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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und der Engel

Wenn Engel träumen

Was für ein Silvesterknaller: Zum Jahresabschluss gerät Kommissar Borowski im sommerlichen Kiel an eine Frau, die Wärme sucht und Träume leben möchte, dabei aber Kälte und Alpträume verbreitet. Und zum Abschluss des Jahresabschluss überrascht eine der originellsten Auflösungen der TATORT-Geschichte.

Borowski philosophiert über Mörder - und fängt sie! © NDR/ Christine Schröder

Das Leben hoch oben im Norden scheint nicht gut zu sein für das labile menschliche Gemüt. Nirgendwo sonst im TATORT-Land jedenfalls ist die Dichte an Psychopathen höher, und nirgendwo sonst finden sie mit dem zuständigen Ermittler Borowski einen Widerpart, der ihnen im Grunde ganz nahe steht. Nur eben, dass die einen morden, der andere dagegen nicht.

Was macht den Unterschied? Darüber philosophiert Borowski in der Eingangssequenz in einer Vorlesung, während wir dazwischen geschnitten den jungen Starpianisten Christian van Meeren bei einem gefeierten Konzert in die Tasten hauen sehen. Und eine junge, attraktive Frau, die sich in ihrer Wohnung eine kleinen Märchenwelt erschaffen hat, eine Dreigroschenheft-Träumerin, die romantische Filme und eine weiche Plüsch-Welt liebt, in der Frauen noch kleine, elegant gekleidete Diven sind, umworben von echten Galanen, kurz: Sie sehnt sich nach der heilen Welt.

Man ahnt, dass das der Grund gewesen sein könnte, warum sie Altenpflegerin wurde. Und man weiß, dass die Realität des Altenpflegerberufes in einer Stadt wie Kiel so gar nichts von einer schmonzettigenSissihaftigkeit hat. Was offenbar auf Dauer eine gewisses emotionales Defizit in Sabrina Dobisch verursacht hat: Als sie am Fenster zufällig Zeugin eines Unfalls wird, bei dem eine Katze überfahren wurde, und beobachtet, wie sehr die Besitzerin um ihr geliebtes Tier weint, spürt und ersehnt sie die großen Emotionen, das bedingungslose Geliebtwerden, das dem nun mehr mausetoten Katzentier zuteil wird, die ganz großen Gefühle eben.

Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) steht mit der Katze am Straßenrand. Was heckt sie aus?© NDR/ Christine Schröder

Später auf Arbeit ? Dobisch betreut als mobile Altenpflegerin Menschen, die pflegebedürftig sind, aber zu Hause leben ? sucht sie etwas von dieser Wärme bei einem ihrer Schutzbefohlenen, doch der alte Mann stößt sie unwirsch fort. Gut, das hat er sicher nicht böse gemeint, der Herr ist offenbar schon sehr eingetrübt, sie rappelt sich auf, setzt sich vor den Fernseher und versinkt in einem schwarz-weißen Liebesfilm. Als ihr, tja: Kunde? Patient? nach ihr ruft, dreht sie den Fernseher etwas lauter. Wegen Träumen kurzzeitig geschlossen. Ist es ihre Schuld, dass der Alte in diesem Moment stirbt? Dobisch kehrt zurück in die Professionalität, ruft pflichtgemäß den Arzt, sieht die Katze des Toten, setzt sie in eine Tasche und nimmt sie mit. Aus Barmherzigkeit dem Tier oder aus schlechtem Gewissen dem Alten gegenüber? Oder weil sie schon einen ganz anderen Plan gefasst hat?

So oder so, sie lässt sich erst mal beim Friseur die Haare schick machen, steht dann schön wie ein Engel versonnen in der sommerlichen Straßenszenerie, wo Menschen Eis schlecken und Blumen kaufen ? und im nächsten Moment lässt sie die Katze aus dem Sack beziehungsweise aus der Tasche, und scheucht sie somit direkt vor ein heranbrausendes Auto, dessen Fahrerin dem Tier auszuweichen versucht, dabei die Kontrolle verliert, jenen zufällig in diesem Moment mit einem schönen Sommerstrauß aus dem Blumengeschäft kommenden Pianisten überfährt und anschließend an der Häuserfront endet.

