Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 15.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Die Ballade von Cenk und Valerie

Der amerikanische Traum

Cenk Batu wird erschossen. Eines der ersten Bilder dieses TATORTs macht unmissverständlich klar, worauf dieser Film und damit die ganze Batu-Serie hinausläuft. Nach nur sechs Folgen tritt der vielgelobte Mehmet Kurtulus wieder von der TATORT-Bühne ab. Die Batu-Fälle, die nie ganz einfache Fernsehkost waren, streben mit Die Ballade von Cenk und Valerie ihrem Höhepunkt entgegen.

Wie weit wird Batu gehen, um seine Freundin zu retten? Bild: NDR/Sandra Hoever

Der beste TATORT aus Hamburg

Wer die ersten fünf Fälle um den verdeckten Ermittler türkischer Abstammung packend und brillant fand, wird keine Worte mehr finden für diesen bombastischen letzten Fall. Der NDR lässt es krachen mit dieser Folge. Man muss sehr lange nachdenken, wenn man sich an einen besseren NDR-TATORT, zumal aus Hamburg, erinnern will. In der Vor-Batu-Zeit ermittelten an der Alster zuletzt Robert Atzorn und Tilo Prückner als Casstorff und Holicek, deren Fälle in der Qualität stark schwankten, denen aber leider bis zuletzt der fade Beigeschmack einer Soap-Opera über die Sorgen und Nöte eines alleinerziehenden Vaters mit kumpelhafter Dr.-Specht-Attitüde anhaftete. Davor gab es aus Hamburg für gefühlte Dekaden Wohlfühlfernsehen mit den "swinging cops" Stoever und Brockmöller alias Manfred Krug und Charles Brauer. Und davor? MAD-Oberstleutnat Delius, für den Hamburg nicht mehr als ein Dienstort war, und natürlich Kommissar Trimmel, das Urgestein der TATORT-Reihe, dessen Fälle heute mit einer guten Portion Nostalgiebonus anzuschauen sind. Kurtulus' Batu hat die Reihe in die Moderne geholt, er hat undurchsichtige Fälle ohne den ganzen SpuSi- und Staatsanwaltschaftszinnober produziert; Fälle bei denen der Zuschauer aktiv zum Nach- und Mitdenken aufgefordert war. Manchen war das zu viel, weil es mit dem Rest der TATORT-Reihe letztlich nicht mehr viel zu tun hatte.

Kilian beruhigt seine Mutter Valerie. Bild: NDR/Sandra Hoever

Eine unbekannte Serienkillerin

Während der Untersuchung illegaler Finanzgeschäfte beobachtet Batu den windigen Trader Andreas Dobler, der sich mit einer geheimnisvollen Frau trifft. Nachforschungen ergeben, dass es sich dabei um eine seit zwanzig Jahren untergetauchte Auftragskillerin handelt, die den Ermittlungsbehörden nur als "Valerie" bekannt ist. Anstatt jedoch dieser seltsamen Spur weiter zu folgen, gerät plötzlich alles durcheinander: Batu selbst gerät in Valeries Visier. Valerie entführt Batus Freundin, droht mit deren Ermordung und verlangt Unglaubliches: Batu soll den Bundeskanzler erschießen, vor laufenden Kameras. Valerie möchte den Auftragsmord im Fernsehen mitverfolgen.

Uwe Kohnau und Cenk Batu. Die Freunde bedrohen sich gegenseitig. Bild: NDR/Sandra Hoever

Anleihen beim amerikanischen Genre-Kino

Der Plot klingt zunächst recht weit hergeholt. Der Zuschauer muss bereit sein, diese Kröte zu schlucken, um den Film genießen zu können. Regisseur und Drehbuchautor Matthias Glasner, der mit seinen Kinofilmen mit Jürgen Vogel schon oft hitzige, zum Teil überhitzte Diskussionen auslöste, hatte offenbar die Vorstellung eines uramerikanischen Thrillers. Ein Auftragsmord am Bundeskanzler, eine untergetauchte Profikillerin, verstörende Szenen aus dem Blickwinkel der autistischen Valerie, ein Ermittler, der bis zum Äußersten geht und die Seiten wechselt - das alles ist im amerikanischen Genrekino gang und gäbe, wird auch in US-Serien anstandslos goutiert, stellt jedoch für den TATORT-Zuschauer harte Kost dar. Einem knallharten Realitätsabgleich hält diese Folge nicht stand. Wenn man sich jedoch auf diesen amerikanischen Traum einlässt, wird man mit einem packenden Thriller belohnt, ein TATORT, wie er verstörender nicht sein könnte.

