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TATORT Saarbrücken

"Eine ganz andere Herangehensweise"

Bis zum 25. Mai 2011 wurde der neue SR-TATORT "Verschleppt" im Saarland gedreht. In einer exklusiven Interview-Collage berichteten Regisseur Hannu Salonen, SR-Redakteur Christian Bauer und der Ermittlerdarsteller Gregor Weber während des Drehs von dem neuen Fall und der Entwicklung des SR-TATORTs allgemein.

Ein mehrstöckiges Gebäude im Industriegebiet Saarbrücken-Ost war im Mai 2011 von falschen Polizisten und zahlreichen SR-Mitarbeitern bevölkert: Dort steht das fiktive Saarbrücker Polizeipräsidium mit dem Kommissariat des K1-Teams. Im Obergeschoss wurde ein Großraumbüro für die Sonderkommission eingerichtet, welche die Entführungsfälle aufzuklären hat, die Gegenstand des neuen SR-TATORTs Verschleppt sind. Stellwände mit Fotos der Vermissten, mit unzähligen Akten bedeckte Tische sowie durch Jalousien abgedunkelte Fenster bilden die Szenerie. Den zahlreiche Komparsen, die meisten in Polizeiuniform, wird der gewünschte Bewegungsablauf erläutert, Regisseur Hannu Salonen klärt letzte Details mit dem Team. Dann fällt die Klappe und der Dreh im Polizeipräsidium beginnt.

Das fiktive Präsidium von außen
Polizei-Komparsen warten auf ihren Einsatz
Die Zentrale der Sonderkommission

Ein harter Fall für Kappl und Deininger

Spätschicht für Kappl, Bild: SR/Manuela Meyer

Der TATORT Verschleppt beginnt mit dem Fund einer Leiche am Stadtrand. Schnell zeigen die Ermittlungen, dass es sich um ein Opfer handelt, das als Mädchen offenbar entführt wurde und lange als vermisst galt. Kurz darauf taucht eine zweite junge Frau auf, die ebenfalls lange vermisst war. Sie lebt, ist jedoch völlig verstört. Offenbar wurden beide Mädchen vom selben Täter entführt und unter unmenschlichen Umständen festgehalten. Für die Hauptkommissare Kappl und Deininger beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: hat der Entführer weitere Mädchen in seiner Gewalt?

Eine Interview-Collage

Im Vorfeld äußerten sich Regisseur Hannu Salonen, SR-Redakteur Christian Bauer und der Ermittlerdarsteller Gregor Weber zu dem Fall und der Entwicklung des SR-TATORTs allgemein.

Hannu Salonen: ?Dieser Film ist ein ziemlich rastloses Stück und damit ein starker Kontrast zum eher ruhig erzählten Tatort "Hilflos". Die Handlung ereignet sich innerhalb von vier Tagen, teilweise sind wenige Stunden entscheidend über Leben oder Tod. Die Kommissare stellen nämlich fest, dass es neben einem toten und einem überlebenden Mädchen noch ein drittes geben muss, das sich noch im Verließ befindet. So befinden sich die Ermittler in einem Wettlauf gegen die Zeit.?

Deininger beim Verhör. Bild: SR/Manuela Meyer

Gregor Weber: ?In diesem speziellen Fall ist Deininger tatsächlich auch mal persönlich betroffen. Meiner Meinung nach sollte diese Konstellation ja nicht so inflationär im TATORT verwendet werden, aber hier macht es durchaus Sinn, weil er einen dieser miteinander verbundenen Entführungsfälle vor sieben Jahren mitbearbeitet hat. In einer relativ kleinen Stadt wie Saarbrücken ist das glaubhaft, da es hier nicht so wahnsinnig viele Polizisten gibt. Das seit damals vermisste Mädchen taucht jetzt plötzlich auf. Im Laufe der Handlung nimmt der Druck auf Deininger auch so zu, dass er die Vermutung bekommt, er habe damals persönlich einen direkten Fehler gemacht.?

