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Heute ist der: 23.07.2019. --> Bis heute wurden 1113 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Ein neues Leben

UnterDrückerinnen

Die Münchner TATORT-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr müssen ihren 62. gemeinsamen Fall lösen, der sie ins Milieu der kriminellen Drückerkolonnen führt. Während Batic sich undercover in die Szene hinein begibt, muss Leitmayr sich mit einem neuen Kollegen und einem renitenten Chef im Nacken herumschlagen.

Arman wird vom Auto aus durch den nächtlichen Wald geschleift. Bild: BR/Bernd Schuller

Die Einstiegsszene in diesen TATORT ist schockierend: Ein Mann ist an einem fahrenden Auto festgebunden und wird auf einem Waldweg langsam zu Tode geschleift. Ein paar Stunden später werden Batic, Leitmayr und der neue Kollege Fechner zu einem ausgebrannten Autowrack gerufen. Einzig ein MP3-Player hat das Feuer einigermaßen unbeschadet überstanden, auf dem Fechner eine Bilddatei retten kann, die zu einem Tierschutzverein führt. Über den Verein selber ist wenig in Erfahrung zu bringen: In einem Hotel sollen demnächst Bewerbungsgespräche durchgeführt werden. Batic nutzt die einmalige Gelegenheit, bewirbt sich, wird angenommen und zunächst einmal aller Kontakte zur Außenwelt beraubt: Kein Mobiltelefon, kein Internet, keine eigene Wohnung und keine eigene Persönlichkeit mehr. Der gesamte "Verein" mitsamt den beiden Leiterinnen und allen Angestellten wohnt in einer Villa, von wo aus Tag für Tag die Rekrutierungsfahrten in die Wohngebiete der Umgebung starten. An den Haustüren soll Geld gesammelt werden, für Tierschutzprojekte, ganz unkompliziert per Debitkarte im Lastschriftverfahren.

Bislang vernachlässigt: das Drücker-Milieu

Isabella mit den Mitarbeitern ihrer Drückerkolonne auf dem Weg zur Arbeit. Bild: BR/Bernd Schuller

Im Grunde ist es erstaunlich, dass der TATORT das Drücker-Milieu bislang noch nicht für sich entdeckt hatte. Hier werden Eindrücke vermittelt, an deren Realität man nicht zu hoffen mag. Man liest, hört und sieht in unregelmäßigen Abständen immer wieder von derartigen Machenschaften, die Polizei warnt immer wieder vor derlei Geschäftsabschlüssen, in Krimis kommt das Geschäft an der Haustür aber recht selten vor. Es geht bei den Drückerkolonnen dieses Münchner TATORTs natürlich nicht um Tierschutz, sondern um das Auslesen der Kartendaten. Da keiner der Beteiligten von den anderen mehr als den Decknamen kennt, kann auch niemand belastbare Zeugenaussagen machen.

Isabella und Sandra, die Leiterinnen des Vereins. Bild: BR/Bernd Schuller

Das beste an diesem TATORT sind ohne Zweifel Nina Proll und Mina Tander, die die beiden Leiterinnen des Vereins als eiskalte Engel spielen. Vor allem Proll darf ihre herrlich diabolische Ader genüsslich ausleben. Wenn sie einer ungehorsamen Angestellten wortlos droht, indem sie ihren Gürtel löst und damit ihre Bereitschaft zeigt, sie zu züchtigen, ist das einerseits eine unmissverständliche Darstellung einer typischerweise sexuell konnotierten Spielart und damit die Unterwanderung der ARD-Sonntagsunterhaltung durch pornographische Elemente, andererseits zeigt sich gerade hier die Verletzlichkeit einer Hauptfigur, der es schlicht an Anerkennung und Zärtlichkeit fehlt. Proll spielt das in ihrer Androgynität einfach so weg, und das ist schlicht atemberaubend. Tander als deutlich weiblicherer Gegenpart hat nur scheinbar die einfachere Rolle, tatsächlich muss sie unter der Knute ihrer Meisterin all ihre Gefühle loswerden und bedingungslosen Gehorsam zeigen. Das Verhältnis der beiden Frauen bleibt den ganzen Film über spannend.

Dicke Logiklöcher

Dass sich im Eifer des Gefechtes ein paar dicke Logiklöcher auftun, könnte man angesichts der Darstellerleistungen fast vergessen. So wäre beispielsweise die Filmhandlung nach rund 20 Minuten bereits beendet, wenn Leitmayr eine Handyortung veranlasst hätte. Noch nerviger wirkt allerdings der neue Jungspund an Leitmayrs Seite, der frisch von der Polizeiakademie zur Kripo gekommene Fechner.

Schon dutzendfach gesehen

Fechner, der frisch von der Polizeiakademie zur Kripo gekommen ist. Bild: BR/Bernd Schuller

Man fragt sich, warum der BR dem interessanten Grundplot nicht vertraut und zum x-ten Male einen Nebenplot um einen ach so lustigen Sidekick aufmachen muss. Das hätte der Film gar nicht nötig gehabt. Auch der ständig wechselnde Vorgesetzte der beiden Kommissare, diesmal dargestellt von Olaf Rauschenbach als Kommissariatsleiter Wader, trägt nicht gerade zur Serienstringenz der Batic/Leitmayr-Filme bei. Batics Einsatz als verdeckter Ermittler wurde vorab nicht vom Vorgesetzten abgesegnet, Leitmayr versucht beständig, dem Chef das Fehlen des Kollegen verständlich zu machen. Das hat man so oder so ähnlich schon dutzendfach beim TATORT gesehen und das bleibt leider den ganzen Film über langweilig. Seit dem Weggang von Carlo Menzinger weiß man beim BR offenbar nicht so richtig, in welchem personellen Zusammenhang man die beiden altgedienten Kommissare positionieren soll.

Dafür wirken Nemec und Wachtveitl völlig eingespielt aufeinander; dass die beiden auch alleine einen guten Kriminalfilm stemmen können, haben sie in den letzten Jahren auch schon mehrfach bewiesen. Und dazu muss der Franz dem Ivo noch nicht einmal die Finger brechen.

Heinz Zimmermann


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