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Heute ist der: 20.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Feuerteufel

Sympathy for the Devil

Wotan Wilke Möhring ermittelt in "Feuerteufel" erstmals in Hamburg. Seine Figur Thorsten Falke ist ein instinktiver, authentischer Ermittler vom Typ sympathischer Straßenbulle, der sich hochgearbeitet hat. Auch wenn es im Einstiegsfall die üblichen Differenzen mit den Kollegen gibt, ist die Geschichte um brennende Autos und Wutbürger eine durchweg gelungene Einführung.

Cenk Batu. Bild: NDR/Georges Pauly

Kurzes Nachwort: ?Mir war nicht bewusst, was ich mir da angetan habe.? (Mehmet Kurtulus)

Mehmet Kurtulus war über drei Jahre lang so etwas wie das Prestigeprojekt des Norddeutschen Rundfunks. Viel Aufhebens wurde damals um den "längst überfälligen" türkisch-stämmigen TATORT-Kommissar gemacht. Geliebt von den Kritikern, verschmäht von den Zuschauern war nach sechs Folgen TATORT Schluss. Das die Besetzung der Rolle mit seiner Person eine gesellschaftspolitische Tragweite gehabt haben mag, davon wollte Kurtulus schon damals und die Verantwortlichen heute nichts mehr wissen. Kaum ein anderer Ermittler erhielt so wenig Zuspruch beim Publikum wie Cenk Batu. Das konnte und wollte der NDR nicht auf sich sitzen lassen und geht nun auf Nummer sicher.

Thorsten Falke. Bild: NDR/Christine Schröder

Neue Männer braucht das Land

Mit den Publikumslieblingen und Quotengaranten Til Schweiger und Wotan Wilke Möhring will man es richten. Nachdem Til Schweiger alias Nick Tschiller alias Til Schweiger in jederlei Hinsicht krachend und lärmend voran gegangen ist, folgt ihm nun wenige Wochen später Möhring als Kriminalhauptkommissar Thorsten Falke auf leiseren Sohlen. Einer der Verantwortlichen für den neuen NDR-TATORT lässt verlauten: Falke ist "...nicht unbedingt jemand, der stundenlang über die richtige Rollenverteilung zwischen Mann und Frau reflektiert. Er nimmt sein Mann-Sein an."

Falke und Katz streiten sich im Präsidium. Bild: NDR/Christine Schröder

Sympathy for the Devil

Was genau dieses "Mann-Sein" ausmacht, bleibt auch nach anderthalb Stunden TATORT eine nicht zu beantwortende Frage, die diesen aber nicht unwesentlich mitbestimmt. Thorsten Falke kreist einsam nachts in seinem Auto zu den Klängen der Rolling Stones durch die Straßen Hamburgs. Ein Milch trinkender Fast-Held, der seinen Sohn googeln muss und es im Privatleben gerade noch fertig bringt, die Verantwortung für eine Katze zu übernehmen. Er ist ein Polizist vom Typ sympathischer Straßenbulle, der sich hochgearbeitet hat. Im Muskelshirt sitzt er in seiner Vintagewohnung und nutzt auch mit Mitte vierzig noch ironiefrei das Wort "Digger".

Für Falke bricht eine Welt zusammen als ihm sein bester Freund und Kollege Katz eröffnet, dass er aus familiären Gründen in den Innendienst wechseln wird. Natürlich hat in diesem Szenario die Neue, Katharina Lorenz, keine Chance auf einen guten Start.

Brennendes Auto in Hamburg. Bild: NDR/Christine Schröder

Biedermann und die Brandstifter in Hamburg

In Hamburg Blankenese brennen, sozialpolitisch brisant, die Autos. Eigentlich fast schon Routine, aber diesmal stirbt ein Mensch. Eine Frau, die offensichtlich in ihrem Wagen eingeschlafen war, kann sich nicht rechtzeitig aus dem brennenden Auto retten. War die Tat ein Unfall oder Mord, politisch oder privat motiviert? Kommissar Falke untersucht den Fall und muss wider Willen mit der jungen Ermittlerin Katharina Lorenz zusammenarbeiten. Je mehr Zeit es braucht, den Fall zu lösen, desto mehr gerät die Stimmung in Hamburg außer Kontrolle.

