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Heute ist der: 06.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Aus der Tiefe der Zeit

Bayerisch-kroatischer Eintopf

Es sind diese Momente, die jeder kennt. Beim Zuschauen muss man selbst fast laut losfluchen. Wieder und wieder kreist Hauptkommissar Leitmayer mit seinem Dienstwagen durch die verwinkelten Straßen im Münchner Westend-Viertel. Jedesmal führt ihn das Navi in die Irre. Überall geänderte Verkehrsführungen, Bretterwände, Baumaschinen - und natürlich kein Parkplatz in Sicht.

Ratloser Blick in die Grube: Auf einer Baustelle finden die Kommissare Batic und Leitmayr eine Männerleiche. Bild: BR / Frederic Batier

"Hier sind überall Baustellen", schimpft er laut. "Was ist denn hier los?" - Es braucht keine lange Exposition, um beim neuen Münchner TATORT Aus der Tiefe der Zeit ins Thema zu gelangen: Regisseur Dominik Graf und Drehbuchautor Bernd Schwamm erzählen von der Wohnungsnot in der teuersten deutschen Stadt, von Bauspekulation, Korruption und Vertuschung. Zunächst einmal. Doch dann drängt sich immer mehr zusammen - in einem wie so oft optisch großartigen, inhaltlich zunehmend wirreren Kuddelmuddel. So was kann man lieben. Diesmal nervt Grafs Generalangriff auf die übliche Sonntagabendstumpfheit allerdings etwas.

Natürlich muss es auch in diesem Krimi Tote geben - und davon gleich mehrere, oft ziemlich drastisch abgefilmte: Als erstes wird in einer großen Baugrube im ehemaligen Münchner "Glasscherbenviertel" Westend, das sich immer mehr Spekulanten für Luxusverschönerungen unter den Nagel reißen, ein Mann von einer Baggerschaufel freigescharrt: Florian Hofer war seit ein paar Monaten als vermisst gemeldet. Zu seinem Verschwinden macht sein exzentrischer Bruder Peter, der beim Verhör von sich selbst in der dritten Person spricht, zunächst eher irritierende Angaben. Ohnehin ist es ein reichlich bizarr auftretender Clan, an den die beiden oft um Bodenständigkeit bemühten Münchner Kommissare diesmal geraten sind: Oberhaupt der Familie ist die ehemalige Zirkus-Reiterin Magda "Calamity Jane" Holzer, die noch immer mit schnellen Fingern zu ihrer Winchester greift.

Exzentrische Eventmanagerin: Liz unterbricht ihr Verhör kurz, um sich beim Spagat zu lockern. Bild: BR / Frederic Batier

Sowohl der verstorbene Florian als auch Bruder Peter, der mit der aufbrausenden Frau Mama in einer märchenhaften Großbürgervilla am Isarhochufer in Pullach residiert, pflegten ein Verhältnis zu rätselhaften Liz. "Das steht für Elisabeth", fragt sie ein Kommissar einmal. "Nein, für Liz - ich komme aus der DDR", entgegnet sie entwaffnend. Die Frau ist "Eventmanagerin" und pflegt beste Filz-Kontakte in die Münchner Stadtverwaltung. Für eine Familie, die sich "Firma" nennt und gute Geschäfte mit Immobilien macht, ist das nicht von Nachteil. Als Mann fürs Grobe geht bei den Holzers ebenfalls ein alter Dominik-Graf-Bekannter ein und aus: Misel Maticevic spielt einen kroatischen Handlanger, der seine Sympathiewerte durch sein langes Vorstrafenregister und seine offen ausgestellten Ustascha-Verehrung nicht gerade steigert.

Das erstklassige Darsteller-Ensemble - darunter auch Maximilian Brückner in einer kaum wiederzuerkennenden Glanzrolle als exaltierter Münchner Haarstylist mit szeneüblichen homosexueller Flamboyanz - muss sich in "Tiefe der Zeit" gegen den geballten Stilisierungswillen Grafscher Prägung behaupten. Die Bilder des Films sind oft hektisch schnell geschnitten. Details werden rasant herangezoomt, nostalgisches Material mit Modernem amalgamiert. Das Sonnenlicht sticht oft mitten in die Kamera, Überblendungen, grelle Spiegelungen und Überbelichtungen fordern viel Aufmerksamkeit und auch beim Zuschauer ein gehöriges Maß an Detektivarbeit. Dass Dominik Graf dem zuletzt immer wieder als bieder gescholtenen Münchner TATORT, der im Matthias-Brandt-"Polizeiruf 110" einen harten Ortskonkurrenten hart, mit aller Gewalt die Gemütlichkeit austreiben möchte, wird überdeutlich.

Hauptkommissar Batic, Peter Holzer und Magda Holzer. Bild: BR / Frederic Batier

Manko des Films ist allerdings sein Anspruch, wieder einmal alles mit allem in Verbindung zu setzen. Zur Lösung des Falls tragen - wie der Titel ja andeutet - verdrängte Geheimnisse aus der Vergangenheit bei. Dabei rühren Graf und Schwamm an großen Fragen - an die Gerechtigkeit von Reichtum und natürlich an die Verbrechen des letzten großen Kriegs. Über weite Strecken des Schlussdrittels ermitteln die Kommissare im Kroaten-Milieu - und führen Gespräche, die Kollege Batic zwar fließend führen kann, den Zuschauern aber mit Untertiteln mitgeteilt werden müssen. Fast möchte man den Ermittlern zustimmen, die auf halber Strecke genervt ihrem Fahndungsfrust Luft machen. "Herrschaftszeiten, warum haben wir nicht wieder so einen einfachen Fall?" Etwa so einen, witzeln die beiden Zyniker, bei der ein Mann seine Frau erschlägt, weil er sie inflagranti mit dem Liebhaber im Bett erwischt. So einfach macht es Dominik Graf den Schauspielern und den Zuschauern diesmal nicht.

Rupert Sommer - Teleschau Mediendienst


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