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Heute ist der: 12.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Ordnung im Lot

Von Ameisen und Menschen

"Meine Mutter ist manchmal wie so ein wandelnder Zombie. Aber da kann sie gar nichts für ..." - Max Lange (Vincent Göhre) hat einen schweren Stand: Die Mutter leidet offensichtlich unter einer massiven psychischen Störung, und der Vater ist damit zunehmend überfordert. Aber der stille Junge will zusammenhalten, was zu zerfallen droht, und er hat immerhin einen guten Freund: den benachbarten Tankwart. Doch ausgerechnet den findet er in der Nacht mit einer Kugel im Kopf neben seiner Kasse liegend. Vor der Leiche steht: Max' Mutter mit Pistole in der Hand. Der Bremer TATORT "Ordnung im Lot" beginnt vielversprechend. Doch was wie der packendste Psychothriller startet, wächst sich zu einem ziemlich zähen Krimibrocken aus und mündet in einen der sperrigsten TATORT-Plots der letzten Jahre.

Raubmord an Tankstellenbesitzer (Mirsad Dzombic)? Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) bemerkt Widersprüche. Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg

Der Junge nimmt der verstörten Mutter die Waffe ab und schickt sie erst mal nach Hause. Natürlich sind fortan alle Blicke - die der Ermittler wie die der Zuschauer - auf sie gerichtet. Sylvia Lange (Mira Partecke) ist eine durchaus attraktive und auf ihre Art klug wirkende Frau in den besten Jahren. Sie drückt sich immer so gewählt aus - allein die Worte ergeben keinen Sinn. Nicht für den, der sie unbedarft hört. Entweder starrt sie ins Nichts, hält nicht zu begreifende Monologe oder gibt den Kommissaren Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) kryptische Antworten. "Ich fühle eine Art Zorn in mir aufsteigen, aber der Zorn ist einen halben Meter entfernt", sagt die Nachbarin des ermordeten Tankwarts, die mit einem Mal sowohl Hauptzeugin als auch Tatverdächtige ist, obwohl ihr Sohn nicht verrät, was er in der Nacht wirklich erlebt hat. Auf jeden Fall, so erfahren die Ermittler, hat Sylvia Lange ihre Beobachtungen gemacht, sie hat ihn gesehen: "den Schwarzen im Weißen". Also ein ominöser Unbekannter?

Welche Hinweise können Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) der Nachbarin Sylvia Lange (Mira Partecke) glauben? Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg

Ohne Witz: So geht das in einem fort. Und weil das Bremer Kriminalerduo sowieso nicht zu den heitersten Vertretern seiner Zunft gehört, wird das enervierende Psychogramm einer, man erfährt es irgendwann, an paranoider Schizophrenie erkrankten Frau bald extrem anstrengend. Dass sie auch noch unter einer Ameisenphobie leidet und sich ständig in Strahlenschutzfolie einwickelt, macht die Sache nicht wirklich verdaulicher.

Die großartige Schauspielerin Mira Partecke legt sich mächtig ins Zeug, um der Herausforderung dieser Rolle gerecht zu werden, arbeitet sich ab am Wechselspiel zwischen augenscheinlich normaler Hausfrau und ernsthaft kranker, unzurechnungsfähiger Patientin. Aber diese Klasseleistung und die stets bemühte Kamera, die aus jeder Wohnküche, jedem Hausflur, jedem Kfz-Innenraum ein klaustrophobisches Szenario macht, vermögen die ohne das aufgesetzt wirkende Psycho-Theater extrem anämische Geschiche auch nicht griffiger zu machen. Kommissare wie Zuschauer fragen sich: Was soll man damit anfangen? Mit so einer Protagonistin?

Verrät der Sohn Max Lange (Vincent Göhre), was er gesehen hat? Bild: Radio Bremen/Jörg Landsberg

Lürsen und Stedefreund schicken Sylvia Lange zum Polizei-Neurologen. Eine Visite, die mit folgendem Dialog endet: Sylvia Lange sagt: "Gehen Sie, und nehmen Sie die Ameisen mit." Der Arzt: "Können Sie mir etwas über die Ameisen erzählen?" Nein, nein nein! Jetzt bitte keine Geschichten von Ameisen mehr, denkt man sich da als Krimifan - inzwischen fast selbst reif für den Psychologen. Ein paar aufgesagte Lehrsätze der Marke "Schizophrenie ist ein Verlust der Beziehung zur Realität" (Neurologe) und "Für meine Frau ist die Welt krank, nicht sie selbst" (Ehemann) später, ist der zähe Brei dann endlich gegessen.

Wenigstens der leidgeprüfte Sohn spricht mal Klartext: "Du blubberst doch nur noch Scheiße. Wo ist denn dein Verstand!?", bricht es aus ihm heraus. Aber seltsam: Noch nicht einmal jetzt fühlt man mit dieser durch und durch sperrigen Frauenfigur. Kann natürlich sein, dass genau das das Ziel war. Dass es darum geht, eine solche Erkankung nicht über Emotionen, sondern über einen kühlen, distanzierten Blick zu erzählen. Aber warum im TATORT-Format zur besten Sendezeit am Sonntagabend?

Es ist nach Sheherazade (2005) mit Esther Zimmering in der Hauptrolle das zweite Mal, dass das Autoren- und Regiepaar Claudia Prietzel und Peter Henning für einen Bremer TATORT-Fall verantwortlich zeichnet. Und wieder geht es weniger um den Kriminalfall als um eine einzelne, schwer zugängliche Frau. Keine Frage, das kann man machen: Strukturen aufbrechen, Erwartungen eben nicht erfüllen, alles mal ganz anders aufziehen, ein abseitiges Thema durch die Augen der Kommissare transparent machen. Aber man sollte den Zuschauer mitnehmen.

Frank Rauscher - Teleschau Mediendienst


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