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Heute ist der: 16.12.2019. --> Bis heute wurden 1125 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Jörg Hartmann

Clown statt King

Der Typ kann ein echter Kotzbrocken sein. Takt-, rücksichts- und respektlos macht er sich Verdächtige und Kollegen gleichermaßen zum Feind. Peter Faber, der am Sonntag, 23.09., um 20.15 Uhr, im ersten Dortmunder "Tatort" ermittelt, wird wohl auch beim Publikum mit seiner wenig sozialen Art erst einmal anecken. Ganz anders sein Schauspieler Jörg Hartmann: Der 43-Jährige, der in der viel gelobten ARD-Serie "Weissensee" als eiskalter Stasi-Offizier erstmals ein größeres Publikum auf sich aufmerksam machte, hat zwar seinen Spaß an schwierigen Charakteren. Im Interview dagegen ist er absolut umgänglich und unkompliziert. Nur bei seinem Herzensthema, da geht ihm schon mal "die Hutschnur hoch" ...

Jörg Hartmann ermittelt als Hauptkommissar Peter Faber in Dortmund. - Bild: WDR/Willi Weber

teleschau: Kommissar Faber wird ja recht ausdauernd vom WDR als "Sausack" angekündigt ...

Jörg Hartmann: Och, dieses Wort! Ich kann das gar nicht mehr hören.

teleschau: So schlimm ist er also nicht?

Hartmann: Nein. Ich sehe ihn als einen absolut verletzlichen, verletzten, sensiblen Menschen, der einiges mit sich auszutragen hat und von Natur aus ziemliche Antennen besitzt und dadurch vieles wahrnimmt, gerade am Tatort. Er ist natürlich ein Einzelgänger und schwer teamkompatibel, das ist nicht zu leugnen. Aber alles in allem sehe ich ihn natürlich nicht als Arschloch. Überhaupt nicht.

teleschau: Die Ernennung zum "Tatort"-Kommissar wird gemeinhin in den Medien als Ritterschlag bezeichnet. Fühlt sich das auch aus Schauspielerperspektive so an?

Hartmann: Ich hatte zwei ganz konträre Gefühle dazu. Zum einen natürlich die Freude, ich fühlte mich geehrt. Aber bei aller Freude habe ich auch gedacht: Jesusmaria, wir haben so viele Krimis im deutschen Fernsehen. Da wollte ich dann doch lieber das Exposé abwarten, wie sich das entwickelt, was Faber für ein Figur ist. Man muss da seine Nische finden, sonst kann man die Zuschauer nicht interessieren. Es war also erst mal ein bisschen zweischneidig.

teleschau: Sie hatten zuerst die Rolle, und dann ist sie entstanden?

Hartmann: Gewissermaßen. Als ich vor fast zwei Jahren zum ersten Mal davon erfuhr, konnte man mir noch nichts Genaues über die Rolle sagen, nur ein paar Stichworte, zum Beispiel wusste ich, dass es ein Viererteam geben wird. Erst zwei Monate später habe ich das Exposé erhalten, da war dann klarer gezeichnet, in welche Richtung es gehen wird. Aber so lange habe ich abgewartet. Wenn ich beim Lesen gemerkt hätte, dass ich da gar nicht andocken kann, dann hätte ich's auch nicht gemacht.

teleschau: Wie lange haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Hartmann: Die eigentliche Arbeit an der Rolle begann ungefähr drei Monate vorher. Aber ich habe schon etliche Monate zuvor angefangen, Bücher zu lesen, auch Krimis, um mich in dem Genre fit zu machen. Und ich habe nachgeschaut, was die Kollegen in den anderen "Tatorten" so machen.

teleschau: Sind Sie dabei Krimi-Fan geworden?

Hartmann: Durchaus. Es waren aber nicht nur Krimis, es waren auch Bücher von ehemaligen Ermittlern, Tatort-Analytikern und so weiter. Aber man kommt schon auf den Geschmack. Es gibt ganz gute Krimis, auch aus England oder Skandinavien, bei denen ich einige Eindrücke sammeln konnte. Faber hat natürlich kein Vorbild, aber verschiedene Elemente aus verschiedenen Krimis sind bestimmt in die Figur eingeflossen. Was mir besonders gut gefallen hat, aber das war nun wirklich kein Vorbild, ist die britische Krimiserie "Luther", die vor einiger Zeit im ZDF lief. Die waren ziemlich frech in der Figurenkonstellation, da sind die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend, das interessiert mich, da hab ich meinen Spaß.

teleschau: Würden Sie sich so etwas auch mal für Ihren Herrn Faber wünschen?