Andreas Dobler im Tradersroom. Bild: NDR/Sandra Hoever

Keine Spur von Ironie

Dieser TATORT will die Grenzen des Genres ausloten und sie sprengen. Während der HR im letzten Jahr mit Ulrich Tukurs Murot im Dorf im Hintertaunus das selbe versuchte und dabei ständig dem Zuschauer kess zuzwinkerte, ist alle Ironie jetzt in Hamburg verschwunden. Dieser Film nimmt sich verdammt ernst. Dabei kommt es zu leichten Unwuchten: Glasners Darstellung der Finanzwelt balanciert auf dem Grat zwischen Realismus und Groteske, man mag sich kaum vorstellen, dass es in realen Finanztransaktionsfirmen ähnlich clownesk zugeht. Und auch die recht klassische Darstellung des Verstecks der Profikillerin im Wald bricht mit den Traditionen, wenn Valerie die Bäume zählt und das sich anbahnende Agreement zwischen Sohn und Geisel zu unterbinden versucht. Überhaupt Valerie: Eine nachhaltig verstörendere Darstellung hat man von Corinna Harfouch in letzter Zeit nicht gesehen. Sie stattet die Autistin mit undurchdringlichen Blicken und dem absoluten Willen zur Tat aus. Das tut oft beim Zuschauen weh und an manchen Stellen geht es weit über das hinaus, was dem Zuschauer normalerweise am Sonntag Abend serviert wird. Wie gesagt: Harte Kost.

Cenk Batu im Gespräch mit Bundeskanzler Grashoff. Bild: NDR/Sandra Hoever

Höchstleistungen in allen Metiers

Man hat den Eindruck, dass sich bei den Dreharbeiten und während der Postproduktion alle Beteiligten darüber im Klaren waren, einen Klassiker schaffen zu wollen, der einen würdigen Abschluss der Batu-Serie darstellt. Das fängt beim Drehbuch an, das die bisherigen Einsätze Batus Revue passieren lässt und wie eine Klammer die sechs Fälle zusammenhält. Man bekommt Lust darauf, sich die ersten fünf Fälle nochmals hintereinanderweg anzuschauen. Jakub Bejnarowicz' Kamera fängt meisterhafte Bilder voller düsterer Schönheit ein, Heike Gnidas Schnitt montiert die Geschichte zu einem Sog voller Rhythmus und Stringenz, Jörg Kriegers Ton sorgt ebenfalls für Gänsehautatmosphäre, besonders in den Aufnahmen aus Valeries Sicht. Man müsste noch viel mehr Namen nennen, die sonst nie genannt werden, weil sie alle Großartiges leisten: Die optischen Spezialeffekte sind auf höchstem Niveau, die Besetzung ist bin die kleinste Rolle stimmig, die Locations bestechen einerseits durch eine ihnen innewohnende unheimliche, kongenial auf Valerie zugeschnittene Aura, andererseits zeigen sie Hamburg-Bilder, wie man sie sich schöner nicht wünschen kann. Die Ballade von Cenk und Valerie zeigt eindrucksvoll, dass es in letzter Zeit viel zu wenige TATORTe aus Hamburg gab. Leider wird sich das nach Batu wohl auch so schnell nicht ändern.

Man kann dem NDR nur danken für den Mut, mit den Batu-Fällen der alten Tante TATORT eine neue Facette hinzuzufügen. Es ist zwar keine richtige Ära daraus geworden, aber immerhin sechs sehr gute Fälle, die innerhalb der Reihe ein geschlossenes Gesamtbild ergeben und an die man sich lange erinnern wird.

Heinz Zimmermann


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3