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Heute ist der: 20.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Happy Birthday, Sarah

Ein TATORT der guten alten Art

Es ist schon eine komische Sache, wenn man sich immer gleich jung fühlt und trotzdem immer öfter zugeben muss, dass man älter wird. Denn früher, und nur die Älteren werden sich daran erinnern, war ja der TATORT ein Kriminalfilmformat. Man freute sich darauf, weil er relativ selten kam und war dann durchaus interessiert an der Lösung des Kriminalfalles. Wie der Kommissar hieß, war dem durchschnittlichen Zuschauer nicht unbedingt geläufig, denn er hatte kein Privatleben, sondern war nur dienstlich anzutreffen.

Thorsten Lannert will Sarah dazu bewegen, ihr Geständnis zu revidieren. © SWR/Stephanie Schweigert

Später dann kamen neue Kommissare und Kommissarinnen, bekanntermaßen ermitteln ja mehr Frauen im TATORT als in der langweiligen Realität. Dann kamen weitere Ermittlerinnen und Ermittler hinzu, die nicht unbedingt Polizisten sein mussten und sich auch nicht unbedingt brennend für die Lösung des Falls interessieren mussten. Die ErmittlerInnen hatten auch einen Haufen persönlicher Probleme, viele Beziehungen untereinander und gegeneinander, sehr viel Persönlichkeit und noch mehr Zerbrechlichkeit. Alkohol, Tabletten, Affären und Streit mit den KollegInnen ? wie sollte man da die Zeit finden, auch noch einen Mordfall aufzuklären?

Und wenn alle so kaputt sind, dann ist auch die Fluktuation des Personals sehr hoch. Man hat den Eindruck, dass in den letzten fünfzig TATORTen circa neunundvierzig mal der oder die ?Neue? eingeführt wurde, die dann erst einmal die KollegInnen kennen lernen musste. Für die Lösung der Fälle wurde zunehmend der Zuschauer verantwortlich gemacht, was aber für einen auch nur mäßig Krimi-Interessierten kein besonderes Problem war, zwar trugen die Täter noch keine schwarzen Hüte, aber man konnte sich ungefähr denken, dass die Enthüllung über den unsympathischen Banker am Ende eher nicht ist, dass er heimlich Waisenkinder in Krankenhäusern gesund pflegt.

Keine einfache Situation für Sebastian Bootz: Einerseits freut er sich, dass seine Kinder gern bei ihm übernachten wollen, andererseits muss er möglicherweise zu einem Einsatz. © SWR/Stephanie Schweigert

Eigentlich bräuchte man zusätzlich zum wunderbaren ?Tatort-Reiniger? auch noch einen ?Tatort-Therapeuten?, eine gruppentherapeutische Praxis, in der sich all die zerbrechlichen und zerbrochenen ErmittlerInnen mal über ihre Befindlichkeiten austauschen können. Ihre Erfahrungen darüber teilen, wie es ist, als neuer Kollege in einem hierarchisch geprägten Arbeitsfeld wie einem Polizeipräsidium anfangen zu müssen. Eine solche Therapie hätte vielleicht den Vorteil, dass wir uns wieder mehr mit Kriminalfilmen und nicht mit missglückten Komödien oder Problemfilmen beschäftigen dürften.


Happy Birthday, Sarah, um das klar zu sagen, ist ein guter, alter TATORT im besten Sinne. Der Kriminalfall ist interessant und vielschichtig, das Privatleben der Kommissare im Vergleich zum Fall von untergeordneter Bedeutung und was wir erfahren, hat sogar einen direkten Bezug zum Fall.

In einer Freizeiteinrichtung für sozial schwache Jugendliche wird einer der Sozialarbeiter ermordet aufgefunden. Nicht nur die Lage der Jugendlichen, die dort betreut werden sollten, auch der innere und äußere Zustand der Einrichtung ist problematisch. Die Finanzierung wackelt, weil die Stiftung hinter der Einrichtung wohl pleite ist und es gab den Verdacht, dass der ermordete Sozialarbeiter kleine Kinder mehr lieb hatte, als das gesetzlich erlaubt ist.

Sarah hält Ronald Prager, den Freund ihrer Schwester, für einen Blödmann und lässt ihn das auch spüren. Was er gar nicht leiden kann. © SWR/Stephanie Schweigert

Der Verdacht fällt auf das Problemkind Sarah, eine explosives Raubtier von einem Mädchen, genauso schön und genauso gefährlich wie eine Leopardin. Ruby O. Fee spielt die Sarah aus dem Titel absolut überzeugend und ganz ohne falsche Töne, was bei dieser Rolle eine große Leistung ist. Sie ist glaubwürdig kaputt, ohne plakativ asozial zu sein, sie ist zerbrochen schön, ohne heimlich hübsch zu sein. Die Wut, mit der sie sich unter ihre Kopfhörer zurückzieht und zu alter Rockmusik ihre kaputte Welt betrachtet, ist mit den Händen zu greifen. Die Ermittler verhaften und befragen Sarah ? und die gibt alles zu. Die gesamte Tat in allen Einzelheiten. Der Sozialarbeiter habe sie zum Sex zwingen wollen, da sei sie ausgerastet. Alle Beweise sprechen für ihre Version und sogar als Kommissar Bootz sie mit einer Tatsimulation eines falschen Geständnisses überführen will, weil doch ein so zartes Mädchen keinen bewusstlosen erwachsenen Mann bewegen könne, dreht und zieht sie ihn mit einer Selbstverständlichkeit über den Flur des Vernehmungszimmers, als würde sie wöchentlich mehrere Männer mit dem Kopf ins Klo stecken, um sie dort zu ertränken.

Völlig überrascht ist Sarah allerdings, als die Kommissare herausfinden, dass sie erst in ein paar Tagen vierzehn wird und daher völlig straffrei ausgeht. Sie setzt sich wieder die Kopfhörer auf und geht zurück zu ihrer Schwester, deren kontrollschwachen Freund und dem Kampfhund der Familie ? was man so Zuhause nennt.

Hier soll nicht mehr verraten werden, als dass der Fall damit natürlich doch nicht abgeschlossen werden kann. Gelobt werden soll das Buch von Wolfgang Stauch, das nicht nur auf einige liebgewonnene Klischees zu verzichten weiß (der dekadente Millionärssohn mit Pool ist nicht pervers), sondern auch einige äußerst gelungene Plotideen einbringt. Die Regie von Oliver Kienle bleibt am Fall und versucht nicht vor allem, sich selbst zu zelebrieren und die Stuttgarter Kommissare ermitteln konzentriert, obwohl Bootz Schwierigkeiten hat, mit seinem neuen Leben als allein erziehender Vater zurechtzukommmen, was auch für Thorsten Lannert einige spannende Herausforderungen bereiten wird. Alles in allem ein gelungener TATORT der guten alten Art, an dem sicher auch die Jüngeren unter uns ihre Freude haben werden.



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