Da wurde ein 17-Jähriger fälschlich verdächtigt, seine Mitschülerin vergewaltigt und umgebracht zu haben. Im Internet löste das eine Lawine aus. Da wurde wirklich eine Menschenhatz betrieben.

teleschau: Eine gern diskutierte Frage: Soll der TATORT die soziale Wirklichkeit abbilden, oder soll er in erster Linie unterhalten?

Hofmann: Meine persönliche Meinung ist: Für gesellschaftspolitisch hochrelevante Stoffe ist der Mittwochabend im Ersten der ideale Sendeplatz. Der Sonntag sollte für gut erzählte Krimis da sein. Wenn es allerdings gelingt, im unterhaltsamen, hochwertigen Krimiformat gesellschaftlich relevante Geschichten ohne erhobenen Zeigefinger zu erzählen, dann ist das der "Volltreffer".

Schrammen mit Symbolkraft: Starschauspieler Devid Striesow war bislang vor allem Lob und Filmpreise gewohnt - als Saar-Kommissar prasselt auf ihn enorme Kritik ein. © SR / Manuela Meyer

teleschau: Haben Sie mit der Hinwendung zur sozialen Relevanz das Humorkonzept für die Striesow-TATORTe nun verworfen?

Hofmann: Wir haben nach wie vor eine schillernde Figur, die ungewöhnliche Ermittlungsmethoden an den Tag legt und in ihrer wohlgelaunten Lakonie anders daherkommt als andere Fernsehkommissare. Sie hebt sich schon dadurch ab, dass sie ihrem Umfeld eher durch gute Laune auf die Nerven geht und nicht durch depressives oder unwirsches Verhalten. Deshalb würde ich nicht sagen, dass wir das Konzept über den Haufen werfen. Wir bleiben der Figur treu. Aber natürlich haben wir Stellschrauben neu justiert. Wir nehmen ja Kritik ernst, wenn sie berechtigt ist. Etwa die Frage: Ist die Staatsanwältin übertrieben dargestellt?

teleschau: Wie haben Sie die bisweilen harte, wenn nicht sogar überharte Kritik an den ersten beiden Filmen wahrgenommen?

Hofmann: Man vergisst immer, dass wir auch sehr viel positive Kritik bekommen haben. Die "Potsdamer Neuesten Nachrichten" schrieben: "Aki Kaurismäki trifft 'Breaking Bad' - beim Saarbrücken-TATORT mit Devid Striesow spielen großartige Bilder, charmanter Slapstick und skurrile Charaktere die Hauptrolle." - Oder der "Berliner Kurier": "Es ist erfrischend, Devid Striesow als Kommissar Stellbrink zu erleben." Ich könnte seitenweise solche Stellen zitieren. Dann aber kam die Ausstrahlung, und plötzlich wurden wir überall gegeißelt, vor allem im Internet: bei Facebook, bei "Tatort-Fundus" und was weiß ich nicht wo. Plötzlich hieß es: Das war der schlechteste TATORT aller Zeiten.

Hannu Salonen zeichnet als Regisseur der ersten drei Saar-TATORTe mit Devid Striesow verantwortlich. © SR / Manuela Meyer

teleschau: Erstaunlich, wie viele "schlechteste TATORTe aller Zeiten" dieser Tage ausgemacht werden.

Hofmann: Ja, nicht? Neulich erst wurde ein außergewöhnlicher Münchner TATORT von Dominik Graf so bezeichnet. Ich bin Dominik Graf direkt böse, dass er uns den Titel geklaut hat (lacht).

teleschau: Dann können Sie Anfeindungen mit Humor nehmen?

Hofmann: Ja und nein. Es war doch stellenweise sehr verletzend. Es gab eine hochgradig persönliche und unsachliche Kampagne gegen einzelne Mitwirkende, die weit über das Erträgliche hinausging. Für so etwas hält sich mein Verständnis in Grenzen.

teleschau: Mussten Sie Ihre Schauspieler moralisch aufrichten?

