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Heute ist der: 21.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Der Wald steht schwarz und schweiget

Wandertag

Eine Pilzsammlerin findet im Pfälzer Wald eine Leiche und weil Lena Odenthal gerade in der Nähe ist, wird sie von Mario Kopper zum Tatort geschickt, um erste Ermittlungen anzustellen. Als sie an der vermeintlichen Fundstelle eintrifft, ist dort aber keine Leiche mehr. Stattdessen wird Lena von einem Haufen Jugendlicher, die sich auf der Flucht befinden, niedergeschlagen und als Geisel genommen. Es liegt nun alleine an Kopper, den Verbleib der Kollegin zu ermitteln.

Lena nutzt jede Gelegenheit, ihre Geiselnehmer auszutricksen. Aber Panne hat ihre Flucht bemerkt. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Der Wald als deutsches Sinnbild

Der deutsche Wald gilt als eines der Sinnbilder der deutschen Befindlichkeiten. In Märchen nimmt er eine zentrale Rolle ein, oft wurde seine Funktion als sinnstiftendes Bild für Deutschland beschrieben. Das Motiv des tiefen dunklen Waldes findet sich auch wieder in Matthias Claudius' Volksgedicht "Abendlied". Die daraus entstammende Textzeile Der Wald steht schwarz und schweiget, diente als Leitmotiv für diese TATORT-Folge. Die mit diesem Titel verbundenen Erwartungen sind hoch: Ein undurchlinglicher Tann baut sich vor dem geistigen Auge auf, die Szenerie spielt im Idealfall nachts ("Der Mond ist aufgegangen / Die goldnen Sternlein prangen") und ein Hauch von Mystik ist zu spüren ("Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar"). Das sind Steilvorlagen für die Kamera- und Regiearbeit und schwere Herausforderungen für die Location Scouts.

Es gibt Filme, die mit diesen Waldmotiven spielen, sie aufgreifen und doch derart verfremden, dass der Wald nicht zur reinen Folie für Undurchdringbarkeit wird. "The Blair Witch Project" bot ein eindringliches Walderlebnis im Dunkeln und auch Lars von Triers Horrorthtriller "Antichrist" mit Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe spielte mit dem Waldmotiv; hier wurde der Wald selbst zum Folterinstrument. Zudem ist es immer eine gute Idee, den TATORT-Ermittler außerhalb seines städtischen Zuständigkeitsbereiches agieren zu lassen. Der Kieler Kommissar Borowski musste sich schon durch finnische Wälder schlagen, im Klassiker Reifezeugnis spielen wesentliche Szenen im Wald und auch Lena Odenthal selbst begab sich schon in ihrem dritten Fall Tod im Häcksler 1991 auf einen abenteuerlichen Trip in den Pfälzer Wald. Für viele TATORT-Fans ist das bis heute einer der besten Filme der gesamten Odenthal-Serie.

Die Jugendlichen am Lagerfeuer. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Ein Wander-Werbefilm

Leider kann der 56. TATORT mit der dienstältesten Kommissarin diese Erwartungshaltung nicht ansatzweise erfüllen. Regisseur Ed Herzog hat die vor ihm liegende Chance leider nicht genutzt. Die Truppe, die hier durch den Wald marschiert, erweckt eher den Eindruck eines gepflegten, wenn auch recht langweiligen Wandertages. Man marschiert zwar über Stock und Stein, wobei aber nie der Eindruck aufkommen will, dass der Wald schwarz und schweigend dasteht. Im Gegenteil: Die Vögel zwitschern, ein laues Lüftchen weht und die ganze Szenerie ist als recht idyllisch zu bezeichnen. Hier wurde ein schwerer, undurchdringlicher, holziger Bordeaux in Aussicht gestellt und dann eine süße Plörre vom Kaliber einer Erben-Spätlese serviert.  Der Pfälzer Wald erscheint niemals als ein undurchdringliches Dickicht, der Film könnte glatt als Werbefilm für den Deutschen Wanderverein durchgehen. Anstatt auf beängstigende Naturhindernisse stößt die Gruppe auf eine einfach zu querende eingleisige Eisenbahnstrecke und auf eine Reiterin. Hier steht nichts schwarz und schweiget, hier ist es immer hell und es wird durchgequatscht. Und wenn die Nacht anbricht, muss man sich nicht etwa mit Flora und Fauna arrangieren und die Dunkelheit im Freien verbringen, sondern findet Zuflucht in einer Burgruine (noch so ein urdeutsches Motiv!), die recht einladend und in der so etwas wie romantische Pfadfindergemütlichkeit aufkommt.

Auch ein Hubschrauber gehört zu Koppers Suchtrupp, um den Pfälzerwald möglichst gründlich zu durchsuchen. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Überfordert: Andreas Hoppe

Andreas Hoppe hat derweil als Mario Kopper im Ludwigshafener Kommissariat alle Hände voll zu tun, Lena ausfindig zu machen. Die eigntliche Ermittlungsarbeit hat Kopper im Grunde alleine zu stemmen - mit der tatkräftigen Hilfe zahlreicher Kolleginnen und Kollegen natürlich. Lena Odenthal muss mit dem Trupp im Wald weiter in Richtung französischer Grenze wandern, während Kopper telefoniert, dechiffriert, Anweisungen erteilt, Suchtrupps organisiert etc. Hoppe ist mit dieser immensen Aufgabe heillos überfordert. Erst hier, wo er einmal nicht bloß Stichwortgeber und Side-Kick sein darf, offenbart sich seine schauspielerische Begrenztheit. Hoppe schafft es einfach nicht, den ganzen Film durchgehend auf seinen Schultern zu tragen. Ein gleichberechtigter zweiter Ermittler sieht deutlich anders aus.

Nicht immer sind Sascha und Tom sich einig, wie es weitergehen soll auf der Flucht nach Frankreich. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Herausragend: Frederick Lau

Aus dem übrigen Ensemble sticht Frederick Lau dagegen deutlich heraus. Lau, der vielen noch als kongeniale Verköperung des Protagonisten in der Verfilmung von Sven Regeners Bundeswehrerinnerungen "Neue Vahr Süd" in Erinnerungen ist und der auch schon in einigen TATORTen eine gute Figur machte, führt den Trupp der jugendlichen Straftäter an. Bei ihm blitzt immer wieder die Unsicherheit eines kleinen, verängstigten und orientierungslosen Jungen hinter der Fassade des mit allen Wassern gewaschenen Anführers auf. Schön, wie Lau selbst in dieser recht unsympathischen Rolle als Identifikationsfigur durchgeht. Dagegen kommen die anderen Gruppenmitglieder nicht an, was, das sei fairerweise gesagt, auch an den undankbareren Rollen liegt. Warum einer der Jugendlichen im Wald unbedingt Pilze essen muss und danach mit seinen Halluzinationen nur noch nervt, erschließt sich einfach nicht. Dieser Nebenstrang führt zu nichts, er ist vollkommen überflüssig.

Lena redet Tom ins Gewissen. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Entspannt: Ulrike Folkerts

Was bleibt von diesem TATORT? Ulrike Folkerts natürlich, die mit jeder neuen Folge entspannter wird und die die Figur der Lena Odenthal sich mittlerweile über zwei Jahrzehnte lang glaubwürdig hat entwickeln lassen. Man sieht Folkerts immer noch gerne dabei zu, wie sie hemdsärmelig von Fall zu Fall eilt. Auch wenn sie diesmal nur über Deutschlands schönsten Wanderweg stolpern und in einem Krimi entführt werden darf, der die Spannung eines Wandertages verströmt.

Heinz Zimmermann


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