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Heute ist der: 19.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und der freie Fall

Der Geist von Zimmer 317

Ein Journalist und Autor wird tot auf seiner Segelyacht aufgefunden, der Gasherd ist voll aufgedreht. Zu einer Explosion ist es zwar trotzdem nicht gekommen, dafür geht in Kiel bald eine ganz andere Bombe hoch. Denn die Meldung vom Tod des Semi-Prominenten ist Tom Buhrow in den ?Tagesthemen? eine Erwähnung in der Teaser-Live-Schaltung zum Ende der zuvor laufenden Polit-Talkshow wert, deren Moderatorin daraufhin die Fassung verliert. Und ein frisch gebackener Landesminister der Regierung von Schleswig-Holstein steht zur Überraschung der Ermittler Klaus Borowski und Sarah Brandt in der Wohnung des Toten, zu der er einen Schlüssel hat. Und die offenbar überhaupt einiges Interesse weckt, denn der Computer ist noch warm und alle Dateien sind gründlich gelöscht. Plötzlich taucht der BND auf, und ein Name, der auch nach 25 Jahren noch alle elektrisiert ? Uwe Barschel, der Mann aus der Wanne. Ermitteln Borowski und Brandt womöglich in zwei Mordfällen?

Sarah Brandt und Klaus Borowski. Bild: NDR/Marion von der Mehden

Es ist schon ein ungewöhnlicher Schritt, dass sich der TATORT an einen realen Fall der jüngeren Zeitgeschichte wagt und die Geschehnisse um einen der größten Polit-Skandale der Bundesrepublik in einen fiktiven Fall einbaut, ihn sogar zum zentralen Teil des Geschehens macht. Schließlich schleichen Borowski und Brandt durch das Genfer Hotel ?Beau-Rivage? und geben sich ein Stelldichein in der berühmten Suite 317. Das ist schon durchaus tollkühn. Der Fall Barschel ist bis heute ein Quell steter Verschwörungstheorien, ungeklärter Mysterien und bizarrer Vorfälle. Vom Mossad bis zu KGB oder CIA schien plötzlich jeder Geheimdienst in den Verdacht zu geraten, sich für den langweiligen Polit-Streber aus dem hohen Norden interessiert zu haben, Beweisstücke verschwinden bis in die jüngste Vergangenheit, gleich zu Beginn wurde seltsam schlampig ermittelt, Barschels Nachfolger Engholm verstrickte sich gleich selbst in der Affäre und versank letztlich gleichfalls in der Wanne (um von der ?Titanic?, die ihn dort folgerichtig hineinmontiert hatte, prompt das höchste Schmerzensgeld wegen einer Satire zu erstreiten, das in der Bundesrepublik je verhängt wurde ? Humor und Sozialdemokratie sind eben natürliche Feinde), der ehemalige ermittelnde Staatsanwalt veröffentlichte nach Dienstschluss plötzlich vehement Mord-Theorien, und Barschels Witwe ließ im Fernsehen sogar eine Seance veranstalten, um im Jenseits den Verblichenen einfach selbst zu befragen, was denn nun genau los war in jenem Zimmer 317.

Der Geist von Zimmer 317

Die Fernsehmoderatorin Ulla Jahn scheint nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Bild: NDR/Marion von der Mehden