Hartmann: Oh ja. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er durch seine Art zu ermitteln, durch dieses Abtauchen in die Welt des Täters, sich darin auch mal verliert. Dass er da nur noch ganz schwer rauskommt. Das hat nicht unbedingt mit realistischer Polizeiarbeit zu tun, aber für die Dramaturgie wäre es ein gefundenes Fressen.

teleschau: Sie drehen den "Tatort" in Köln und Dortmund, wohnen aber mit Ihrer Familie weiterhin in Potsdam - wie vereinbaren Sie das?

Hartmann: Natürlich ist das ein organisatorischer Aufwand. Aber dafür bin ich, weil ich ja nicht mehr in einem festen Theaterensemble bin, jetzt öfter längere Zeit am Stück zu Hause. Das gleicht sich also aus. Teilweise ist es sogar einfacher.

teleschau: Haben Sie sich deshalb in den letzten Jahren verstärkt dem Fernsehen gewidmet?

Hartmann: Nein, es war nur einer von mehreren Gründen. Ich wollte auch das Medium einfach mal ausprobieren, bevor der Zug da abgefahren ist. Es ist eine Art von Spiel, die ich sehr mag: Das reduziertere Spiel - das man im Theater ab Reihe zwei schon nicht mehr sehen würde.

teleschau: In Dortmund ist man ziemlich stolz auf den eigenen "Tatort" ...

Hartmann: Bei den Dreharbeiten hat man das schnell gemerkt. Es ist wirklich ganz rührend, wie glücklich die da alle sind. Einmal wollte ich auch mit einem alten Schulkollegen in ein Dortmunder Restaurant gehen. Da war eine Frau, die mich gleich erkannte: "Ach, da isser! Unser Kommissar! Komm her, lass dich mal drücken." Die umarmte mich sofort. So was passiert nur im Ruhrpott. Das war schon sehr süß.

teleschau: Nicht auch ein bisschen nervig?

Hartmann: Im Moment ist es noch süß, nicht nervig. Später ... ach was. Das werden wir schon alles meistern.

teleschau: Sie kommen ja selbst aus dem Ruhrpott, aus Herdecke. Aus erster Hand: Was hat der Pott zu bieten außer den Klischees von Fußball, Zechen und Taubenzüchtern?

Hartmann: Einen direkten, humorvollen Menschenschlag, den ich sehr, sehr schätze. Sehr witzig auch. Und diese gigantische, von Menschenhand geformte Industrielandschaft, die ist wirklich was Besonderes. Es lohnt sich schon, ins Ruhrgebiet zu reisen und sich das anzuschauen. Es sind ja nicht nur Zechen, es sind ja auch Kokereien, Halden, Stahlwerke - oder die Reste davon. Es ist halt keine Gegend, die mit einer pittoresken Innenstadt aufwartet. Man weiß ja nicht einmal genau, ob es viele Städte zusammen sind oder eine einzige Riesenstadt. Und für alle, die es immer noch nicht kapiert haben: Es ist unglaublich grün da!

teleschau: Sie haben selbst ein Interesse an Städtebau und Architektur, engagieren sich etwa in der Potsdamer Bürgerinitiative "Mitteschön". Wie schafft denn der Ruhrpott Ihrer Meinung nach den Spagat zwischen Tradition und Moderne?

Hartmann: Glücklicherweise hat man bei der Internationalen Bauauststellung Emscher Park zwischen 1989 und 1999 die richtige Richtung gefunden. Man hatte endlich kapiert, dass diese alten Relikte genutzt und umgewandelt werden sollten. Die waren alle kurz vorm Abriss! Das wäre fatal gewesen. Man kann natürlich nicht jedes Fördergerüst erhalten, aber im Großen und Ganzen find ich's schon okay. Man erkennt die Arbeitersiedlungen noch. Aber natürlich hat Dortmund mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie jede andere Großstadt.

teleschau: Die wären?

