Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Trautes Heim

Wie viel Beziehung erträgt ein Leben?

Was jetzt bei aller berechtigten Kritik an den hanebüchenen Auswüchsen der TATORT-Drehbücher unbedingt auch mal gesagt werden muss: Es nervt! Jeden Montag dieses übellaunige TATORT-Bashing. Vor allem im Netz: Kaum ein Krimi der altehrwürdigen Reihe mehr, dem nicht auf mindestens einem Portal das Superlativ "schlechtester TATORT aller Zeiten" verpasst wird - und dann heißt es für Tausende verhinderter Fernsehkritiker aus der Deckung der Foren heraus: Feuer frei.

Der maskierte Täter zerrt Lukas Schäfer in einen Lieferwagen. Bild: WDR/Uwe Stratmann

Raus mit dem Hass aufs Fernsehen und die Welt, immer feste druff, es trifft ja keinen Falschen. Rund um den TATORT grassiert ein Diskursfieber, als ginge es um die Zukunft des Abendlandes. Dabei reden wir immer noch "nur" über Unterhaltung, über ein bisschen Krimi am Sonntagabend, über eine Traditionsmarke, die derzeit leider unter den plötzlichen Anfällen von Experimentierwut der ARD-Verantwortlichen zu leiden hat. Aber auch diese turbulenten Zeiten wird der TATORT überstehen - dafür sorgen schon solche soliden Filme wie Trautes Heim, der aktuelle Kölner Beitrag zur ARD-Reihe. Mit eiserner Verlässlichkeit wühlen sich die Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf durch einen Fall von Kindesentführung, der gar nicht mehr sein will als das und doch voller Überraschungen steckt.

Simone Schäfer ist außer sich vor Sorge um ihren Sohn Lukas. Ihr Lebensgefährte Roman Sasse macht ihr Mut. Bild: WDR/Martin Menke

Alte TATORT-Regel: Nie glauben, was man auf dem ersten Blick zu erkennen glaubt. Hier sehen wir: eine glückliche Mittelschichtsfamilie. Vater, Mutter, Kind, die sich am Morgen in ihrer bescheidenen Hochhauswohnung voneinander verabschieden. Küsschen hier, Küsschen da, Papa Roman Sasse geht zur Arbeit ins Büro, der Sohn, der kleine Lukas, bricht auf in Richtung Fußballplatz, und seine Mutter, Sasses Lebensgefährtin Simone Schäfer, bleibt daheim, um sich wie immer um den Haushalt zu kümmern. Der Vorspann ist noch nicht zu Ende, als das Unfassbare geschieht: Lukas wird von der Straße in einen Transporter gezerrt. Ein Motorradfahrer wird Zeuge der Entführung, nimmt die Verfolgung auf, doch als er die Täter stellen will, wird der Mann brutal totgefahren.

Donald Ritter ist der Geschäftsführer einer Agentur, zu deren Kunden Roman Sasse gehört. Bild: WDR/Frank W. Hempel

Ist der Biker ein Zufallsopfer? Überhaupt: Wer entführt das Kind einer Familie, die offensichtlich nicht sonderlich wohlhabend ist? Handelt es sich etwa um ein Sexualdelikt? Ballauf und Schenk stehen erst mal ratlos vor Fragen wie diesen und stürzen sich in die klassische Ermittlungsarbeit - bis das Wrack des Transporters gefunden wird und darin auch Lukas' Handy. Das Gerät ist auf den Namen Ruth Junghanns registriert, einer Frau, die glaubhaft beteuert, noch nie etwas von einem Lukas Schäfer gehört zu haben ...

Die Welt von Ruth Junghanns stellt sich ebenfalls als glückliche Mittelschichtsfamilie dar, nur auf höherem Niveau: Ruth Junghanns lebt im Design-Reihenhaus mit Sohn und Ehemann unter einem Dach. Und jetzt festhalten: Ihr Gatte ist der selbe Mann, den Ballauf, Schenk und mit ihnen das TATORT-Publikum schon als Roman Sasse kennen. Ein Mann, zwei Identitäten, zwei Familien, zwei Leben. Geholfen haben ihm dabei ein geradezu professionell ausgeprägter Hang zur Lüge sowie eine Agentur für Alibi-Beschaffung bei Seitensprüngen. Kaum zu glauben, aber so etwas gibt es wirklich.

Wo ist das Lösegeld? Die Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf bei der Übergabe. Bild: WDR/Uwe Stratmann

Überhaupt: Die Geschichte, die einem hier untergejubelt wird, ist so drüber, so absurd, dass sie schon wieder faszinierend ist. Auch weil sie eben geraderaus, ganz nüchtern erzählt und nicht noch künstlich überhöht wird. Irgendwann sitzt der doppelte Familienvater Sasse/Junghanns im Verhör und versucht sich zu erklären, wohlwissend, dass ihn keiner verstehen wird. Feige? "Ja, von mir aus", sagt er. "Ich bin ein Lügner, Betrüger, schlechter Mensch - alles", aber die Sorge um seinen entführten Sohn, die Liebe zu seinen beiden Frauen kauft man ihm trotzdem ab. Ein Mann, der sich letzten Endes selbst betrügt und daran nun zu zerbrechen droht. Was für ein Leben. Was für eine Rolle, die Barnaby Metschurat da mit erstaunlicher Souveränität stemmt.

Regisseur Christoph Schnee drehte nach einem Buch von Roland Heep und Frank Koopmann ein menschelndes Mittelschichts-Milieustück, in dem nichts abgehoben ist, abgesehen vielleicht vom rasanten Ford-Mustang-Fastback, mit dem der US-Car-affine Kommissar Bär diesmal durch die Kölner Straßen cruist. Trautes Heim ist ein konventioneller, hochseriöser Krimi. Und das tut uns TATORT-Diskutanten zwischendurch mal ganz gut. 

Frank Rauscher - Teleschau Mediendienst
 


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3