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Heute ist der: 21.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Kalter Engel

Im Osten nichts Neues

Ein Frauenmörder treibt im beschaulichen Erfurt sein Unwesen. Seine beiden Opfer hat er mit unappetitlichen Verstümmelungen an den Brüsten hinterlassen. In der Stadt herrscht Nervosität. Doch die fleißige Polizei vor Ort hat den Täter ermittelt, jetzt muss er nur noch festgenommen werden. Der Mann flieht, die jungen Kommissare Maik Schaffert und Henry Funck nehmen die Verfolgung auf. In einem leerstehenden Gebäude kommt es zum Showdown: Als der Täter das Feuer auf sie eröffnet, bringen die Polizisten ihn mit einem Schuss in den Oberschenkel zur Strecke.

KOK Schaffert und Praktikantin Grewel begutachten am Tatort erste Beweismittel. Bild: MDR

Ihre bald darauf am Tatort eintreffende Chefin ist not amused über den Alleingang ihrer beiden Jungermittler, die hätten nämlich vorschriftsgemäß aufs SEK warten sollen. Andererseits hält der Zorn sich in Grenzen, denn kurz vor seiner Ergreifung hat der Täter offenbar noch eine dritte Frau nach demselben Muster ermordet, die praktisch zeitgleich an der Gera aufgefunden wurde. Da überwiegt dann doch die Erleichterung über den erfolgreichen Zugriff. Trotz interner Ermittlung  müssen die Kommissare also nicht in den Zwangsurlaub an die Ostsee, sondern dürfen weiter wirken, um die Anklage gegen den Verdächtigen schnellstmöglich wasserdicht zu machen. Willkommen im neuen TATORT Erfurt mit seiner ersten Folge Kalter Engel.

Öffentlich ausgeschriebener Neustart

Ermittler-Neustarts im TATORT sind ja immer etwas Besonderes, die Personalien werden inzwischen medial mit derselben Intensität verhandelt wie sonst nur Ministerämter auf Bundesebene oder Transfers von Champions-League-Fußballern. Entsprechender Erwartungsdruck liegt auf der Premierenfolge, wenn ein neuer TATORT eingeführt wird. Mit Thüringen wird einer der letzten weißen Flecken auf der Landkarte der erfolgreichsten Krimi-Reihe hiesiger Provenienz erschlossen, in der pittoresken Landeshauptstadt Erfurt soll zukünftig einmal im Jahr ermittelt werden. Und natürlich muss man sich was einfallen lassen, damit die Neuproduktion in der beachtlichen Zahl der Teams auch auffällt.

Da der MDR ohnehin gerade wegen diverser Skandale einen ziemlich ramponierten Ruf mit sich herumträgt, bot der Neustart die willkommene Möglichkeit, endlich mal positiv ins Gespräch zu kommen. Alles sollte ganz anders werden ? erstmals wurde gar auf eine öffentliche Ausschreibung (als handele es sich beim TATORT um einen Großflughafen oder einen unterirdischen Bahnhof) für ein neues Konzept gesetzt. Darüber könnte man sich durchaus ein bisschen lustig machen, denn ist es nicht die ureigene Aufgabe einer Fernsehspielredaktion, selbst Konzepte zu entwickeln und einen so guten Überblick über den Markt zu haben, um die geeigneten Personen oder Unternehmen anzusprechen? Andererseits aber ist der Wille, in der zur Erstarrung neigenden Gremienlandschaft der ARD mal einen neuen und zudem dem Modewort der Transparenz zuzuschreibenden Ansatz zu verfolgen, vielleicht ja auch ganz spannend. Das Ergebnis dann aber lässt einen schon die Stirn runzeln: Gewonnen hat nun also ausgerechnet Thomas Bohn. Das ist ein bisschen so, als hätte die SPD nach ihrer Wahlschlappe für einen neuen Aufbruch auf Leute wie Sigmar Gabriel oder Frank-Walter Steinmeier gesetzt.

Das Vertrauen in den unbedingten Willen zum transparenten Neustart wird zudem doch arg geschmälert, wenn kurz vor der Ausstrahlung des ersten Falls ein kritisches Interview des TATORT-Rezensenten Matthias Dell vom ?Freitag? nicht autorisiert wird. Und schon steht der MDR wieder als die muffige, mauernde und maue Anstalt da, die er halt wohl auch ist. Dumm gelaufen.

