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Alter Ego

Teamgeist, Baby!

Ein schwuler Student liegt nackt und ermordet in seiner Wohnung, fast wie für jemanden drapiert wirkt er, sorgfältig eingewickelt in ein Tuch. Da ist gleich klar: Ein gewöhnlicher Raubmord war das wohl nicht, da müssen große Emotionen im Spiel gewesen sein. Aber welche? Konnte der Freund des Opfers das amourös vielseitige Leben seiner Liebschaft nicht mehr ertragen? Oder hat der Streit mit einem ehemaligen Job-Kollegen etwas damit zu tun, der sich nämlich rasch als homophober religiöser Fanatiker entpuppt. Die Verdachtsmomente deuten in ganz unterschiedliche Richtungen ? zum Glück stehen gleich vier Ermittler am neuen TATORT Dortmund bereit, ihnen nachzugehen.

Ermittlungen im Umfeld der Glaubensgemeinschaft »Church of Sun«. © WDR/Willi Weber

Religiös motivierter Hass ? das ist natürlich eine aktuelle Pointe, die beim Dreh niemand ahnen konnte. Nun platzt der Film in eine aufgeheizte gesellschaftliche Diskussion um die Rolle der Religion in der Gesellschaft, zwischen Beschneidungsdebatte, dem Pipi-Papst der Titanic und randalierenden Islamern, die mit der Qualität von Youtube-Filmchen ihrer christlichen Brüder im Irrsinn unzufrieden sind. Angesichts dieser Aktualität wirkt die Behandlung des Themas im Film viel zu beiläufig, aber wie gesagt: Das konnte ja niemand ahnen.

Kriminalhauptkommissar Peter Faber ist kein einfacher Zeitgenosse, provozierend, verletzend, ehrgeizig. © WDR/Willi Weber

Außerdem hat der Film auch anderes zu tun, denn neu am TATORT taucht Kommissar Faber auf. Er leitet von nun an die Dortmunder Mordkommission, seine neuen Kollegen lernt er erst in der Wohnung des Opfers kennen. Und legt zunächst keinen besonderen Wert darauf, sich beliebt zu machen. ?Ich habe Ihre Akten gelesen, und Sie haben mich gegoogelt, das reicht doch?, sagt er statt freundlichem Geplänkel zur Begrüßung. Die neuen Mitarbeiter sind eh verstimmt, weil doch eigentlich der Dienstältesten aus dem eigenen Team, Martina Bönisch, der Chefposten zugestanden hätte ? eine Konstellation, die offenbar beliebt ist beim WDR, denn so fing es bei Ballauf und Schenk bekanntlich auch einst an. Nun also Peter Faber, und nun die vom WDR gefeierte, äh, Weltsensation, dass erstmals vier Kommissare gemeinsam ermitteln. Teamgeist, Baby, wir sind im 21. Jahrhundert! Da sind also zunächst: zwei Jungspunde, Frau und Mann, migrationshintergründische Schönheit und bodenständiger Borussen-Fan ? Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.

Nora Dalay und Daniel Kossik sind Kollegen und ein Liebespaar. © WDR/Willi Weber

Beziehungsweise hier erst mal aus, gleich zu Beginn. Effekthascherei, OK, aber zumindest fängt das Ganze mit einem Knalleffekt an, wenn die Eingangssequenz des Filmes Mord und Kollegen-Koitus ineinander schneidet. Der eine kommt, der andere geht, so geht?s halt zu in dieser Welt. Fortan sind die Liebenden auch weiter mit der Libido beschäftigt, und dabei vor allem mit der Frage, ob es besonders klug ist, ihr in dieser speziellen beruflichen Situation zu frönen. Der ältere Teil des Teams hat derweil auch damit zu tun, sich zusammenzuraufen, aber hier geht es abgeklärter zu. Und, an dieser Stelle atmet man erleichtert auf: Das übliche Gezicke wegen der Besetzung des Chefpostens bleibt uns auf sympathisch-überraschende Weise erspart. Keine Eifersüchteleien um die Führungsposition also, der TATORT-Gott hatte ein Einsehen.