Eine Frage, die nicht nur die Geister interessiert, sondern nun also auch Borowski. Der unaufgeregt grantelige Kommissar ist sicher die Idealbesetzung, sich an den gewagten Plot heranzumachen, seine Erdverbundenheit verhindert, dass die Handlung ins Lächerliche umkippt, was bei dem Ballast leicht hätte geschehen können. Für den Hysterisierungsfaktor ist allein die impulsive Kollegin Brandt zuständig, die ganz aus dem Häuschen gerät angesichts der sich anbahnenden sensationellen Enthüllungen, und die zudem sogleich fest an die ganz großen Verschwörungen glaubt (und nebenbei im realen Buch des Ex-Mossad-Agenten Ostrowsky liest, der seine ganz eigenen Interpretationen zu Barschel gegeben hatte; hübsch-unauffällige Insider-Szene). Frau Brandts Eifer liegt sicher nicht zuletzt daran, dass der BND ihr die Akten zum aktuellen Fall vor der Nase weggeschnappt und sie arrogant abserviert hat.
Ein seltsamer Schweizer Informant taucht auf, der brisante Informationen zum Fall Barschel verspricht und sich in Todesgefahr deswegen wähnt, große Geldbewegungen und Bargeldbeträge lassen vermuten, dass es um große Dinge gegangen sein muss, und schließlich ist da noch Barschels Wiedergänger, der Minister, der ganz offenkundig auch ordentlich Dreck am Stecken hat. Man wirkt so unterkühlt und ruhig an der Waterkant, doch unter der Oberfläche blubbert ein Sumpf von Intrigen, Lügen, Betrug und Amtsmissbrauch. Und irgendwelche Waffenhändler tauchen natürlich auch noch auf ...

Lust am Spiel mit den Erwartungen

Der Minister Karl-Martin von Treunau scheint den Toten besser gekannt zu haben als er zugibt. Bild: NDR/Marion von der Mehden

Dieser TATORT verwebt geschickt die Halbinformationen, die jeder noch zur Causa Barschel im Kopf hat, mit der Bereitschaft, dann eben doch an die ganz große Verschwörung zu glauben, mit der Lust an der Sensation, mit dem geheimen Wunsch nach dem großen Knall. Die Lust am Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer ist dem Film dabei an jeder Stelle anzumerken. Je mehr dräuende Andeutungshäppchen nach und nach eingestreut werden, desto stärker steigt die innere Fieberkurve, nach außen dargestellt durch Frau Brandts Erregung. Borowski selbst übernimmt derweil den rationalen Part, der nach den einfachen Erklärungen sucht, der mit den Füßen fest auf dem Teppich von Zimmer 317 bleibt. Aber ? ist nicht gerade in diesem Fall letztlich nicht doch alles denkbar?

Borowski und Sarah Brandt finden Hinweise, dass der Tote in Genf gewesen sein muss. Bild: NDR/Marion von der Mehden

Man muss sich darauf einlassen, dass dieser Film sich um die Erwartungshaltung an einen TATORT nicht groß schert. Es geht hier um die Rezeption des Fall Barschel, um die Emotionen, die er bei den Menschen noch heute auslöst, natürlich auch um die vielen ungelösten Fragen. Der Film spielt also ? sehr detailverliebt ? auf der Meta-Ebene. Dass er dabei eher gemächlich inszeniert ist, ergibt so Sinn, denn ganz allmählich zieht er den Zuschauer hinein in den Strudel an wüsten Spekulationen und der Lust an der Sensation. Der Preis dafür ist, dass er auf anderen Ebenen eher mäßig vor sich hinläuft. Sicher, ein richtiger Kriminalfall ist dabei, es gibt auch eine durchaus überzeugende Auflösung, aber letztlich steht das alles nicht im Mittelpunkt. Auch die politisch-gesellschaftlichen Themen und die Charaktere sind letztlich nur Kulisse. Durchaus gelungene Kulisse zwar, aber der Fall und seine Personen selbst stehen eben im übergroßen Schatten der Badewanne.
Fazit: Als Krimi immer noch ordentlicher Durchschnitt, wenn er auch kaum Begeisterungsstürme auslösen wird, aber für jeden, der Spaß hat am Spiel mit der Verführbarkeit von uns allen durch mysteriöse Verschwörungstheorien, an der eigenen Lust auf das Ungeheuerliche, ist ?Borowski und der freie Fall? ein außergewöhnliches Film-Vergnügen mit einer klugen Auflösung. Kein Mainstream-Krimi, kein Filmkunst-Erlebnis, aber ein kleiner, frech aus der Reihe tanzender Streifen, der beweist, dass im TATORT immer noch und immer wieder allerhand möglich ist.
Mir jedenfalls hat?s gefallen.

Heiko Werning
http://blogs.taz.de/reptilienfonds/


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