Das Ermittlerteam recherchiert im Internet die Hintergründe eines möglichen Motivs. Bild: MDR

Das jüngste Team der TATORT-Reihe

Was dem Zuschauer aber alles weitgehend gleichgültig sein könnte, wenn denn nun tatsächlich ein innovatives, neues Team in Erfurt an den Start ginge. Durch irgendein Missverständnis aber scheint man beim MDR den semantischen Unterschied zwischen ?innovativ? und ?jung? nicht zu kennen ? und den zwischen ?jung sein? und ?jung zu sein behaupten? gleich schon gar nicht.
Das ?jüngste Team in der TATORT-Reihe? ist es nun also. Na toll, denkt man sich da, das ist ja eine Leistung. Jung sind sie, das ist ja allerhand. Huihuihui. Und weil diese jungen Leute ja noch so einen unerschöpflichen Bewegungsdrang haben, wird in den ersten drei Minuten des Films also erst mal kräftig gehupft, gesprungen und mit quietschenden Reifen herumgefahren. Action, Baby! Bis der Verdächtige in eingangs beschriebener Sequenz also zur Strecke gebracht ist. Hach, war das aufregend. Und halt: jung!

Viel Häme gab es in anderen Vorab-Besprechungen darüber, dass die Kommissare in einem fort ?krass?, ?Alter? oder gar ?Alter Falter? (bzw. mein Favorit: ?Ich weiß nicht, Alter. Bin voll platt. Krasser Tag heute.?) murmeln und der Kühlschrank voll ist mit Energy-Drinks. Nun ja. Ich fürchte ja eher, diese Accessoires der Jugendlichkeit sind bei den (genau genommen so jung ja nun auch wieder nicht mehr seienden) Dreißigjährigen heutzutage gar nicht so abwegig.

Das Problem sind also weniger Sprache, Gewohnheiten, Ausstattung und Mode der Kommissare (Kommissar Schaffert mit einem dieser Flauschebärte, die vermutlich auch einen Namen haben, den alte Mittvierzigersäcke wie ich zum Glück nicht mehr kennen müssen) ? das Problem ist, dass der Film in Aufbau und Inszenierung ansonsten etwa so jugendlich wirkt wie eine Gesprächsrunde mit Helmut Schmidt. Bei allem behaupteten jungen Schwung wirkt der Streifen so bieder und konventionell wie ein Brinkmann-TATORT aus den Neunzigern. Hinzu kommen die offenbar MDR-notorischen Schwächen in den Dialogen. Ist das Zufall oder System? Schon in Leipzig knirscht und splittert es in den Gesprächen oft wie in einem Sägewerk, ebenso hölzern geht es nun auch in Erfurt zu. Wenn die Chefin etwa sagt: ?Ich brauche keine Hypothesen, ich brauche Beweise? möchte man vor nostalgischer Rührung fast ein Tränchen verdrücken, und dass irgendein junger Kommissar jemals ?Hält er uns für dumm, nur weil wir jung sind?? sagen könnte, wirkt so glaubwürdig, wie wenn die (ansonsten allerdings recht großartig aufspielende) Streber-Praktikantin allen Ernstes Sätze in normalen Unterhaltungen sagt wie: ?Wenn zu viele Stresshormone ausgeschüttet werden, kann das zu einer drastischen Verminderung der Blutzirkulation führen und zum Schock, und das ist nicht zu unterschätzen? oder ?Nein danke, ich steh nicht so auf Stoffwechselbeschleuniger.? Letzteres würde man vielleicht Professor Boerne aus Münster zutrauen, aber hier ist es auch noch energydrinkernst gemeint.

Dazu kommen reichlich sattsam bekannte Versatzstücke. Fast schmerzhaft in der exemplarischen Szene, wenn Kommissar Funck mit seiner Zeugin das Berufliche ins Private gleiten lässt. Das Bett steht bereit, die schnafte Dame zieht sich ins Bad zurück, um sich frisch zu machen, ruft im Spaß noch ?Nicht weglaufen!?, und dann ... Ach, ich muss hier nicht einmal was verraten. Sie denken richtig. Eben.

