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Heute ist der: 20.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Hochzeitsnacht

Rache und Gerechtigkeit

Es gibt Leute, die immer wieder behaupten, das deutsche Fernsehen sei schlimm. Sie würden es zwar nie ansehen, aber sie rücken dennoch nicht von dieser Behauptung ab. Sie selbst schauen ja lieber amerikanische Spitzenserien, selbstverständlich im Original. Von Serien wie ?Stromberg?, dem, was Bastian Pastewka so macht oder den neuen Frankfurter TATORTen haben sie noch nie gehört. Sie wollen auch nichts von diesen Produktionen wissen, denn die würden ihr Weltbild durcheinanderbringen. Der neue Bremer TATORT ist genau der richtige Film für diese Leute.

Mit brutaler Gewalt fordert Geiselnehmer Simon Lösegeld. © Radio Bremen/Jörg Landsberg

Es ist die hohe Kunst der Rezension, gute Kritiken zu liefern, anderen Menschen Vorfreude auf einen künstlerischen Genuss zu schaffen, die Qualitäten des Kunstwerks in einem schönen Licht leuchten zu lassen. Aber bei Hochzeitsnacht wird das eng. Fangen wir beim Guten an: Der Titel des Films ist noch sehr gelungen, denn die genannte Nacht nach der Hochzeit werden weder das Brautpaar noch die Gäste im Bett verbringen. Doch so wie die Protagonisten fängt man sich auch als Zuschauer sehr bald an, nach seinem Bett zu sehnen. Die Bremer haben ihrer Hauptkommissarin Inga Lürsen keinen besonderen Gefallen zum 15-jährigen Dienstjubiläum bereitet. Diesen TATORT werden nicht viele Zuschauer bis zum Ende durchhalten. Der Rezensent fühlte sich dazu verpflichtet und kann es keinem ehrlichen Herzens empfehlen.

Bei seiner Flucht gerät Kommissar Stedefreund in eine missliche Lage. © Radio Bremen/Jörg Landsberg

Nachdem die Dachgeschosswohnungen Münchens und Berlins jahrzehntelang der beliebteste Spielort deutscher Fernsehfilme waren, wurde in den letzten Jahren die Provinz entdeckt. In Hochzeitsnacht ist praktisch ein gesamtes Dorf im Bremer Umland auf der Hochzeitsfeier von Rieke und Nico versammelt. Die üblichen Reden werden gehalten, der Dorfkapellmeister spielt schlechte Stimmungsmusik und der Alkohol fließt in Strömen. Was Kommissarin Lürsen da macht, ist nicht so ganz klar, irgendwie ist sie die Begleitung von Kommissar Stedefreund. Warum der da ist? Wer weiß. Na gut, über kleinere logische Brüche sollte man hinwegsehen können. Stedefreund geht dann mal kurz mit dem Hund raus, ein kleiner Schoßhund, den Stedefreund so schlecht im Griff hat, dass der Hund ihm in langen, endlosen Einstellungen weit über die Landschaft der Rieselwiesen an der Soeste entflieht. Aber wie gesagt, kleinere logische Brüche gehören vielleicht bisweilen dazu. Auf dieser ersten Verfolgungsjagd dieses Krimis rutscht der Kommissar irgendwie aus Versehen einen alten Steg hinunter, in dem er sich irgendwie auch den Fuß so einklemmt, dass er ihn irgendwie überhaupt nicht mehr hinaus bekommt und nun hilflos auf der Rieselwiese liegt, niemand da außer dem hämisch blickenden Schoßhund. Wenn das jetzt nicht so glaubwürdig klingt, soll man nicht immer nur strengste Logik einfordern. Um seinen unverrückbar eingeklemmten Fuß aus dem Steg zu befreien, zieht sich der Kommissar nun nicht etwa seinen Schuh, sondern die Hose aus. Sicher, man soll es mit der Logik nicht immer so genau nehmen. Warum er sich die Hose ausziehen muss, bleibt indes völlig unklar. Vielleicht weil er schöne Beine hat? Hier jedenfalls kommt die ARD ihrem Bildungsauftrag nicht vollumfänglich nach. Aufgepasst, liebe Kinder: Solltet Ihr Euch mal den Fuß einklemmen, hilft Hose ausziehen meist nicht.

Die Geiselnehmer Simon und Wolf werden nervös. Bei ihrem Überfall auf eine Hochzeitsgesellschaft läuft nicht alles nach Plan. © Radio Bremen/Jörg Landsberg

