Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 06.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Es ist böse

So schlecht wie Sushi-Schokolade

Man muss wirklich kein TATORT-Fan sein, um sich auf den neuen Fall der Frankfurter Ermittler zu freuen. Joachim Król als Kommissar Frank Steier war schon immer Garant guter bis sehr guter Darstellungen, aber natürlich ist es Nina Kunzendorf, die mit ihrer Darstellung der Kommissarin Conny Mey alles überstrahlt. Diese Figur ist wirklich ein Glücksfall, denn hier ist der ernsthafte Versuch unternommen worden, eine wahrlich postfeministische Frau darzustellen, mit der Betonung auf dem ?feministisch? und nicht auf dem ?post?.

 

Conny Mey ist ein paar Tage älter als 25 und sieht fantastisch aus. Sie lebt allein und ist doch nicht einsam. Sie trägt Cowboystiefel, enge Jeans und riesige Ohrringe, und zwar nur, weil ihr das selbst gefällt. Sie hat ein Sexualleben, in dem sie weder Hure noch Heimchen ist. Was für eine großartige Idee, Nina Kunzendorf mit dieser Rolle zu betrauen, die vorher auf sensible, irgendwie zerbrechliche Frauenrollen mit eigenen Gedanken aber ohne eigene Handlungsmöglichkeiten abonniert war. Das ist ganz sicher nicht das Problem von Conny Mey, die genau weiß, wo der Frosch die Locken hat. Kunzendorf ist klug genug, die Chance, die diese Rolle bietet, mit beiden Händen zu greifen und sich darin zu versenken, dass für den Zuschauer nichts als Freude bleibt. So schnell werden ihr die irgendwie sensiblen Frauenrollen wohl nicht angeboten werden, obwohl sie die auch gut spielen konnte.

 

Es ist böse trifft die Kommissare zunächst am Tatort des Mordes an einer Prostituierten, die in ihrer Arbeitswohnung getötet wurde. Äußerst brutale Gewalt ist dabei geschehen, der Fachbegriff ?übertöten?, für vollkommen unverhältnismäßige Gewaltanwendung an einem Mordopfer, wird im Verlauf des Films noch oft zu hören sein. Wie schon in Der Tote im Nachtzug ist auch dieser Fall angelehnt an einen vom Bremer Profiler Axel Petermann beschriebenen realen Fall. Der Chef der Mordkommission will Steier und Mey den Fall aber bald entziehen und ausgerechnet an Kommissar Seidel übertragen, der nach seiner Suspendierung aus Eine bessere Welt eine zweite Chance bekommen soll und außerdem mehr Erfahrung habe. Frank Steier hat damit kein Problem, im Hintergrund am Täterprofil zu arbeiten. Aber mit Conny Mey ist das nicht zu machen. So ist sie gezwungen, mit dem verhassten Seidel zusammenzuarbeiten, der zu allem Überfluss auch noch den schmierigen Journalisten Eggers mit Informationen aus erster Hand versorgt. Der hatte als erster die Idee, dass es sich hier um eine Tatserie handeln könnte und scheint überhaupt stets auffallend gut informiert. Als Conny Mey den Schreiber zur Rede stellen will, entdeckt sie in seiner Wohnung das aus unzähligen Filmen bekannte ?Täterzimmer?: Tausende Fotos und Zeitungsausschnitte an den Wänden, auf dem Rechner Fotos, die Eggers nicht legal bekommen haben kann. Doch eine Durchsuchung seiner Zeitungsredaktion, bei der die Zeitung bereitwillig kooperiert, bringt nichts ein.

 

Die Spur zu Eggers stellt sich als falsch heraus, auch wenn er mit einem krankhaften Vergewaltiger und einer Flinte allein in einem Zimmer ist, als ein Mord geschieht. Als Zuschauer ahnt man das schon, da uns mit einer extrem subjektiven Kamera bereits der Täter und seine kranke Welt voll Plastikfolie gezeigt worden sind, ohne dass wir den Täter selbst gesehen haben. Der Blick auf die Bestie selbst wird uns lange verwehrt. In den Focus kommt dann einer der Kunden von zwei der ermordeten Frauen, ein verheirateter Dauerkunde von Prostituierten, dessen Leben nun aus den Fugen gerät. Conny Mey ist von den Ermittlungen schließlich überfordert, sie ist gequält von sich ihr aufdrängenden Bildern der Opfer, aber auch von unklaren Szenen, in denen sie selbst zu sehen ist. Sie leidet an Tinnitus und wird daher vom Chef der Mordkommission dazu aufgefordert, sich krankschreiben zu lassen. Sie befolgt die Anweisung und lässt sich in den Kriminaldauerdienst versetzen. Als Steier sie Wochen später besucht, sagt sie ihm dass sie hier glücklich ist: ?Kein Fall länger als 24 Stunden.? Doch ein Fall von häuslicher Gewalt bringt sie noch einmal ans Umdenken und sie wird gemeinsam mit Steier den Fall doch noch so etwas wie lösen. 