Lisa Kranz bittet ihren Freund Michael Dankert, ehrlich zu ihr zu sein. Bild: MDR/Marcus Goldhahn

Auf jeden Fall nicht verworren

Bleibt noch der Fall selbst. Sagen wir es mal so: Wer sich in den letzten Wochen beklagt hat, dass die Fälle in Münster und München sowohl von der Handlung als auch von der Inszenierung zu komplex, kompliziert, unübersichtlich waren, der kann hier beruhigt aufatmen. Man kann sich zwischendurch auch ganz in Ruhe in der Küche eine Salami-Pizza aufbacken und danach entspannt zum Fernseher zurückkehren, man wird nicht das geringste Problem haben, der Handlung zu folgen. Um ganz sicherzugehen, dass niemand überfordert wird, werden auch minutenlange Sequenzen eingeführt, die schlicht überhaupt keine Bedeutung für den Fortgang der Geschichte haben. So entkommt der Verdächtige zwischendurch mal aus der Haft, um sich am Kommissar, der ihn ?vom Ast geschossen? hat, mit irgendeiner Monster-Wumme zu rächen, verfolgt in einer eher lächerlich statt spannend wirkenden Szene sein potenzielles Opfer durch die Erfurter Altstadt dermaßen dicht am Mann, dass man Sorge hat, er könnte auflaufen, wenn Schaffert versehentlich mal kurz stehen bliebe, und wird dann halt einfach wieder eingefangen. Sollten Sie erwartet haben, er würde den Kommissar erschießen, tut  es mir leid, dass ich?s hier verraten habe. Haben Sie nicht erwartet? Eben. Leider ist dieser gesamte Handlungsstrang für den gesamten Fall vollständig überflüssig. Wahrscheinlich dient er nur analog zur Eingangsszene dazu, im ansonsten eher drögen Herumermitteln so etwas wie Aktion einzubringen. Oder es waren halt einfach noch ein paar Minuten frei.

Kriminaldirektorin Petra ?Fritze? Fritzenberger weckt den nach nächtlichem Einsatz übermüdeten Schaffert. Bild: MDR/Marcus Goldhahn

Störungsfreie Ermittlungen

Ansonsten wird eifrig und störungsfrei ermittelt, wie in Krimis eben ermittelt wird. Zwischendurch schält sich ein mögliches Motiv heraus, dass die obligatorische Gesellschaftsrelevanz einbringt ? Studenten heutzutage sind so überfordert, dass sie sich permanent mit Medikamenten dopen müssen. Das ist alles ganz solide, aber auch eher unaufregend. Unterm Strich bleibt ein Krimi, der nicht einmal wirklich schlecht ist, sondern guter Durchschnitt, und das mit guten Darsteller-Leistungen, den man aber dennoch fix wieder vergisst. Und genau das dürfte auch ein essenzielles Problem werden: Wäre der Fall ein Odenthal-TATORT, man würde ihn achselzuckend, aber nicht verärgert zur Kenntnis nehmen. Ganz nette Unterhaltung eben. Aber bei nur einem Fall jährlich fehlt es in Erfurt einfach an Originalität, als dass das Team eine ernsthafte Chance hätte, sich zu etablieren. Dafür wird der Adoleszenz-Spirit allein kaum reichen.

Im direkten Vergleich mit dem Vorgänger aus München bleibt als etwas verstörendes Fazit:  Ein Uralt-Team aus München geht, was auch immer man vom Ergebnis halten mag, in Sachen Ambition, Experimentierlust und Risikobereitschaft wirklich in die Vollen. Während das als krass jung und total innovativ angekündigte neue Team aus Erfurt eher bräsige Durchschnittsware von der Stange abliefert.

Wenn die Münchener Kommissare sich bei ihrem letzten Einsatz danach sehnten, wenigstens einmal wieder einen ganz normalen Fall zu bearbeiten, wo einfach jemand irgendwen wegen eines ganz normalen Motivs erschlägt und sonst nichts Aufregendes passiert ? dann sollten sie sich vielleicht einfach nach Erfurt versetzen lassen. Alter Falter!

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/


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