Ein Student wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Erste Spuren deuten auf ein Eifersuchtsdrama hin. Für Peter Faber beginnen die Ermittlungsarbeiten. © WDR/Willi Weber

Wie überhaupt schon mal festzuhalten ist, dass man trotz der etwas retortenhaft wirkenden Ermittler-Konstellation bemüht ist, das Team nicht zu verseifenopern. Die Charakterzeichnung der Ermittler deutet bei den zwei Alten schon einige Tiefen an: Faber ist depressiv und schluckt Mittelchen, aber nur leichte, natürlich, und Bönisch ist familiär gut eingespannt. Ja, die hat Familie! Und stellt sie sogar auch mal über den Beruf. Das wir das noch erleben dürfen! Dagegen bleiben die beiden Jungschen noch etwas synthetisch und glatt, aber andererseits auch ohne Nerv-Faktor. Kurz: Insgesamt gelingt die Team-Einführung recht ordentlich.
Und darauf liegt auch das Hauptaugenmerk dieser Premiere. Was in Ordnung ist, weil der Fall selbst andererseits auch nicht untergeht und einen durchaus interessiert. Die Ermittlungsmethoden von Faber sind ungewöhnlich, oder zumindest seine Art, sich in die Situation einzudenken. Das macht er gerne laut und in der Ich-Form. Die Kollegen gucken irritiert, aber Frau Bönisch ist klug genug, sich rasch darauf einzustellen und ihn einfach machen zu lassen.

Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch hat die schwere Aufgabe, Thomas Bremer den Tod seines Sohnes zu übermitteln. © WDR/Willi Weber

Das ist vielleicht sogar der wichtigste Subtext des Films: Menschen sollte man machen lassen. Leider geschieht das viel zu wenig. Auf den Punkt gebracht wird dieses Dilemma vom Vater des bald hinzukommenden zweiten Opfers. Der Alte ist Brieftaubenzüchter, soviel Pott-Kolorit muss dann doch sein und wirkt dennoch nicht aufgesetzt. Und der hat die Dinge erkannt. Angesprochen auf den schwulen Lebenswandel des Sohnes seufzt er: ?Frau, Mann ? Mann, Mann ? Frau, Frau ? et is, wie et is.? Und liefert gleich noch den anderen Subtext des Films, der dem Handlungsort, dem Ruhrgebiet, geschuldet ist: der stete Wandel. Der Alte soll mit seinem Taubenschlag fort, und weil er nicht will, vergiftet jemand seine Vögel: ?Das wird jetzt ne Yuppie-Gegend, da passt so wat wie wir nich mehr hin. Warum können die Leute einen nicht in Ruhe lassen? Nur weil man `n bissken anders ist. Ich hab doch auch nix dagegen, wenn die alle gleich sind.? Für diese schöne Weltsicht kann man auch gut hinnehmen, dass der Film manchmal ein bisschen ächzt unter allem, was er transportieren muss: ein gesellschaftsrelevanter (Homophobie-) Fall mit auch noch ordentlich Spannung, die Einführung von gleich vier neuen Hauptcharakteren, die auch alle noch möglichst viel charakterliche Tiefe abbekommen sollen, und dann eben noch das Porträt einer ganzen Region vor dem Hintergrund des Strukturwandels und den damit verbundenen Konflikten. Klar, alles muss mit. Das Dortmunder U, der BVB, die Indutrieschornsteine.
Fast ist es erstaunlich, wie der Film diese Last insgesamt gut schultert, ohne dass alles zu bemüht, zu gewollt, zu knarzig wirkt. Das lässt sich gut ansehen und macht Lust auf mehr. Der Pott ist zurück, rund 20 Jahre nach Schimanskis Abflug vom Dach. Die Welt hat sich weitergedreht seither, nun versucht der Dortmunder TATORT, die Chronik fortzuschreiben. Diese Pilotfolge macht Lust darauf, ihm dabei in Zukunft zuzusehen. 

Heiko Werning
 


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