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Heute ist der: 22.10.2019. --> Bis heute wurden 1119 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Franziska

Finale für Franziska

Tessa Mittelstaedt verlässt den TATORT, und zum Abschied gönnt ihr der WDR ein spektakuläres Finale, in dem die bisherige Nebenrolle Franziska ganz in den Mittelpunkt rückt ? gleichzeitig gelingt so einer der besten Kölner Beiträge zur Reihe überhaupt. Ein in jeder Hinsicht atemberaubender Klaustrophobie-Thriller, den man in der Tat keinem 15-jährigen zur Ansicht wünscht.

Neben ihrem Job bei der Mordkommission engagiert sich Franziska Lüttgenjohann als ehrenamtliche Bewährungshelferin. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Die Helferin als Geisel

Franziska ist die gute Seele der Kölner Mordkommission, die im Berufsleben normalerweise ihren Vorgesetzten Freddy Schenk und Max Ballauf den Rücken freihält oder den leicht hyperventilierenden Staatsanwalt von Prinz betüddelt und dabei häufig so etwas wie gesunden Menschenverstand und beherzten Pragmatismus in die etwas überhitzte Atmosphäre bringt. Dabei wurde sie stets als selbstbewusste Frau mit normalem Privatleben gezeichnet, und in diesem ist auch noch Platz für Idealismus und ehrenamtliches Engagement: als Bewährungshelferin nämlich. Ihr muss der Vergewaltiger und Frauenmörder Daniel Kehl nicht sympathisch sein, aber der Mann hat seine Strafe abgesessen und gilt als austherapiert, in Kürze soll er in die Freiheit entlassen werden. Die Gefängnisdirektorin ist allerdings skeptisch wegen der Prognose des Mannes, aber Franziska verteidigt eisern die rechtsstaatlichen Grundlagen. Dabei geht es natürlich um die Frage, ob Kehl nach seiner Entlassung wieder kriminell aktiv wird. Zur Überraschung aller, besonders aber von Franziska, wird er es aber noch zuvor: Beim Vorbereitungsgespräch nimmt er seine Bewährungshelferin als Geisel, zurrt ihr einen Kabelbinder um den Hals und droht, final zuzuziehen, wenn er nicht umgehend freigelassen wird. Und das wenige Tage, bevor er sowieso entlassen worden wäre. Ist der Mann irre?

Frau Streiter und Franziska sprechen über die Entlassung Kehls. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

So irre jedenfalls nicht, als dass er nicht doch einen aus seiner Sicht guten Grund für sein Handeln hätte: Im Gefängnis ist ein Mord geschehen, und alles deutet auf Kehl als Täter hin. Er selbst bezeichnet sich als unschuldig, da ihm aber eh niemand glauben werde, sieht er sich nun also zu rabiaten Methoden genötigt, den lang ersehnten Weg in die Freiheit doch noch antreten zu können. Das SEK bezieht Stellung, aber jedem ist klar, dass im Fall eines Zugriffs Franziskas Leben hochgradig gefährdet wäre. Die perfide Wirkung eines Kabelbinders wird eindrücklich plastisch dargestellt. Die entscheidende Frage ist: Blufft Kehl, oder würde er am Ende seine Geisel mit in den Abgrund reißen?

Während Franziska nun gezwungenermaßen ein Psycho-Duell mit ihrem Peiniger beginnt und dabei alles, was sie berufsbedingt über das richtige Verhalten während Geiselnahmen gelernt hat, zunehmend verzweifelt durchexerziert, diskutiert gleichzeitig der Krisenstab aus Gefängnisdirektorin, von Prinz und SEK-Leiter fieberhaft die Möglichkeiten einer Stürmung. Und schließlich versuchen Franziskas Kollegen Ballauf und Schenk, den Gefängnismord im Expresstempo aufzuklären, um so möglichst Kehls Unschuld zu beweisen und ihn auf diese Weise zum Aufgeben zu bewegen.

