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Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Stefan Gubser

Ein grundsolider Abenteurer

"Skalpell" heißt der zweite Fall des neuen Luzerner TATORT-Teams. Der Krimi, der am Pfingstmontag, 28. Mai, 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt wird, seziert mit teilweise drastischen Bildern messerscharf ein Beziehungsgeflecht im Chirurgenmilieu und das Tabu-Thema Zwischengeschlechtlichkeit. Ein starker Krimi, wenngleich er Sperriges verhandelt. Zu viel sollte man vorher aber nicht verraten über einen Film, der als Nachfolger von "Wunschdenken", des viel kritisierten Premieren-TATORTs aus der Schweiz, womöglich besonders skeptisch beäugt werden wird. "Sicher sind damals Fehler passiert", sagt Hauptdarsteller Stefan Gubser (54), und man merkt noch immer, wie nahe dem im gesamten deutschsprachigen Raum gefragten Charakterdarsteller das Ganze ging. Gubser erinnert sich beinahe unter Qualen an jene "große Krise", gibt sich im Interview aber ansonsten genauso cool wie der von ihm gespielte Ermittler Reto Flückiger. Der Darsteller des Schweizer TATORT-Kommissars sieht sich als Abenteurer - der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Ein echter Typ also, und schon deshalb unbedingt sympathisch.

Reto Flückiger ist mit der Waffe genauso schnell wie seine deutschen TATORT-Kollegen. Bild: SRF / Thomi Studhalter

teleschau: Auf die Minute zum vereinbarten Termin! Die berühmte Schweizer Pünktlichkeit?

Stefan Gubser: (lacht) Das kann schon sein. Ich bemühe mich jedenfalls immer, pünktlich zu sein, weil sich das einfach so gehört. Außerdem ist Präzision ja ein Teil meines Berufes, oder? Ist nicht auch die deutsche Pünktlichkeit sprichwörtlich?

teleschau: Auf jeden Fall halten bis zu zehn Millionen Deutsche einen Termin zuverlässig ein: den TATORT am Sonntagabend. Ist das in der Schweiz ähnlich?

Gubser: Wir haben hier auch eine große Fangemeinde, seit der TATORT wieder regelmäßig auf SF1 ausgestrahlt wird. Was wir aber nicht haben, ist der seit 40 Jahren klar definierte Krimi-Sendeplatz, den es in Deutschland gibt. Dass die ARD so lange an dem Konzept festgehalten hat, ist wohl einmalig in der Fernsehgeschichte - und sicher auch ein Grund des Erfolges.

teleschau: In der Schweiz wird man nicht zwangsläufig mit dem TATORT groß ...

Gubser: Nein, ich aber schon! Ich erlebte die Anfänge des TATORTs mit, obwohl ich als Jugendlicher damals noch gar nicht gucken durfte - eigentlich. Meine Eltern waren recht restriktiv beim Thema Fernsehen, also konnte ich nur heimlich schauen, wenn sie mal nicht zu Hause waren, was am Sonntagabend öfter vorkam. Dann schlich ich mich in die Stube - über ein Fenster, das ich tagsüber wohlweislich offenließ, da der Raum stets abgeschlossen war.

teleschau: So viel kriminelle Energie wegen des TATORTs?

Gubser: Ich war halt Fan, so richtig! Mein Idol war Sieghardt Rupp, der bis 1973 den Kölner Zolloberinspektor Kressin spielte.

teleschau: Inspirierte Sie der TATORT bei der Berufswahl?

Gubser: Der TATORT war schon ein großer Bubentraum, aber ganz so kann man es vielleicht nicht sagen. Es stimmt, dass ich schon sehr früh mit diesem Beruf in Berührung kam und von Anfang an fasziniert war. Ich wuchs in Bregenz auf, meine Eltern beherbergten dort immer Schauspieler, die an den Festspielen engagiert waren. Ich durfte ab und zu mit ihnen zu den Proben gehen und hinter die Kulissen blicken. Da hat es mich erwischt. Mit 16 stand ich dann zum ersten Mal selbst auf der Theaterbühne - gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Andrea Zogg übrigens, der heute im TATORT meinen Vorgesetzten spielt.

Flückiger mit seiner neuen Kollegin Liz Ritschard. Bild: SWR/SRF/Daniel Winkler

teleschau: Erinnern Sie sich noch an das Stück?

