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Heute ist der: 15.11.2019. --> Bis heute wurden 1121 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Scherbenhaufen

Raus aus der Mittelklasse!

Thriller-Fans wissen: Nirgendwo stirbt es sich so stilecht und morbide wie auf dem Friedhof. Wie jedes Jahr zum Todestag hat der Porzellanfabrikant Otto Imberger (Otto Mellies) das Grab seines Vaters besucht, da ballert ein Wahnsinniger aus dem Hinterhalt mit dem Jagdgewehr auf ihn. Auf ein paar Fehltreffer folgt ein tödlicher Bauchschuss - erwischt hat es aber nicht den umstrittenen Firmenpatriarchen, sondern seinen armen Chauffeur. Als Kommissar Lannert (Richy Müller) am Ort des Anschlags eintrifft, ist die Ratlosigkeit groß. Den "Scherbenhaufen" muss der Stuttgarter Kriminaler natürlich nicht alleine zusammenkehren, dabei hilft der TATORT-Kompagnon Sebastian Bootz (Felix Klare) - aber diesmal undercover.

Sebastian Bootz (Felix Klare) versucht Otto Imberger (Otto Mellies) zu überzeugen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Bild: SWR/Peter A. Schmidt

Eigentlich hat Kollege Bootz Urlaub. Aber kurz vor dem Sprung in den Ferienflieger wird der junge Familienvater eiligst zurückbeordert und mit einem Spezialauftrag bedacht: Bootz soll gegen das mutmaßliche Anschlagsopfer, den Porzellanfabrikanten Imberger, verdeckt ermitteln. Ihn einzuschleusen, fällt nicht schwer. Denn der mächtige Patriarch braucht ja einen neuen Chauffeur - und zwar einen, der auch als Leibwächter taugt.

Als krimiguckender Zeuge dieser Hopplahoppbeförderung in die V-Mann-Tätigkeit kann man im Grunde nur dem Kollegen Lannert zustimmen, der die kurze Vorbereitungszeit etwas unprofessionell findet. Die Maßnahme wirkt umso fragwürdiger, als die beiden Hauptverdächtigen ihre informative Fehde sehr zur Freude des Lannert direkt vor dessen Augen austragen: Es sind die zerstrittenen Söhne des alten Imberger. Der Seriöse (Felix Eitner) - zu erkennen am akkurat geknöften Dreireiher - sieht die Identität des Traditionsunternehmens dahinsiechen. Der Forsche (Ole Puppe) - zu erkennen an Föhnfrisur und hochgekrempeltem Yuppiejacket - will von den "blöden Suppentellern" nichts mehr wissen und hat den Vater überredet, ins hochriskante Geschäft mit Hightech-Keramik einzusteigen.

Rudolf Bischoff (Bernd Tauber) sieht keinen Sinn darin, dass Juniorchef Lukas Imberger (Ole Puppe) bei ihm in der Laube auftaucht, um sich halbherzig zu entschuldigen. Bild: SWR/Sabine Hackenberg

Während ein Millionendeal mit den Chinesen (die schon wieder!) unmittelbar vor dem Abschluss steht, war für den altgedienten Produktionsleiter Rudolf Bischoff (Bernd Tauber) offenbar kein Platz mehr. Wegen einer Nichtigkeit wurde der verdiente Fachmann nach 35 Jahren Betriebszugehörigkeit entlassen, nun grummelt er depressiv und durchaus rachsüchtig in einer Gartenlaube vor sich hin. Ist er der Attentäter vom Friedhof? Zu blöd: Nahezu jeder, der hier ein Motiv haben könnte, hat auch eine Waffenbesitzkarte nebst zugehöriger Jagdflinte.

Natürlich ist das auch ein Moralstück, das Krimispezialist Johannes Grieser nach einem Drehbuch der Eheleute Zahn inszenierte. "Heutzutage schummelt jeder", rechtfertigt der Porzellanfabrikant seine fragwürdigen Geschäftsmethoden. V-Mann Bootz hat da schon längst das Ermitteln eingestellt und redet dem vermeintlichen Chef nur noch ins Gewissen. Ganz schön tugendhaft, der junge Vater.

Sebastian Bootz (Felix Klare) arbeitet undercover als Chauffeur und Leibwächter bei dem Fabrikanten Otto Imberger (Otto Mellies), auf den ein Anschlag verübt wurde. Bild: SWR/Stephanie Schweigert

Indes: Dieser Scherbenhaufen hat durchaus seine spannenden Momente. Und er hat den großen Theaterschauspieler Otto Mellies, der seinen gravitätischen Patriarchen herrlich hadern lässt. Und überdies hat er die umwerfendste Staatsanwältin der deutschen Krimilandschaft (Carolina Vera im Cocktailkleid - Mamma mia!). Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass das Stuttgarter TATORT-Team inzwischen ein ähnliches Problem hat wie die Imbergersche Porzellanmanufaktur: Lieber auf Nummer sicher fahren, oder doch ein bisschen Innovation wagen?

Die Buddy-Cops, die beim Start vor fünf Jahren für viel frischen Wind im Ersten sorgten, sind in ihrer Freundlichkeit ein bisschen verbeamtet. Da rettet es den wenig spektakulären Plot auch nicht, wenn zum Show-down weitgehend sinnfrei im Wald herumgeballert wird. Sagen wir es so: Unter den Sonntagskrimis im Ersten ist der Stuttgart-TATORT derzeit der Mittelklassewagen. In der Heimatstadt eines Gottlieb Daimler ist das eigentlich kein Zustand.

Jens Szameit - Teleschau Mediendienst


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