Hannu Salonen: ?Der Film erzählt nicht nur die sachlich-nüchternen Ermittlungen der Kommissare, wie es sonst oft der Fall ist. Wir tauchen in der filmischen Sprache auch in die Köpfe der entführten Mädchen hinein und sehen im Grunde durch ihre Augen ihre Welt, ihre Albträume, und das Verließ, in dem sie waren. Dadurch öffnet sich ein anderer filmischer Kosmos.?

Gregor Weber: ?Durch den drastischen Fall rücken auch die Konflikte zwischen Deininger und Kappl in den Hintergrund. Eigentlich tritt genau der gegenteilige Effekt ein, beide werden durch die Ermittlungen stärker zusammengeschweißt. Max und ich sind eigentlich große Freunde von diesem Grundkonflikt und haben ihn auch immer verteidigt, allerdings muss man glaubhafterweise auch eine gewisse Annäherung zwischen den beiden Figuren stattfinden lassen. Da Kappl damals nicht in den Fall involviert war, kann er die Ermittlungen mit größerem Abstand betrachten, gleichzeitig jedoch die leichte Traumatisierung der Saarbrücker Kollegen verstehen.?

Christian Bauer, Hannu Salonen und Michelle Boullay, Bild: SR/Manuela Meyer

Christian Bauer: ?Grundsätzlich ist dieser TATORT ein starker Ermittlerfilm. Das komplette Team ist eingebunden ist, das heißt man wird auch die Funktionsrollen Horst Jordan und Rhea Singh häufiger im Bild sehen. Die haben diesmal alle mehr Drehtage, weil sie stärker im Team ermitteln.?

Hannu Salonen:
?Die Kommissare wie auch das bekannte Team sind durchaus sehr stark vorhanden diesmal, das gemeinsame Ermitteln ist sehr wichtig. Dennoch spielt der Fall die Hauptrolle, was diesen TATORT besonders auszeichnet. Inszenatorisch hat dieser TATORT, wie die meisten meiner Filme, sehr viel Suspense. Wir arbeiten viel mit Genre-Elementen, die man im Grunde auch kennt und bauen vor allem sehr starke Atmosphären auf. Der Film ist sehr schnell, allerdings doch mit Tempowechseln, weil Schnelligkeit allein kaum helfen würde. Langsamkeit findet sich eher in den Szenen im Verließ und in den Albträumen der Mädchen, die eigentliche Ermittlungstätigkeit geht relativ rasant zu.?

Gregor Weber: ?Neben der Dynamik halte ich auch die Darstellung von gesellschaftlichen Brüchen in diesem Film für eine wichtige Komponente. Das Aufzeigen solcher Verwerfungen ist durchaus auch eine Aufgabe des TATORTs. Wenn die Sozialkritik jedoch überwiegt, bremst das eine Geschichte oft aus.?

Das Büro von Kappl und Deininger

Hannu Salonen: ?Wenn man den Weg des Sozialdramas geht, was so mancher TATORT macht, dann wird es oft so unerträglich bleischwer, dass es kaum auszuhalten ist. Dieser Film fällt schon deshalb nicht in diese Kategorie, weil er durch sein gewisses Tempo schnell voranschreitet. Meine Herangehensweise war eher, einen Thriller zu machen, bei dem der Zuschauer auch die Chance hat, sich emotional ein bisschen zu entfernen und eine gesunde Distanz zu gewinnen. Sehr gerne würde ich auch mal einen TATORT machen, bei dem sich Humor sinnvoll integrieren lässt, aber bei dieser Thematik war Humor nicht angebracht. Ich bin ja schon sehr früh in die Entwicklung dieses Films mit den Autorinnen eingestiegen, zu diesem Entschluss bezüglich Humor sind wir dabei schnell gekommen.?

Christian Bauer: ?Das Buch der beiden Autorinnen ist in einer ziemlich langen Zeit der Stoffentwicklung entstanden, in der Hannu und ich auch bereits involviert waren. Als Redakteur hat man als eine klare Aufgabe, das Milieu und die Art von Geschichte festzulegen, die man erzählt haben will und spannend findet. Auf den Plot selbst sollte der Redakteur meiner Meinung nach tunlichst nicht direkt einwirken, nur durch Kritik auf Stellen hinweisen, die ihm weniger zusagen oder die dramaturgisch nicht funktionieren. Die konkrete Änderung ist dann wieder der Kreativität der Atuoren zu überlassen. Insofern ist die Grundidee, so einen Fall zu erzählen, aus der Redaktion, aber der Fall selbst gehört den Autoren und jetzt in der Regiefassung auch dem Regisseur.?

