Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Verschleppt

Frust und Horror in Saarbrücken

Seit 2006 ermittelt der Bayer Franz Kappl an der Seite des angestammten Palu-Zöglings Stefan Deininger bei der Saarbrücker Mordkommission. Ein Fall pro Jahr, mehr ist finanziell für den kleinen Saarländischen Rundfunk nicht drin. Nach sieben Folgen ist nun Schluss damit. Der SR hat neue Ermittler ins TATORT-Boot geholt ? und die beiden Geschassten in ihrem letzten Fall an der Schwelle zum Horrorfilm einen Entführungsfall lösen lassen.

Die Tote erweist sich als Opfer eines alten Entführungsfalles. Bild: SR/Manuela Meyer

Am Rande der Autobahn wird die Leiche einer abgemagerten, dehydrierten jungen Frau in einem weißen Kittel gefunden, die offenbar seit längerem kein Sonnenlicht gesehen hatte. Die spärlichen Spuren führen zu einem alten Entführungsfall, der nie aufgeklärt wurde. Wenig später wird eine weitere Frau aufgegriffen, die zwar lebt, aber ebenfalls die Kennzeichen starker Dehydrierung, jahrelanger Mangelernährung und fehlenden Sonnenlichts besitzt. Eine brauchbare Auskunft zum Tathergang können Kappl und Deininger von der sich stumm gebenden Frau nicht erwarten. Stattdessen stellt sich die Frage: Wurden noch mehr Mädchen verschleppt und jahrelang gefangengehalten?

Kappl und Deininger machen eine Entdeckung. Bild: SR/Manuela Meyer

Der zweite Kampusch-Fall innerhalb weniger Wochen

Innerhalb kurzer Zeit ist Verschleppt nach dem NDR-Beitrag Schwarze Tiger, weiße Löwen der zweite TATORT, der an die Entführungsfälle Kampusch und Fritzl angelehnt ist. Im direkten Vergleich der beiden sehr unterschiedlichen Filme fällt auf, dass sich bei Charlotte Lindholm in Niedersachsen das Grauen der Tat allmählich im Lauf des Films steigerte und in der Enttarnung des Kellerverliesses unter einem unscheinbar anmutenden Gartenhäuschen einen beklemmenden Höhepunkt fand, während nun im Saarland von Anfang an Vollgas gegeben wird, um beim Zuschauer sofort Angstzustände und Panik auszulösen. Das Dumme ist nur, dass sich die Filme in ihrem Handlungsskelett ansonsten recht ähnlich sind. Hier wie dort gibt es im Grunde keine dramatischen Handlungsverläufe. Man könnte auch sagen, dass die Handlung insgesamt recht dünn erscheint.

Barbara Romers. Bild: SR/Manuela Meyer

Ungebremster Stilwille

Regisseur Hannu Salonen, ein gestandener TATORT-Routinier, der auch schon mehrfach in Saarbrücken gedreht hat, gibt mit Verschleppt eine eindeutige Visitenkarte ab: Hier will sich jemand mit ungebremsten Stilwillen für das ganz große Kino empfehlen. Blutige Horrorsequenzen, mit Unschärfe und Reißschwenks spielende Kameraarbeit, eine bedrohlich-wabernde Musikcollage, die mit Kreisch- und Quietschgeräuschen gewürzt wird, das Motiv unschuldig-nackter, rasierter, weißer Mädchenhaut, die mit Blutschlieren verschmutzt wurde: die Verbeugung vor dem Genrekino könnte nicht eindeutiger sein. Dagegen ist grundsätzlich auch gar nichts zu sagen; solche Bilder sind im Kino gang und gäbe, wenn sie auch für den, der seine Filmsozialisation ausschließlich aus Fernsehproduktionen hergeleitet hat, recht verstörend wirken könnten. Aber irgendwann ist es einfach zu viel. Immer, wenn das Drehbuch auf der Stelle tritt ? und es tritt oft auf der Stelle ? greift Salonen wieder in seine B-Movie-Trickkiste. Das ermüdet und langweilt irgendwann nur noch. Hier sollte ganz offensichtlich Zeit geschunden werden. Der Inszenierungsstil gibt lauter Versprechen, die das Drehbuch nicht halten kann. Man wünscht Salonen, dass er seine offensichtlich im Übermaß vorhanden Fähigkeiten bald einmal mit einer adäquaten Vorlage verknüpfen kann.

Deiningers Befragung ist von Vorurteilen geprägt. Bild: SR/Manuela Meyer

Der große Frust

Mit dem Frustrationsgrad des Zuschauers, der sich wünscht, die Handlung möge ähnlich ambitioniert wie die Bilder daherkommen, steigt auch der Frust in der Saarbrücker Soko: Kappl und Deininger brüllen sich an und werden auch von den Nebenfiguren nur noch genervt: Von einem Psychotheraputen, pädophilen Tatverdächtigen, den Eltern der entführten Mädchen. Mit zunehmender Frustration agieren die Kommissare immer unprofessioneller: Deininger lässt Stammtischparolen zur Debatte um pädophile Triebtäter los, Kappl wird kurzerhand gegenüber Tatverdächtigen handgreiflich. Wer weiß, vielleicht reagieren die beiden deshalb so gereizt, weil auch sie nicht immer der selben Klischeebilder von Psychologen, Pädophilen und Kleinbürgern sehen wollen. Ausnahmslos alle Nebenfiguren sind schludrig entwickelt, es sind reine Abziehbilder bekannter Stereotypen. Selbst einfachste Verdächtigenbefragungen gerinnen so zu loriotesken Dialogen.

Rhea Singh und Horst Jordan. Bild: SR/Manuela Meyer

Lichtblick Lale Yavas

Man hört, die Stimmung während der Dreharbeiten soll sehr schlecht gewesen sein, was man sofort glauben möchte. Man nimmt zur Kenntnis, dass der sichtlich ob seiner Absetzung verletzte Deininger-Darsteller Gregor Weber die Zuschauer vor diesem TATORT warnt und darum bittet, nicht einzuschalten. Und man fragt sich, warum die Absetzung eines TATORT-Kommissars so oft von so vielen Misstönen begleitet wird. Dass Weber nicht glücklich über seine Absetzung und über die Art der Kommunikation seitens des SR ist und dass er und Kappl nach den Erfolgen der letzten Fälle eine weitere Chance verdient gehabt hätten; das alles gesteht man gerne zu. Allerdings muss man auch zugeben, dass nach Verschleppt der Abschied doch recht leicht fällt, gerade auch nach dem Nachtreten des beleidigten Leber-Webers. Wenn es eine Figur aus dem Saarbrücker Ermittlerteam gibt, die man auch nach Verschleppt weiterhin gerne gesehen hätte, dann kann das nur die von der wunderbar natürlich wirkenden Lale Yavas gespielte Rhea Sing sein. Yavas schafft es mit ein paar wenigen Drehbuchsätzen ihre Figur mit mehr Tiefe auszustatten und mehr Interesse zu wecken als alle anderen Nebenfiguren zusammen. Um sie ist es wirklich schade.

Heinz Zimmermann


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3