Gubser: Natürlich. Das war meines Wissens die letzte autorisierte Aufführung der legendären "Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke - am Schultheater meines Internats in Graubünden. Es war also für uns vor allem eine Lehrerbeschimpfung, die aber keine Konsequenzen nach sich zog (lacht). Irgendwann sah uns der Churer Theaterdirektor und lud uns prompt ein, mit dem Stück einmal in seinem Stadttheater zu gastieren. Ein Riesenerfolg - und der entscheidende Moment für Andrea und mich: Wir fassten in dieser Nacht den Entschluss, Schauspieler zu werden.

teleschau: Das war in den 70er-Jahren. Wie fühlt es sich an, dass Sie beide nun im TATORT gemeinsam vor der Kamera stehen können?

Gubser: Großartig! Wir spielen ja nicht nur Kollegen, sondern alte Freunde, die schon gemeinsam auf die Polizeischule gingen. Nun hat der Schmidinger, den Andrea spielt, eben den Flückiger zu sich nach Luzern ins Kommissariat geholt. Ein wunderbarer Umstand, der sicher auch damit zu tun hat, dass die ganze Film- und Schauspielerszene in der Schweiz eben viel kleiner, überschaubarer ist als in Deutschland. Alle kennen sich und sind per Du. Wir haben hier nicht so die Hierarchien in der Branche.

teleschau: Dennoch: Fühlte sich "Wunschdenken", die erste neue SF-TATORT-Folge im vergangenen Jahr, wirklich an, wie die Erfüllung eines Jugendtraumes?

Gubser: Ja und nein. Es war jetzt im Rückblick schon auch eine schwere Prüfung.

teleschau: Der Film musste erst wegen angeblicher qualitativer Mängel überarbeitet werden, auch danach waren die Kritiken nicht überwältigend ...

Gubser: Ja, und das tat mir furchtbar weh, weil ich so viele Jahre darauf hingearbeitet, so viel Herzblut hineingesteckt habe.

Im TATORT "Wunschdenken" ermittelte Flückinger 2011 erstmals in Luzern. Bild: SWR / SF / Thomi Studhalter

teleschau: Sie waren mit Ihrer Produktionsfirma tellfilm ja selbst an der Entstehung beteiligt ...

Gubser: Sicher sind damals Fehler passiert, auch von meiner Seite. Auch deshalb: Es war wirklich eine der größten Krisen in meinem bisherigen Leben, es war geradezu existenziell. Aber ich gehöre zu den Menschen, die gestärkt aus solchen Krisen hervorgehen. Ich habe eine Menge daraus gelernt und mir die Freude an meiner Arbeit nicht vergällen lassen. Nun, da der zweite TATORT ausgestrahlt wird, kann ich aus voller Überzeugung sagen: Wir haben einen guten Film gemacht, mit einem sehr ernsten, wirklich unter die Haut gehenden Thema. Ein Film, auf den ich stolz bin. Ich stehe voll dahinter.

teleschau: In der Schweiz erzielte Ihr erster TATORT-Krimi auf jeden Fall einen sensationellen Marktanteil von 40 Prozent ...

Gubser: Es war sogar die erfolgreichste reine Fernsehfilmproduktion, die je im Schweizer Fernsehen lief. In der Schweiz hat man die heftige und, wie ich finde, teilweise unfaire Kritik, die es in Deutschland gab, zum guten Teil auch nicht nachvollziehen können, wie ich aus vielen Publikumsreaktionen weiß.

teleschau: Und Sie?

Gubser: Wenn man Schauspieler ist, lebt man mit Kritik. Ich würde rückblickend sagen: Der Film war vielleicht kein Überflieger, aber er war auch kein Unterflieger. Er war okay.

teleschau: Finden Sie, dass der Schweizer TATORT in einem anderen Tempo erzählt wird als die deutschen Krimis?

Gubser: Haben Sie denn den Eindruck?

teleschau: Beim ersten Film durchaus, beim neuen sicher nicht.

Gubser: Sehen sie! Ich glaube, dass das Klischee von den langsameren Schweizern gar nicht stimmt.

teleschau: Wo liegen denn in Ihren Augen Unterschiede in den Mentalitäten?