Hannu Salonen: ?Wie Christian den Regisseuren, in diesem Fall mir, den Rücken komplett freihält, auch in künsterlicher Hinsicht, das finde ich natürlich ganz großartig. Das Besondere ist auch seine Schwerpunktsetzung bei der Auswahl der Themen. Die Herangehensweise, wie er sich engagiert, ist sehr außergewöhnlich und das genieße ich in vollen Zügen.?

Gregor Weber: ?Auch wir als Darsteller können die Figuren in einem gewissen Rahmen noch weiter entwickeln. Für die Figur des Stefan Deininger hatte ich die Gelegenheit des Ermittlerwechsels 2006 genutzt und eine Basis und Vergangenheit für die Figur entwickelt, da dies zuvor nie stattgefunden hatte seit Deininger 2001 einfach so als Assistent aufgetaucht war. Viele Ideen ergeben sich aber auch spontan beim Drehen: Reaktionen der Figuren, Konsequenzen für die Handlung oder kleine Ergänzungen, die dann mit dem Team diskutiert werden. So entwickeln sich die Figuren eigentlich stetig weiter.?

Christian Bauer: ?Hin und wieder entwickeln sich am Set neue Ideen - "wie wäre es denn damit?" - die Regisseur und Redakteur dann diskutieren, akzeptieren oder aber Bedenken äußern. Meistens sind die Ideen aber so gut, dass wir sie natürlich umsetzen. Auch um solche möglichen Änderungen mit dem Regisseur zu besprechen, bin ich jeden Tag am Set. Der Regisseur hat dann auch die Absicherung, dass er den Film dreht, den der Redaktuer haben will. Außerdem ist der Dreh gewissermaßen die Erntezeit, man ist ja gerne am Set. Nach 15 Monaten Stoffentwicklung hat man den Film ja auch schon im Kopf und sieht nun, wie er tatsächlich umgesetzt wird. Auch bei den Motivbesichtigungen bin ich dabei. Wir drehen unsere TATORTe grundsätzlich komplett im Saarland, authentische Drehorte sind mir schon wichtig. Auch die Kritik von Klaus Harste, stellvertretender Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrates, dass unsere Drehortwahl dem Image des Saarlands schade, hat uns da nicht beeinflusst. Eine Story sucht sich ihre Orte. Wenn man die Kriminalstatistik betrachtet, stellt man fest, dass die meisten Leichen an düsteren Orten gefunden werden. Der Tote auf dem Golfplatz ist eher selten, insofern sind wir in dieser Hinsicht auch sehr realistisch.?

Hannu Salonen: ?Ebenfalls sehr authentisch ist die überwiegende Besetzung mit Darstellern aus dem Saarland. Das ist in diesem Fall großartig, viele der Darsteller sind noch unverbraucht. Wir haben dafür sehr viel und ausführlich gecastet, für einen pädophilen Bademeister haben wir z.B. im Grunde einen Laien genommen, der aber hervorragend spielt. Das ist also eine ganz andere Herangehensweise als zu sagen, wir kaufen Leute ein, die sich einfliegen lassen und sich manchmal wundern, in welchem Film sie sich gerade befinden. Hier ist es auch wieder das Engagement von Christian Bauer, das diese Lokalität vorangetrieben hat. Das finde ich super, da der SR-TATORT so zu etwas Besonderem wird.?

Zusätzliche Informationen zur Entstehung der Folge Verschleppt in Text-, Bild- und Videoform sind auf der TATORT-Seite des SR verfügbar. Aktuelle Berichte von den einzelnen Drehtagen veröffentlichte Angela Ulmrich im TATORT-Blog des SR.

Timo Bredehöft


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