Indes dringen auf der Hochzeitsfeier zwei schwer bewaffnet maskierte Räuber ein, von denen der eine die Hochzeitsgesellschaft überfallen, der andere aber lieber mit den Gästen quatschen möchte. Er kennt sie alle von früher, weshalb er sich auch bald entschließt, das Maskierte an seinem Räuberdasein aufzugeben. Vielleicht hätten sie sich vor ihrem Überfall ein wenig absprechen sollen, denn der weiterhin Maskierte müht sich redlich, die Hochzeit weiter zu überfallen, während der Unmaskierte psychologische Gespräche führt, wenn er nicht gerade ?Schnauze!? brüllt und irgendeinen Hochzeitsgast ganz fest knufft. Der Maskierte sammelt indessen die Ohrringe und Ketten ein, vermutlich könnte er damit bei eBay mehr als hundert Euro machen. Hoffentlich bekommt er so die Kosten für die hohen Planungskosten wieder rein, das Werkzeug, mit dem sie Mobil- und Festnetzverbindungen des Dorfes vor ihrem Überfall gekappt haben, die Ketten, mit denen sie alle Ausgänge verschließen und die aufwendigen Waffen, mit denen sie herumwedeln. Kleiner Tipp fürs nächste Mal: Eine Bank hätte sich mehr gelohnt.

Inga Lürsen versucht Nähe zum Geiselnehmer Wolf aufzubauen. © Radio Bremen/Jörg Landsberg

Und so geht es weiter und weiter, ein Mord, für den der Unmaskierte gesessen hat, wird aufgearbeitet. Das Mordopfer war eine junge Frau, von der etwa achtzig Mal betont wird, dass sie ?alle nur ficken? wollten, aber der Unmaskierte hat sie wirklich geliebt. Ehrlich. Das Biedere der Dorfkulisse wird knallhart enttarnt, indem der eine brave Bürger dem Mädchen Geld gab, damit diese mit dem anderen braven Bürger Sex hat, damit der dem Geldzahler bei einem Bauvorhaben hilft. Warum der Finanzier ihm nicht einfach das Geld gegeben hat und der Empfänger nicht selbst aussucht, was er damit macht oder warum das Mädchen überhaupt Geld bekommt, wo sie doch ohnehin ?mit jedem fickt?, wir werden es wohl nie erfahren. Auch nicht, warum die Räuber sich vorher über den Verlauf der Telefonleitungen sowie die Position der Handy-Sendemasten informiert haben und genügend Ketten für die Türen des Vereinsheimes mitbringen, ihnen aber gleichzeitig entgangen ist, dass unter dem Vereinsheim noch ein geheimer Geheimgang in einen in zehn Meter Tiefe verlaufenden, kilometerlangen Stollen führt, der bei einem Wehr endet. Gut, wer sollte damit rechnen, dass in den sechziger Jahren in einer sumpfigen Wiesenlandschaft ein Vereinsheim in Plattenbauweise mit Vordertür, Hintertür, Küche, Tanzsaal und geheimem unterirdisch verlaufendem Geheimgang gebaut wurde, aber die Logik muss auch nicht immer logisch sein, weil das ja gerade an der echten Logik nervt, will man im Fernsehen doch auch mal was anderes sehen.

Die Bremer Kommissare Stedefreund und Inga Lürsen mit den Kollegen vom Sondereinsatzkommando. © Radio Bremen/Jörg Landsberg

Und dass die Polizei mit hundert Mann ein Vereinsheim stürmt, aber der einzige dort noch anwesende Täter (schwarz gekleidet und mit Pistole) trotzdem inklusive einer Geisel entkommen kann und dieser Verdächtige den ganzen Film über einen leeren Rucksack trägt, dem er dann kurz vor Schluss eine vier-Kilo-Urne mit der Asche seiner Mutter entnimmt, ist dann auch schon egal.

So bietet Hochzeitsnacht nur sekundäre Vergnügungen. Man kann sich darüber streiten, ob die Braut eher so aussieht wie Familienministerin Schröder oder wie Charlie Sheens Ex-Frau, ob der trottelige Onkel Ähnlichkeit mit dem Komiker Olaf Schubert hat oder nicht und ob die Entführer die ganze Gesellschaft jetzt nochmal brüllend in einen anderen Raum des Vereinsheims schicken oder nicht. Man könnte zählen, wie oft ?Carola? und ?ficken? in einem Satz gesagt werden oder, wenn man über eine schnelle Auffassungsgabe und ein großes Gedächtnis verfügt, die logischen Brüche summieren. Übrigens ergibt sich aus dem Mann ohne Hose noch eine ganze zweite Erzähllinie, die aber so hanebüchen ist, dass man einerseits nie wieder darüber nachdenken möchte und andererseits gnädig den Mantel des Vergessens über ihr ausbreiten möchte. Das solide bis gute Ensemble bemüht sich redlich, aber wie soll ein Schauspieler seine Rolle anlegen, wenn er den Leiter eines Sondereinsatzkommandos spielt, das scharf bewaffnete Einheiten zum Häuserkampf zusammenzieht und er gleichzeitig eine ältere Dame mit Hund nicht der Frontlinie verweisen kann?

Dieser TATORT wird rasch in den Rieselwiesen versinken, aus denen er nie hätte auftauchen dürfen und mit ihm Sätze wie ?So eine Bluetooth-Scheiße!? und Dialoge wie:
?Ich will nur Gerechtigkeit.?
?Sie wollen Rache.?
?Ist das nicht dasselbe??

Jakob Hein
 


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