Ruben Schaller wird von Mirko verprügelt. Bild: NDR/Christine Schröder

Der Deutschen liebstes Kind brennt

Die Story um soziale Brennpunkte und sich gegenseitig immer fremder werdende Milieus in Hamburg wird in diesem TATORT gekonnt verknüpft mit der Frage nach gesellschaftlicher und persönlicher Verantwortung. Ironisch und unterhaltsam bekommt das von der Tagespresse viel beachtete Phänomen Wutbürger sein Fett weg. "Den Menschen eine Stimme geben" wollen sie, die engagierten und biederen Menschen aus Hamburgs Mittelschicht. Aus Angst um ihre Luxuskarossen bilden sie Bürgerwehren und ihr Ehrgeiz kostet schlussendlich doch ein Menschenleben. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt und das Problem einer sozial auseinander driftenden Gesellschaft werden inszeniert, Klischees und Vorurteile gekonnt bedient und durchbrochen und das überraschende Ende verweigert simple Antworten.

Das Lagerfeuer der Nation

Die mitverantwortliche Redakteurin in diesem TATORT, Daniela Mussgiller, hat schon beim Polizeiruf-Team aus Rostock bewiesen, dass sie ein Händchen dafür hat, Geschlechterkampf schonungslos und witzig zu inszenieren. Auch in der Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Markus Busch ist das gelungen.

Falke und Lorenz auf Ermittlungstour. Bild: NDR/Christine Schröder

"Ich kann dich doch nicht ewig durchfüttern, du bist doch hier der Mann" (Lo Rivera)

Wer sich sattgesehen hat an gutgemeinten, immer durchsetzungsfähigen Kommissarinnen im deutschen TV, bekommt Abwechslung und hat es nun mit den Mythos "neue Väter" zu tun. Spätestens seit der Einführung von Elterngeld und Vätermonaten wird in Deutschland über diese Spezies diskutiert. Im Hamburger TATORT tanzen sie wahlweise archaisch ums Feuer, erbringen risikoreiche Liebesbeweise, sind überfordert mit den Ansprüchen, die an sie gestellt werden oder ersticken an Verantwortungsgefühl und emotionalen Abhängigkeiten. Wie an einer glitzernden Kette reihen sich Konflikte, chauvinistische Perlen, Rollenmuster und politische Unkorrektheiten aneinander und  sorgen für eine Prise Realismus und Vielschichtigkeit in den dargestellten Männlichkeitsentwürfen. Abgesehen von ein paar aufdringlichen Kameraeinstellungen auf die Hinterseite von Katharina Lorenz gelingt dieser heikle Balanceakt zwischen Tragik, Komik und Spannung. Die Dialoge rutschen, dank souveräner Schauspieler, nie ins Peinliche ab und der Zuschauer darf immer wieder befreiend lachen in einer ansonsten traurig grimmigen Geschichte.

Katz: Büchse der Pandora. Gib das mal im Internet ein und dann weißt du was ich meine.
Falke: Ey Alter, jetzt hör doch mal auf mit deinem Pornokram.

Der nächste TATORT führt das Dreiergespann aus Hamburg auf eine Nordseeinsel. Es ist schwer vorherzusagen, wie es weitergeht mit Falke und seinen beiden Kollegen, aber das TV-Debüt von Regisseur Özgür Yildirim ist eine durchweg gelungene Einführung.

Bleibt zu hoffen, dass sich weder Medien noch Macher beim NDR im Möhring/Schweiger Wettkampf verlieren und diese merkwürdige Hetzjagd nach Quote beim TATORT ein Ende findet. Es bleibt immer die Möglichkeit, dem Credo des ZDF Verwaltungsrats Dieter Grimm zu folgen:  "Der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk legitimiert sich (...) über den Qualitätsstandard".

Nadja Israel


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