Hofmann: Das musste ich. Ich führte viele Telefonate und hielt eine Ansprache ans Team, um ein paar Sachen richtig zu stellen, die in manchen Publikationen schlichtweg falsch dargestellt wurden.

teleschau: Wie geht Devid Striesow mit der Situation um, die für ihn neu sein dürfte? Er wurde bislang in seiner Karriere ja überwiegend gelobt.

Hofmann: Er verhielt sich großartig! Er sagte: Das ist meine Figur, das ist der Weg, und auf dem werden wir auch weitermachen. Punkt, aus. Er steht wie eine Eins. Devid Striesow ist ohnehin außerordentlich eng involviert in die Stoffentwicklung. Jeder Schauspieler dieser Güte achtet sehr genau darauf, was mit seiner Figur geschieht. Mit Recht! Schließlich hält er im wahrsten Wortsinne den Kopf hin.

teleschau: Müssen Sie sich als Fernsehmacher daran gewöhnen, dass Sie den Kopf immer öfter auch in den "Shitstorm" halten müssen?

Hofmann: So sind die neuen Zeiten. Es ist ja auch toll, dass der TATORT so ernst genommen wird, dass darüber eine Diskussion geführt wird. Darauf kann man stolz sein. Am Ende ist es in unserem Gewerbe aber wie in der Politik: Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte kein Koch werden. Es gibt keinen Kollegen, der nur Erfolg hat und nur Lob einheimst. Kritik gehört genauso dazu. Nur sollte sie fair und sachlich bleiben.

Die Taffe und der Schluffi: Lisa Marx und Jens Stellbrink ermitteln im Saarland. © SR / Manuela Meyer

teleschau: Sind Sie auch privat TATORT-Fan?

Hofmann: Selbstverständlich. Der TATORT ist für mich nicht nur beruflich seit mittlerweile drei Jahrzehnten ein Vergnügen. Deshalb ist der Sonntagabend ein Pflichttermin. Und natürlich interessiert mich auch, was die Kollegen machen. Für den TATORT produzieren zu dürfen, ist ein Ritterschlag und eine Ehre.

teleschau: Und eine prestigeträchtige Aufgabe dazu ...

Hofmann: In der Tat. Der TATORT ist von größtem Interesse für die jeweiligen Landesrundfunkanstalten - in unserem Fall für den SR. Er ist die Visitenkarte des Senders in die ARD hinein. Deshalb werden auch sehr klare und deutliche Vorstellungen formuliert. Die Fachredaktionen der Landesrundfunkanstalten tragen die Ideen hinein in die sogenannte ARD-Fernsehspielkoordination, wo sie weiter diskutiert und abgestimmt werden. Man erlebt also eine sehr starke Identifikation seitens der Sender.

teleschau: Fühlen Sie sich durch die vielen Mitentscheider eingeengt?

Hofmann: Nein. Der kreative Rahmen, der gesteckt wird, ist immer noch groß genug. Sonst dürfte es einen so unkonventionellen Kommissar wie Jens Stellbrink gar nicht geben. Es ist aber letztlich wie in der Schule: Wenn der Besinnungsaufsatz gefragt ist und ich schreibe eine Nacherzählung, habe ich das Thema verfehlt. Ein paar Regeln muss man schon einhalten - das gilt auch und gerade für den TATORT, der trotzdem eine enorme Vielfalt bietet.

teleschau: Die Regeln werden aber immer weiter gedehnt. Es gibt immer mehr skurrile Kommissare - und überhaupt eine Inflation immer neuer TATORT-Reviere in allen Ecken des Landes. Glauben Sie, dass das die Marke TATORT auf Dauer verwässern kann?

Hofmann: Das glaube ich nicht. Nicht solange die Filme, die Storys und die Protagonisten stimmen. Es arbeiten ja tolle Leute für den TATORT - und da sind Schauspieler, denen man einfach gerne zuschaut.

Jens Szameit - Teleschau Mediendienst


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