Sarah Brandt (Sibel Kekilli) zweifelt an Sabrina Dobisch?s Aussage (Lavinia Wilson). © NDR/ Christine Schröder

Kein Film großer Erklärungen

Es sind bis jetzt noch keine zehn Minuten des Films vergangen und kaum ein Wort wurde gesprochen, und doch haben Drehbuchautor Sascha Arango und Regisseur Andreas Kleinert bereits eine ganze Filmwelt mit leichter Hand entworfen und die emotional gestörte Heldin ihres Ausnahme-Films charakterisiert, ohne dass irgendjemand etwas erklärt hätte.

So wird es auch bleiben.

Ein Verbrechen? Oder eine märchenhafte Fügung des Schicksals?Dobisch jedenfalls eilt als Ersthelferin zur Unfallstelle, kann die Fahrerin retten und hält dem sterbenden Passanten die Hand ?damit beginnt eine wahnwitzige Lügengeschichte zwischen Tagträumerei, der Sehnsucht nach der heilen Welt und skrupelloser Egomanie. Denn sie will ihren Traum jetzt leben, um jeden Preis.

Während Dobisch ? verkörpert von der groß aufspielenden Lavinia Wilson ? sich nun also eine ihr genehme Traumwelt, wie sie ihr gefällt, zu machen versucht durch ein immer versponneneres Netz an Lügen und dabei immer waghalsiger über den Grat zwischen Realitätsverlust und eiskalter logischer Planung entlangwandelt, glaubt Borowski, der Anti-Romantiker, der Desillusionierte, der Nicht-Träumer, ihr kein Wort und versucht, sie der Lüge zu überführen.

Kommissar Borowski (Axel Milberg) stellt Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) zur Rede. © NDR/ Christine Schröder

Trilogie freundlicher Psychopathen

Es ist die blanke Freude, den beiden Antagonisten dabei zuzusehen. Selten zuvor im TATORT wurden furchterregende menschliche Abgründe derart sommerlich flauschig und sexy inszeniert. Das Grauen, es kommt eben auch schon mal im luftigen Blümchenkleid und auf Highheels daher. Dabei verzichtet der Film konsequent auf jede Erklärung, jede Einordnung, jede Diagnose. Die offenkundige Psychopathin wird in ihrem Handeln einfach als ganz normaler Mensch gezeichnet, geradezu zärtlich porträtiert. Fast empfindet man es als lästig, dass immer wieder die profane Realität in die Sommerfantasie einbricht, sei es durch die hier wieder Bodenständigkeit liefernde Sarah Brandt, die sich lieber an die Fakten hält und damit letztlich völlig falsch liegt, sei es der unbeholfene Chef Schladitz, der sich selbst in den Zeh schießt und damit sehr deutlich auf die Widernisse des Alltags verweist, seien es die Nebenfiguren, die im ganz normalen Leben mit dem totgefahrenen van Meeren zu tun hatten.

Sarah Brandt (Sibel Kekilli) und Kommissar Borowski (Axel Milberg) studieren die regionalen Berichterstattungen im Fernsehen. © NDR/ Christine Schröder

?Borowski und der Engel? schließt inhaltlich direkt an die ebenfalls von Sascha Arango verantworteten, viel gelobten Filme ?Borowski und die Frau am Fenster? sowie ?Borowski und der stille Gast? an, die Trilogie freundlicher Kieler Psychopathen sozusagen. Der Film ist elegant umgesetzt, verspielt, locker im Ton, von herausragenden schauspielerischen Leistungen ? allen voran Axel Milberg und eben Lavinia Wilson ? getragen, raffiniert konstruiert und wartet trotz offener Täterführung mit einem wahrhaftig überraschenden Ende auf, dass es so in der TATORT-Geschichte auch noch nicht gegeben hat. Herausragend! Und, nebenbei, ein würdiger Jubiläumsfall für das zehnjährige Dienstjubiläum von Kommissar Borowski im TATORT.

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/


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