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Heute ist der: 20.10.2019. --> Bis heute wurden 1118 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Der Tote im Nachtzug

Raus aus dem Krimitrott

Deutschland, deine Krimis. Da ließe sich schon eine sehr spezielle Erfolgsgeschichte erzählen. Etwa darüber, dass die Fernsehnation offenbar dann am besten entspannt, wenn es um Scheußlichkeiten wie Mord und Totschlag geht. Man sollte vorsichtig sein, mal eben so eine Zeitenwende heraufzubeschwören. Aber das, was der Hessische Rundfunk mit Fall Nummer zwei für das neue Duo Joachim Król und Nina Kunzendorf anbietet, könnte sich als der wichtigste TATORT seit Schimanskis seligen Tabubrüchen erweisen. Lars Kraume, Schöpfer dieser neuen Reihe, lässt am Sonntagabend die Tür für etwas offen, das sich sonst wirklich nie auf diesen Sendeplatz verirrt: einen handfesten Realismus, der einem das Sofa unter dem Hintern wegreißt.

Conny Mey wird früh morgens ? noch in Joggingkleidung ? zum Bahnhof beordert. Bild: HR/Lars Kraume

Das Beste: Die neuen Frankfurter Ermittler Frank Steier (Król) und Conny Mey (Kunzendorf, gerade mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet) scheinen beim Publikum anzukommen. Knapp neun Millionen Menschen sahen ihren Debütauftritt im Mai. Der fulminant erzählte Nichtfall "Eine bessere Welt" war ein Versprechen. "Der Tote im Nachtzug" ist jetzt die Einlösung. Man hat beim TATORT mehr oder minder alles schon mal gesehen? Sorry, so etwas wie hier garantiert noch nicht! Und das liegt nicht alleine daran, dass Lars Kraume einen authentischen Fall des Profilers und Sachbuchautors Axel Petermann aufgriff.

Hauptkommissar Frank Steier und Fuchs bei dem toten Rüdiger Lange, Bild: HR/Johannes Krieg

"Nach einer wahren Begebenheit", heißt es am Anfang. Eine schöne Behauptung, aber viel wichtiger: Das fühlt sich auch so an. Der Nachtzug aus Warschau läuft im Frankfurter Hauptbahnhof ein. Im Schlafabteil findet der Schaffner die Leiche eines ehemaligen Bundeswehrsanitäters. Bauchschuss. Als Polizeitrupps den Zug in Empfang nehmen, kann ein Verdächtiger spektakulär entkommen. "Irgendso'n Drecksack aus'm Osten", glaubt der Misanthrop Steier dem Phantombild entnehmen zu können. Und tatsächlich: Der Flüchtige heißt Stanislav Kilic (Jevgenij Sitochin) und kannte das Mordopfer aus Afghanistan, wo beide in krumme Medikamentendeals verwickelt waren. Offenbar hatten die beiden Bandenkriminellen noch eine Rechnung offen.

Stichwort Afghanistan! Schon wieder ein Aufklärungskrimi? Nö. Sozialpolitischer Debattenstoff? Keine Spur. Man ist das gar nicht gewöhnt - woher auch? -, aber in diesem TATORT wird einem einmal nicht die Welt erklärt, sondern die Polizeiarbeit. Zeugenvernehmung, Ballistik, sequenzielle Tathergangsrekonstruktion. Wir lernen: Kriminalkommissar zu sein, ist ein anspruchsvolles Handwerk. Und eines, für das man mitunter einen hohen persönlichen Preis bezahlt.

Hartmann , Thomsen und der Chef der Mordkommission, Bild: HR/Johannes Krieg

Der fabelhafte Joachim Król legt seinen griesgrämigen Kriporoutinier als die ärmste Wurst im deutschen Krimigewerbe an. Unendlich einsam, traumatisiert durch die in der ersten Folge erlittene Stichverletzung, aber zu stolz, seine Ängste einzugestehen. Daneben die anbetungswürdige Nina Kunzendorf als katzenhafte Sexbombe. Ein Gefühlsmensch. Empathisch, mitfühlend und immer bereit, Informationen mit einem Blowjob zu erkaufen. Zumindest dann, wenn der Informant so "sportlich" und knackig daherkommt wie der von Benno Fürmann gespielte Bundeswehr-Feldjäger.

Dass neben Fürmann mit Inka Friedrich noch eine weitere Episodenrolle absolut hochkarätig besetzt ist, ist nur das Tüpfelchen auf dem "i" eines wuchtigen Klassefilms. Lars Kraume lässt einen die kalte Widerwärtigkeit und die niederschmetternde Alltäglichkeit von Tötungsdelikten in diesem Land spüren. Ultimativ packend, mit großartiger Musik und erklärenden Rückblenden gewieft inszeniert ist das, gewiss. Doch die unverblümte Direktheit verfängt auch ganz schön unangenehm in der Magengegend. Wenn hier noch einer reflexhaft "Krimiunterhaltung" drunterschreibt, dann ist es vielleicht an der Zeit, ein neues Genre zu definieren.

Jens Szameit - Teleschau Mediendienst


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