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Heute ist der: 17.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Zwischen den Fronten

Grantelnder Höhenflug

Eine internationale Konferenz, Alltag in der Diplomatenmetropole Wien eigentlich. Doch diesmal geht keine politische, sondern ein waschechte Autobombe hoch. Schnell deutet alles auf das Schreckensszenario jedes Innenpolitikers hin: Ein islamistischer Selbstmordattentäter scheint versucht zu haben, den verhassten US-Vertreter in die Luft zu sprengen. Opfer wurde allerdings neben dem Täter ein Polizist.

Das Attentat, bei dem der Selbstmordattentäter und ein Polizist getötet werden. Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg

Nicht nur die Welt, vor allem die Staatsspitze Österreichs ist schockiert, der Innenminister will das Attentat schnellstmöglich aufgeklärt wissen, sein potenzieller Nachfolger steht schon in den Startlöchern, um sich auf diese Weise ganz nach oben zu befördern und zeitgleich noch schnell ein paar schicke Anti-Terror-Gesetze mit weitreichenden Beschränkungen von Bürgerrechten durchzusetzen. Eine Task Force wird gebildet, der neben einer eiskalten Terrorismusexpertin vom Ministerium auch die TATORT-Ermittler Moritz Eisner und Bibi Fellner vom Bundeskriminalamt zugeordnet sind, die die ministeriale Frau Major natürlich nicht leiden können. Viel Platz also für schönsten Schmäh, viel Granteln und Schimpfen und Kompetenzgerangel, Verschwörungstheorien und Spekulationen.

Bibi Fellner beobachtet zunehmend, wie Major Warig, eine Mitarbeiterin des österreichischen Geheimdienstes, zum Feindbild für Moritz Eisner wird. Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg

Kompetenzstreitigkeiten

Man kann es ja kaum noch glauben, wie rasant die Österreicher seit dem Eintritt von Bibi Fellner in dem einst so betulichen TATORT-Revier Fahrt aufgenommen haben. Nach dem Bürgerkriegs-Gemetzel in Kein Entkommen und dem schrägen Menschen- und Hühnerhandel-Drama in Falsch verpackt nun also islamistischer Terrorismus. Unter dem tun?s die Wiener einfach nicht mehr. Und wieder gelingt ihnen ein vielschichtiger, origineller, höchst unterhaltsamer Film mit zwei Titelhelden, denen man bei ihrer Eigenbrötlerei, dem Witz und vor allem viel rauem Charme immer weiter zuschauen möchte.

Das Thema Kompetenzstreitigkeiten zwischen diversen Behörden ist natürlich alles andere als neu, aber so lustvoll wurde es selten umgesetzt. Frau Major wirkt wie die Spionin, die aus der Kälte kam, schon ihr Blick erinnert selig an böse Russen aus schönsten Kalter-Krieg-Thrillern, aber auch Eisner lässt sich nicht lumpen und zwingt die Kollegin an seiner Seite, die ja schon alle menschlichen Abgründe ausgelotet hat, zu diplomatischen Rettungseinsätzen. Ach was, abgegriffen. Hier wollen wir sie noch einmal loben und preisen, die Konflikte im unfreiwilligen Team, in der Hoffnung, dass diese Idee mit Zwischen den Fronten ihren Höhe- wie Schlusspunkt gefunden haben wird. Wer uns demnächst wirklich überraschen will, schickt mal total sympathische und kooperative Ermittler anderer Behörden an den TATORT. Aber das nur am Rande.

Das Ermittlerduo Moritz Eisner und Bibi Fellner befragen die Mutter des vermeintlichen Selbstmord-Attentäters, die dessen Unschuld beteuert. Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg

Zwischen Eifersucht und Islamismus

Bis dahin aber genießen wir noch das Gerangel der Österreicher und ihre Alleingänge, um den unterschiedlichen Theorien nachzugehen. Denn Eisner glaubt nicht an Islamisten, sondern an ein triviales Beziehungsdrama, da der vermeintliche Selbstmordattentäter einerseits offenbar eine Liaison mit der Tochter des US-Würdenträgers hatte und andererseits die Ikone einer Art Internet-Occupy-Bewegung namens ?Comet? war. Ist es da wirklich denkbar, dass der irakischstämmige Überflieger im Geheimen zum Terroristen radikalisierte, während er öffentlich für Völkerverständigung eintrat? Ja, findet wiederum der Sohn des Amerikaners, der unter schwerer Islamophobie leidet, als würde er bei der ?Achse des Guten? schreiben. Und ja, findet auch das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, schon allein, um all die schönen neuen Gesetze endlich durchpeitschen zu können. Es gibt also durchaus ein erkennbares politisches Interesse an der Attentats-Theorie.

Bibi Fellner stellt einen Verdächtigen, der einen Polizeikollegen bedroht. Bild: rbb/ORF/Petro Domenigg

Nein, an Themen mangelt es diesem Polit-Verschwörungs-Thriller nun wahrlich nicht, es kommen auch noch ein paar dazu. Auch die Zahl der Handlungsträger erreicht ein verwirrendes Maximum, während sich die Geschichte in gewagte Kapriolen verschraubt. Bibi nutzt einen alten Kontakt zur Armee, ein ultrakonservatives Männerbündnis spielt auch noch eine Rolle, zwischendurch prügeln sich die Kommissare mit Auspuffen, derweil die Chefs der beiden beteiligten Ämter sich nach Herzen zuwider sind und ihre Mitarbeiter lustig gegeneinander ermitteln und intrigieren lassen. Das ist vor lauter Handlung, Personen und Themen nicht immer besonders tiefschürfend, manches bleibt etwas arg plakativ, und manchmal muss es auch mit der Brechstange gehen, wenn etwa die Eisner-Tochter natürlich auch zu den ?Comet?-Sympathisantinnen zählt und sehr aufgesagt wirkende, aber aufrüttelnd gemeinte Erklärungssätze an den Papa sendet.

Und dann ist da noch der Schluss! Ach, der Schluss. Spätestens der wird manchen TATORT-Puristen wieder den Wutschaum vor den Mund zaubern, während er uns andere verzückt lächeln lässt.
Und was soll?s denn auch: Solange Bibi und Moritz derart raubeinig und so rasant wie charmant durch noch so aberwitzige Handlungsebenen granteln, solange schauen wir immer wieder gerne nach Wien und lauschen den wohlklingelnden Frotzeleien dort. Möge der Höhenflug im Süden noch lange anhalten!



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