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Ihr Kinderlein kommet

Die Leipziger in Köln

Auf einem Kölner Schrottplatz werden im Kofferraum eines Autowracks die Fingerabdrücke der in Leipzig vermissten Anna Römer gefunden. Nahzu zeitglich werden aus dem Rhein drei Mädchenleichen geborgen, deren Spuren ebenfalls nach Leipzig führen. Die logische Fotsetzung der Folge Kinderland vom Ostermontag: Wieder ermitteln die Leipziger zusammen mit den Kölner Kollegen, diesmal geht die Bahnreise aus Sachsen ins Rheinland.

Zweiter Teil der Crossover-Folge. Bild: WDR/Willi Weber

Suspense aus der Täter-Perspektive

Ihr Kinderlein kommet ist in seinen Grundzügen ganz anders gestrickt als der Vorgänger Kinderland: Sah man im ersten Teil einen klassischen Whodunnit, so ist der Zuschauer diesmal den Kommissaren weit voraus. Der Täter ist bekannt, aus seiner Perspektive wird die Gefangenschaft Anna Römers immer wieder eindringlich inszeniert. Peter Pransky wäscht und frisiert sein gefesseltes Opfer, geradezu liebevoll sorgt er sich darum, dass sie keine Blessuren davonträgt. Dass dieses Ritual auf sexuellen Missbrauch hinausläuft, ist von Anfang an offensichtlich, was der Spannung aber durchaus zuträglich ist. Im direkten Vergleich der beiden Fälle erscheint Ihr Kinderlein kommet als der deutlich spannendere Film, geschickt werden hier die Suspense-Elemente mit der Rahmenhandlung verbunden. In einzelnen Szenen grüßt deutlich Hitchcock aus der Ferne, der seine Freude an der wachsenden Angst der Zuschauer gehabt hätte.

Freddy Schenk freut sich über das Wiedersehen mit der Kollegin aus Leipzig. Bild: WDR/Willi Weber

Freddy flirtet mit Eva

Trotzdem leidet auch dieser Film an den schon im ersten Teil vorhandenen Mängeln: Die Nebenhandlung um die beiden sich zusammenraufenden Ermittlerduos wirkt vielfach höchstens bemüht und ausgestellt. Freddy flirtet weiter mit Eva Saalfeld, was sowohl Keppler als auch Ballauf (!) eifersüchtig stimmt. Das soll Komik erzeugen, wirkt aber leider nur unglaubhaft. Der geübte TATORT-Zuschauer weiß von Anfang an, dass Schenk und Saalfeld keinesfalls ein Paar werden können; da sind schon die unterschiedlichen Zuständigkeiten von WDR und MDR unüberbrückbare Hindernisse für eine dauerhafte Romanze. Es ist hingegen davon auszugehen, dass die kleine Liebelei in bewährter WDR-Manier schon in der nächsten Folge nicht mehr erwähnt werden und fortan keine Rolle mehr spielen wird. Sie wird also das gleiche Schicksal erleiden wie Ballaufs Magenprobleme, sein Alkoholproblem und andere Nichtigkeiten, die immer nur für eine Folge passend aus dem Ärmel geschüttelt werden. Man wird sehen, ob in den nächsten Folgen aus Köln wenigstens wieder Juliane Köhler auftauchen wird, für die wohl angesichts von bis zu sieben sinnvoll in der Handlung unterzubringenden Teamfiguren kein Platz mehr war.

Die 15-jährige Leipzigerin Anna wurde verschleppt. Bild: WDR/Willi Weber

Der Täter als Monster

Der stetig wachsende Suspense während des Films wird zudem leider immer wieder durch "volksnahe" Kommentare zu Vergewaltigern und Kinderschändern gestört. Da darf dann Ballauf unvermittelt unprofessionell von einem "blöden Arschloch" faseln, dass da draußen immer noch frei herumläuft, als ob ein Kriminalbeamter im Morddezernat einer deutschen Großstadt wirklich dermaßen fassungslos angesichts eines Sexualstraftäters wäre. Wenn ein solcher Spruch von einem nicht des Hochdeutschen mächtigen schwäbischen Streifenpolizisten käme, wäre er in seiner tiefen Erschütterung noch glaubhaft, hier wirkt er deutlich deplatziert. Die Botschaft dahinter ist klar: Sexualstraftäter sind unvorstellbare Monster, da hilft nur Wegsperren, über die Möglichkeiten moderner Strafverfolgung und Therapieversuche braucht gar nicht erst geredet zu werden. Dazu passend wird dem Täter im Finale - soviel sei verraten - auch das typische Ende eines Kinderschänders bereitet. Die Aussicht auf einen ordentlichen Gerichtsprozess wird diesem Tätertypus im deutschen Fernsehkrimi regelmäßig verwehrt. Ist es bloße Unsicherheit, die in solcher Falllösung gipfelt? Oder will man sich hier den Stammtischdiskutierern und Boulevardblattlesern unter den Zuschauern anbiedern?

Drei Kölsch, ein Wasser: die vier Ermittler an der Wurstbraterei. Bild: WDR/Willi Weber

Leider kein ungleiches Paar

Die Würstchenbude darf natürlich auch nicht fehlen, wo der Zuschauer dann nebenbei noch über das Große Ganze und die gesellschaftliche Relevanz des Themas belehrt wird. Leider gibt es innerhalb des Ermittlerquartetts kein Korrektiv, dass dem bisweilen oberlehrerhaften Ernst der Kölner etwas entgegensetzen könnte. Saalfeld/Keppler und Ballauf/Schenk bedienen regelmäßig die selbe Sparte, den gesellschaftlich relevanten TV-Krimi. Da kann kein Biss und keine Komik entstehen. Eine andere Paarung hätte dem Crossoverprojekt gutgetan.

Bemühtes Lokalkolorit

Angesichts solch gravierender Mängel mag man fast schon darüber hinwegsehen, mit welch einfach gestrickten Stereotypen versucht wird, Lokalkolorit herzustellen. Einem Tatverdächtigen fällt bei der Frage, ob er in Leipzig gewesen sei, nur die dümmliche Antwort ein: "Was sollich da? Die Mauer wiederaufbauen?" Dass die Mauer weiträumig an Leipzig vorbei verlief, war wohl egal, wenn es um die Unterbringung eines krampfhaften DDR-Witzes ging. Keppler hingegen glaubt kurzzeitig, dass Ballauf und Schenk ein Paar seien ("Wo wir doch in Köln sind...") und muss den Witz mit dem Halben Hahn über sich ergehen lassen, den man schon hunderte Male in ähnlichen Konstellationen gesehen hat. Da ist man fast schon dankbar, dass nicht auch noch ein Düsseldorf-Witz zum besten gegeben wird.

Heinz Zimmermann


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