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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schmutziger Donnerstag

Mord am schmutzigen Donnerstag

Der neue Luzerner TATORT "Schmutziger Donnerstag" zeigt Polizisten als Knackis, Hühner und Indianer. Die Mordserie im Fasnachtstaumel zeigt endlich, was das hiesige Team drauf hat.

Tod an der Fasnacht: Drei jugendliche Zeugen werden am TATORT von Liz Ritschard und Reto Flückiger befragt. Bild: SWR/SRF/Nikkol Rot

Man kann Reto Flückiger erste Amtshandlung nachvollziehen. Im Morgengrauen des Schmutzigen Donnerstags steigt er in sein Boot und flieht aus der Stadt. Damit ist er allein, alle seine Kollegen vergnügen sich, im Bett die einen, die andern im Getümmel, sternhagelvoll allesamt. Liz Ritschard vergnügt sich mit ihrer Freundin im Bett, während Schmidinger als Ganove verkleidet die Stadt unsicher macht. Kommissar Flückigers Flucht misslingt: auf halbem Weg erreilt ihn ein Anruf: Es hat einen Mord gegeben. Als er umkehren will, springt der Motor nicht an, weshalb er an den TATORT paddelt. Ein schönes Bild - sieht man nicht alle Tage.

Messermord in Menschenmenge

Mitten in einer Menschenmenge ist Franz Schäublin, Vorsteher des Luzerner Bauausschusses sowie Aktivmitglied der "Zunft der Wächter am Pilatus", erstochen worden. Sein Mörder schlug, sinnigerweise, als Tod verkleidet zu. Schäublin war einer der vorzeigbarsten Bürger der Stadt. Dieser Ruf als Saubermann hinderte ihn nicht daran, an der Fasnacht die Maske fallenzulassen. So hat er mit Kumpanen eine Prostituierte gebucht, mit KO-Tropfen ausser Gefecht gesetzt und gruppenvergewaltigt: Wurde er etwa deshalb ermordet?

Verrückte Welt: In Flückigers Drogenvision zertrümmert DJ Bobo Flückigers Auto und "ET" tanzt. Bild: SWR/SRF/Nikkol Rot

Es ist ein Serienmörder!

Die Ermittlungen geraten unter Zeitdruck, als sich die fasnächtlichen Morde zu häufen beginnen: Ein Serienmörder treibt sein Unwesen. Zwischen Fasnachtstaumel, Übermüdung und Katern bemühen sich die Kommissare, den Fall zu lösen. Das Thema Fasnacht wird lustvoll aufgegriffen. Stimmig sind die kleinen Details, etwa, dass Schmidinger dem Flückiger als Knacki verkleidet einen Moralvortrag hält. Mit den Verkleidungen wird eine unheimliche Stimmung generiert. Daneben sind auch die kaum zu vermeidenden Kalauer stimmig: so sieht man Flückiger als Gockel und Mattmann als Häuptling verkleidet. Die Ironie ist dabei für TATORT-Verhältnisse subtil und kein Selbstzweck, wie etwa neulich in Saarbrücken oder seit zehn Jahren in Münster.

Wer mit der Nase auf dem Touchscreen ?

Gelungen sind die Szenen des gefesselten und geknebelten und unter Drogen gesetzten Flückiger. Wie der sich abmüht, mit der Nase sein iPhone zu bedienen, und wie er eifrig missverstanden wird von einer Spracherkennungssoftware namens Siri, hat Biss und Schmiss. Ebenfalls dankbar ist man, dass ein gewisser Rene Baumann, besser bekannt als DJ Bobo, hier nur einen ganz kleinen Cameoauftritt hat, der ohne Gesangseinlage auskommt. Kaum dass Flückiger sich aus seiner misslichen Lage befreit hat, will er weiter ermitteln. Ritschard fragt ihn, ob er denn schon wieder fit sei, so kurz nach seiner Überwältigung und trotz der verabreichten Drogen. Klar sei er fit, antwortet Flückiger, voll total klar sogar sei er. Dann aber stellt er sich selber infrage, als er Ritschard nur einen Satz später erklärt, wie gerne er Kinder mit ihr haben wolle.

Engagierter Fasnachter: Amtsrat Dr. Mattmann lässt sich von Flückiger nicht übereugen, die Fasnacht abzusagen um weitere Morde zu verhindern. Bild: SWR/SRF/Nikkol Rot

Doppelter Nebel

Der TATORT Schmutziger Donnerstag ist ein gelungener, wunderschön gefilmter TATORT. Die eine und andere Szene mit Ritschard mag zu viel des Guten sein. Nicht, dass ihr Coming-out lieblos inszeniert worden sei. Trotzdem wird ihr, die bisher als Privatperson ungreifbar war, gelegentlich ein bisschen gar doll auf den Zahn gefühlt. Die in anderen Luzerner TATORTen meist rabiat belehrenden Wikipedia-Passagen sind erfreulich zurückgenommen: So muss man sogar eigens eine Infobox zum Thema Schmutziger Donnerstag schalten, um das damit nicht vertraute Publikum aufzudatieren. Auch schön ist, dass hier ein anderer, bisher kaum gesehener Luzerner Einzug hält. Dichter Nebel, der das halbe Bild verdeckt. Hier tappen die Kommissare durch einen doppelten Nebel, einmal durch den tatsächlichen und dann noch durch den Nebel im übertragenen Sinn. Entsprechend seltsam nehmen sich die Ermittlungen aus: Ritschard ist total verkatert und immer kurz vor dem Kotzen, während Flückiger wie gehabt auf einem schwer nachvollziehbaren Ego Trip ist, gewissermassen Kommissar Zufall in persona. Was gefällt ist, dass das Hintergrundteam der Ermittler sich stärker und schlüssiger zeigt denn je. Besonders lobend zu erwähnen ist hier die von Martin Klaus gespielte Figur Marcel Küng, der sich dem launigen Chef gelungen entgegenstellt.

Mariann Steiner betreut die Mutter des Ermordeten Schäublin, und versucht, die instabile alte Frau von den Fragen von Reto Flückiger und Liz Ritschard zu behüten. Bild: SWR/SRF/Nikkol Rot

Starke letzte Verwandlung

Es bleiben Minuspunkte: das Thema Homosexualität wird etwas verkrampft aufgenommen. Ritschard zeigt es unverkrampft, während die Kontraste zum homophoben Fasnachtsmilieu etwas scherenschnittartig sind. Das Ende, der Showdown, die letzten zwei, drei Minuten, sind nicht so gelungen. Die anbiedernde Kartenspielerei Flückigers vor dem Abspann hätte es nun wirklich nicht gebraucht. Auch wird nicht klar, wie der Mörder damals seinen Tod vortäuschte. So oft wird es in Luzern wohl auch keine unbekannten Leichen geben, die man als seine eigene ausgeben kann. Das alles sind lässliche Einwände angesichts der letzten Verwandlung des Mörders. Da kann man noch so lange alle Fasnächtler auffordern, die Masken abzulegen und sich abzuschminken, wenn der Mörder zu einer solchen Verkleidung greift! Wer hätte gedacht, dass der Luzerner TATORT ausgerechnet bei der Affiche "Mordserie an Fasnacht" endlich beweist, was man alles drauf hat.

Gregor Szyndler
http://www.kommentatort.ch


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