Gubser: Der Schweizer ist ein bisschen betulicher, vielleicht auch bescheidener - er traut sich nicht so schnell, zu zeigen, was er tut und was er hat. Eine typische Schweizerische Eigenschaft ist es, ja nicht auffallen zu wollen, zurückhaltend zu sein. Das wird uns nur manchmal als Langsamkeit ausgelegt - vor allem von den Deutschen, die schon offensiver und kommunikativer daherkommen und gerne mal Tacheles reden. Was ich im Übrigen wirklich gut finde. Ich arbeite seit 30 Jahren in Deutschland, mit superguten Erfahrungen.

Stefan Gubser als Reto Flückiger, Leiter der Fachgruppe Leib und Leben der Kripo Luzern. Bild: SWR/SRF/Daniel Winkler

teleschau: Empfanden Sie den großen Erfolg in der Schweiz als Genugtuung?

Gubser: Irgendwie schon. Auf jeden Fall nahm das Druck aus der Diskussion. Und ich kann ihnen sagen, wir alle, die wir an der Produktion beteiligt waren, hatten eine Menge Druck verspürt.

teleschau: Dabei wirkt gerade Kommissar Flückiger immer besonders cool.

Gubser: (lacht) Stimmt, er ist ein sehr geerdeter, in sich ruhender Typ - aber er ist auch mal emotional, hin und wieder kann er sogar ausrasten. Man kann schon sagen, dass er mir sehr ähnlich ist. Aber in einem wesentlichen Punkt unterscheiden wir uns: Flückiger ist eher beziehungsunfähig, ein klassischer Einzelkämpfer, in dessen Leben eine Frau wohl keinen Platz hätte.

teleschau: Sie sind seit 17 Jahren verheiratet ...

Gubser: Und noch immer so glücklich wie am ersten Tag. Ich habe eine Tochter. Familie ist für mich das Wichtigste, sie ist der Anker, der Fels in der Brandung. Und sie trägt natürlich dazu bei, dass ich sagen kann: Ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Zu Hause ist wirklich alles gut, und darauf kommt es doch an. Eine Erkenntnis, die vielleicht auch etwas mit Reife und dem Älterwerden zu tun hat. Es verschieben sich die Werte. Aber früher erlebte ich auch schon andere Zeiten ... Ich kenne mich auch mit zerbrochenen Beziehungen und Gefühlschaos gut aus, und im Herzen bin ich sowieso ein Abenteurer.

teleschau: Sie lebten schon mal für ein Jahr auf einer brasilianischen Insel ...

Gubser: Ja, wenn das Abenteuer ruft, dann kann man mich eben schnell begeistern. Damals wollte ich einfach mal raus - aber nicht im Sinne einer Flucht, es war eher ein Innehalten und sehr archaisch, denn dort gab es nichts im Sinne von nichts (lacht). Eine tolle Erfahrung.

teleschau: Aktuell trieb es Sie nach Äthiopien ...

Gubser: Ja, mein Geschäftspartner und ich realisieren dort mit unserer Produktionsfirma ein Spielfilmprojekt mit der äthiopischen Filmschule. Es handelt sich um eine Art Entwicklungsprojekt, das auch vom Schweizer Bund unterstützt wird. Eine Sache, die uns zwar kein Geld bringt, aber dafür sind wir nun an Erfahrungen reicher. Es war mir einfach ein Anliegen, etwas von unserem Know-how dort runterzubringen.

teleschau: Braucht man hin und wieder solche radikalen Tapetenwechsel, gerade in einem emotional so anspruchsvollen Beruf wie dem des Schauspielers?

Gubser: Ich kann nicht für andere sprechen, aber ich brauche das. Sehr extrem sogar. Wobei das nicht immer ferne Kontinente sein müssen. Am liebsten ziehe ich mich mit meiner Frau in die Einsamkeit der Alpen zurück. Wir haben eine kleine Hütte in den Tessiner Bergen. Alles wirklich superprimitiv da, aber das ist für mich der wahre Luxus: Laufen, wandern, draußen sein, die Natur genießen, Holz hacken, über dem Kamin kochen ... - Das ist für mich ein ganz wichtiger Ausgleich zum Beruf. Ich liebe die Berge, aber als passionierter Segler auch das Wasser - beides aus dem gleichen Grund, wenn Sie verstehen.

Frank Rauscher - Teleschau Mediendienst


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