Hartmann: Wenn man in die Stadt reinkommt und als Erstes von irgendwelchen nichtssagenden Gewerbegebieten begrüßt wird, mit Discountern und riesigen Parkplätzen davor - dann ist das nicht das, was ich mir unter gutem Städtebau vorstelle. Ich bin auch kein Fan von diesen Einkaufspassagen, die man in die Innenstädte knallt. Dadurch sterben die anderen Läden ab. Wenn das Leben nicht mehr in öffentlichen Räumen, auf freien Plätzen stattfindet, sondern in gesichtslosen, klimatisierten Shoppingmalls, dann geht bei mir die Hutschnur hoch. Das kann man nicht schönreden. Aber Shoppingmalls und Discounter sind kein Dortmund-spezifisches Problem.

teleschau: Wobei gerade im Ruhrgebiet derzeit wegen der großen Handelsketten die sogenannten Büdchen aussterben ...

Hartmann: Die alten Trinkhallen und Kioske, ja. Die können sich aus verschiedenen Gründen nur noch schwer halten, aber die Handelsketten sind sicher einer davon. Klar ist das schade, denn das ist was ganz Besonderes. Nicht nur visuell, sondern das war auch ein sozialer Treffpunkt. Eigentlich wollte man nur kurz raus, eine Zeitung holen, und blieb dann eine ganze Weile da. Im Ruhrpott kommt man eben immer schnell ins Quasseln.

teleschau: Waren Sie auch ein Büdchennutzer?

Hartmann: Wir in Herdecke hatten ja sogar eine Pommesbude, von daher ist mir das sehr vertraut.

teleschau: Mussten Sie im Familienbetrieb auch mithelfen?

Hartmann: Nein, das ging auch gar nicht lange; das war ungefähr zu der Zeit, als ich gerade in die Schule kam.

teleschau: Mit einer eigenen Pommesbude waren sie doch bestimmt der King in der Grundschule!

Hartmann: Nein, war ich nicht. Ich war immer wahnsinnig schüchtern, zumindest die ersten paar Jahre lang, und habe mich sehr zurückgehalten. Ein King war ich überhaupt nicht!

teleschau: Vom schüchternen Jungen zum Star ist es dann doch ein weiter Weg ...

Hartmann: ... und das ganz ohne Pommesbude!

teleschau: Was hat sich denn da in der Zwischenzeit getan?

Hartmann: Naja, irgendwann taut man eben auf. Die Liebe zum Clownesken und zum Theater habe ich noch auf der Grundschule entdeckt.

teleschau: Beim ersten Pressetermin zum neuen "Tatort" wirkten Sie allerdings schon ein wenig zurückhaltend. Ist das bei Ihnen launenabhängig?

Hartmann: Nein. Bei dieser Gelegenheit war ich einfach von dieser Masse an Journalisten und Fotografen überwältigt, das war mir noch nie passiert. Es war ja auch ein bisschen schwierig, denn der Termin fand noch vor dem ersten Drehtag statt. Da hatten wir ja noch gar nichts geleistet! Und dann wollte ich zum einen nicht zu viel erzählen, um nicht zu viel zu verraten. Zum anderen konnte ich auch einfach noch nicht viel erzählen, denn ich war den Weg noch nicht gegangen, hatte die Rolle noch nicht gespielt.

teleschau: Und jetzt?

Hartmann: Jetzt sind die ersten zwei Filme gedreht, und ich kann mich zurücklehnen und schauen, wie's denn so ankommt. Ich bin gespannt, denn der "Tatort" kommt nicht so ranschmeißerisch daher. Außerdem wollen wir einige kontinuierliche Bögen erzählen. Nicht nur in der Entwicklung der Figuren, sondern auch in der Handlung. Wobei natürlich weiterhin jede Folge für sich selbst stehen wird.

teleschau: Soll mit dem neuen Konzept auch ein jüngeres Publikum angesprochen werden?

Hartmann: Ich hoffe natürlich, dass auch die Älteren nicht abschalten! Aber durch das Viererteam und das Tempo, durch die etwas andere Bildästhetik hoffe ich, dass dieser "Tatort" auch Jüngere anspricht.

teleschau: Sie selbst haben eine Tochter. Schaut die den "Tatort" auch an?

Hartmann: Nein, nein, die wird jetzt erst neun! Das muss nicht sein.

teleschau: Ab wann dürfte sie denn?

Hartmann: Das hat noch Zeit. Und zwar noch einige Jahre.

Das Interview führte Sabine Metzger - Teleschau-Mediendienst


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