Dr. Joseph Roth muss unter extremem Zeitdruck herausfinden wie Sergej Rowitsch ermordet wurde. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Handwerklich perfekter Thriller

Jürgen Werner (Drehbuch) und Dror Zahavi (Regie) liefern mit Franziska einen hochkonzentrierten, schnurgeraden, handwerklich perfekt umgesetzten Klaustrophobie-Thriller ab, der seine Spannung aus genauem Timing, der alptraumhaften Geisel-Situation und dem offenen Ausgang bezieht. Denn für den Zuschauer ist nicht richtig abschätzbar, was genau Kehl antreibt (was nicht zuletzt auch am undurchschaubaren Spiel von Hinnerk Schönemann liegt): Ist der wirklich das unschuldige Opfer eines Komplotts, oder war er am Ende doch auch im jüngsten Fall der Täter? Und hinter allem lauert natürlich die Vorgeschichte des Frauenmörders: Wird seine momentane Macht über die Polizistin den eigentlich wegtherapierten Triebtäter ihn ihm wecken? Beziehungsweise: Lagen die Gutachter falsch mit ihrer Einschätzung über seine Ungefährlichkeit (und die Gefängnisdirektorin richtig)? Schließlich weiß der Zuschauer ja zudem, dass es Franziskas letzter Fall für das Kölner Team sein wird, was die Frage offen lässt, auf welche Weise sie aus der Reihe ausscheidet. Das sichere Gefühl, dass den Helden schon nichts geschehen wird, will sich hier jedenfalls von vornherein nicht einstellen.

Daniel Kehl hat Franziska in seiner Gewalt. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

All das sorgt ? neben überzeugenden schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten und einer punktgenauen Inszenierung ? für einen der dramatischsten, beunruhigendsten und spannendsten Filme der TATORT-Geschichte. Dass Schenk/Ballauf und die klassische Ermittlungsarbeit am Mordfall hier in den Hintergrund geraten angesichts des Duells Kehl/Franziska, tut dem keinen Abbruch. Tessa Mittelstaedt wird zum Abschied noch einmal die ganz große Bühne bereitet, und die bislang ja immer rollenbedingt im Schatten ihrer Kollegen stehende Schauspielerin nutzt ihre Freiräume und spielt groß auf.

Kurz: Sicher der beste Köln-TATORT der letzten Jahre und einer der besten überhaupt von diesem Team.

Beweissicherung im Knast. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Bedrohungsszenario und Rechtsstaatlichkeit

Zu diskutieren sind hier noch zwei Nebenaspekte: Da ist einerseits die Streitfrage, ob es tatsächlich gerechtfertigt war, den Film aus Jugendschutzgründen vom 20.15-Uhr-Stammplatz zu verbannen und erst nach 22 Uhr auszustrahlen. Man mag das in Zeiten, wo jedem Jugendlichen von Youporn bis zum jüngsten islamistischen Köpfungsvideo praktisch jede Brutalität und Obszönität jederzeit problemlos zugänglich ist, für weltfremd und albern halten, zumal Franziska nicht im eigentlichen Sinne übermäßig blutrünstig oder gewalttätig ist. Das nun vielzitierte ?Bedrohungsszenario? allerdings, das kann man bedenkenlos konstatieren, ist in der Tat bedrückend und dürfte nicht nur manch 15-jährigem noch längere Zeit nachgehen. Anders gesagt: Der Film ist durchaus geeignet, Zuschauer auch nachhaltig zu verängstigen, was seine Jugendschutz-Klassifizierung als nicht abwegig erscheinen lässt.

Am Rande der Ermittlungen im Knast. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Schließlich könnte man noch anmerken, dass der Film auch inhaltlich nicht ganz ohne ist. Oft wird dem TATORT ja vorgeworfen, er arbeite zu volkspädagogisch, oder um das Deppenwort Nummer eins hier mal zu zitieren: er sei zu gutmenschlich. Sagen wir so: Diesen Vorwurf kann man Franziska nicht machen. Das Anliegen eines rechtsstaatlich korrekten Umgangs auch mit verurteilten Sexualstraftätern wird durch den Film sicher nicht unbedingt unterstützt, und angehenden ehrenamtlichen Bewährungshelfern wird der Mund nicht gerade wässrig gemacht, sich in ihre neue Aufgabe zu stürzen. Wenn es natürlich auch trotz dieser Diagnose möglich sein muss, solche Filme zu drehen, zumal wenn das Ergebnis so gelungen ist wie hier, ist es vielleicht nicht zuletzt auch aus diesem Grund nicht so schlecht, dass der Film erst später ausgestrahlt wird.

Für wirklich TATORT-Freunde ohnehin: Denn an einem Abend zwei dermaßen hochkarätige Erstsendungen wie an diesem Abend mit der Abfolge Der Eskimo und Franziska ? was könnte man mehr wollen?

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/


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