 

Für wen das überladen klingt, der mag Recht haben. Für die Zuschauer ist die Weiterentwicklung des Krimigenres ein großer Gewinn. Wer würde es schon noch aushalten, dass ein grundguter Kommissar neunzig Minuten lang durch einen vorhersehbaren Fall stolziert, am Ende den bösen, bösen Täter (gern mit schwarzem Hut) schnappt und die blonde Frau heiratet? Aber leider ist das Gegenteil auch nicht die Lösung. Ganz klar liegt die Stärke der Frankfurter TATORTe in ihren Figuren. Joachim Króls Frank Steier gewinnt in der aktuellen Folge einiges an Dreidimensionalität und Menschlichkeit und das Wiedersehen mit dem großartigen Peter Kurth in der Rolle des widerlichen Seidel ist Anlass zur Freude. Bis in die kleinsten Nebenfiguren zeichnen sich die Charaktere durch große Echtheit aus. Aber leider wird gerade hier einiges verschenkt, denn die Schwäche der Frankfurter liegt leider in ihren Geschichten. Forensisches Profiling ist interessant. Die Frage nach der Verantwortung und Unabhängigkeit von Medien ist interessant. Das Zusammenspiel von Sadismus und Masochismus ist interessant. Die Frage nach beruflicher Faszination mit dem Bösen und einer drohenden Überidentifikation ist interessant. Die Frage nach den Folgen gefährlicher Ermittlungen ist interessant. Und es ist auch interessant, ob es Conny Mey gelingen kann, Seidel eine zweite Chance zu geben.

 

Aber alles zusammen funktioniert so schlecht wie die Idee, für die Liebhaber von japanischer Küche und Schokolade eine Sushi-Schokolade auf den Markt zu bringen. Damit die vielen Erzählstränge irgendwie unter einen Hut passen, vertragen sich Seidel und Mey viel zu schnell und ohne, dass wir es nachvollziehen können. Und was ist das für eine ?zweite Chance? von Seidel, die gleich damit beginnt, dass er Journalisten unzulässigerweise Informationen zukommen lässt und sich auch sonst wie die Axt im Walde benimmt? Und wenn die Polizei mit zehn Beamten in einer Zeitungsredaktion einreitet, ist ein lockeres Gespräch zwischen Chefredakteur und Kommissaren, entspannt auf dem Redaktionstisch sitzend, alles, was dazu zu sagen ist? Die Kamera (Armin Alker) zeigt uns zwar interessante architektonische Impressionen Frankfurts, nimmt uns aber auf einer Verfolgungsjagd nicht mit in den Keller, in dem Conny Mey plötzlich steht. Einerseits werden wir mit der hässlichen Realität einer Behörde konfrontiert, wenn der Chef der Mordkommission Mey von dem Fall abziehen möchte, andererseits arbeitet sie plötzlich im Kriminaldauerdienst, wo sie einen Verdächtigen, der zudem noch Rechtsanwalt ist, mit einem Tritt in den Solarplexus zu Boden streckt und danach wieder zur Mordkommission zurückgeht. Und es bleibt gerade genug Zeit für Steier, die Ergebnisse seines Profilings auszusprechen, der interessante Prozess, wie er zu diesen Erkenntnissen gekommen ist, kann uns leider nicht vermittelt werden.

Die Frankfurter sollten sich entscheiden. Wollen sie die vielen großartigen Figuren weiter entwickeln oder wollen sie besonders verwickelte Kriminalfälle zeigen oder wollen sie viele heikle Themen ansprechen. Hier liegt ein klarer Fall von ?weniger ist mehr? vor und wir würden uns sehr wünschen, dass das Problem gelöst werden kann. Denn auf Conny Mey würden wir nicht so gern verzichten.

Jakob Hein


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3