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Heute ist der: 21.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Axel Milberg

"Man muss den Zuschauer nicht immer überbetreuen"

Am Rande des Hamburger Filmfestes 2011 sprach der tatort-fundus mit Darsteller Axel Milberg über den Kieler TATORT, Borowskis schlechte Laune und den neuen TATORT "Borowski und der coole Hund", der am kommenden Sonntag läuft.

Axel Milberg im Gespräch mit dem tatort-fundus , Bild: NDR

Sie spielen die Rolle des Klaus Borowski seit fast zehn Jahren. Macht Ihnen die Figur noch Spaß; können Sie sich vorstellen, sie noch weitere zehn Jahre zu spielen?

Milberg: Es wird Sie überraschen: Ja, die Rolle macht mir nach bisher 19 Folgen noch immer großen Spaß und ich sage Ihnen auch, warum: Ich denke nicht, dass ich mich in der Rolle wiederhole und immer nur den gleichen Klaus Borowski spiele. Die Bücher müssen spannend, die Fälle müssen aufregend sein, ich muss dabei in neue, für mich unbekannte, aufregende Situationen kommen. Wenn die Rolle so abwechslungsreich bleibt, vergeht die Zeit wie im Flug und ich sage: mehr davon!

Sie sagten einmal, dass Sie sich der Tradition von Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke sehen, der in den 70er Jahren TATORT-Kommissar für den NDR in Kiel war. Finke ermittelte allerdings selten direkt in der Landeshauptstadt und war mehr auf dem Land unterwegs. In den Borowski-TATORTen ist Kiel dagegen sehr präsent. Sollte das aus Ihrer Sicht so bleiben oder wäre die Verlagerung auf ländliche Milieus für Sie auch reizvoll?

Milberg: Sie irren sich! Wir drehen sehr viel auf dem Land. Wie haben in Schleswig gedreht, im Internat Luisenlund, die Szenen in der Kanalisation in Borowski in der Unterwelt wurden auf dem Land gedreht, die aktuelle Folge Borowski und der coole Hund wurde am Nord-Ostsee-Kanal gedreht, die Folge Borowski und die Frau am Fenster spielt in einer Tierarztpraxis auf dem Dorf bei Achterwehr. Ich wollte immer aufs Land, aber die TATORT-Redaktion des NDR wollte die ländlichen Fälle eher bei Maria Furtwängler in Niedersachsen ansiedeln, dafür sollten wir in Kiel eher städtisch ermitteln. Daran haben wir uns aber nie ganz streng gehalten. Mehr Land als in Tango für Borowski ist auch nicht möglich, wo wir in den finnischen Wäldern drehten. Abgesehen davon geht die Stadt Kiel oft über ins Ländliche, es gibt viel Grün, Parks und Gärten. Dass trotzdem in fast jeder Folge markante Punkte Kiels zu sehen sind, ist auch ausdrücklicher Wunsch der NDR-Redaktion.

Szene aus dem ersten TATORT nach Mankell-Vorlage: Borowski und der vierte Mann" Bild: NDR

Anlässlich des 40jährigen TATORT-Jubiläums 2010 gab es einige Sondersendungen im Fernsehen und im Hörfunk, bei denen echte Kommissare eingeladen waren, die auf die Frage nach dem realistischsten TATORT-Kommissar den Namen Borowski nannten. Ist das ein Effekt, den Sie erreichen wollen, macht Sie das stolz?

Milberg: Das freut mich und überrascht mich auch. Die Kieler Polizei ist da oftmals anderer Meinung. Solz ist das falsche Wort. Es bestätigt mich in meiner Meinung, dass wir uns in die Realität polizeilicher Ermittlungen, in die Realität sozialer Zusammenhänge, in Verbrechenspsychologie einarbeiten sollten. Wir sollte viel über Ermittlungsstrukturen wissen, damit wir uns dann hier und da davon lösen können.  Aber nichts über all das zu wissen, nichts damit zu tun haben zu wollen und besser als die Wirklichkeit erzählen zu können, ist ein Irrtum. Die Realität ist grausamer, aberwitziger, verrückter, irrer und auch unglaubwürdiger, als das, was sich Menschen ausdenken können; da könnte ich tausend Beispiele nennen. In diesen Schatz, der da düster vor uns funkelt, sollten wir mit beiden Händen hineingreifen.

Wie kam der Kontakt zu Henning Mankell zustande? Sind weitere TATORTe aus Kiel nach seiner Vorlage zu erwarten?

Ich lernte Mankell über den Hanser-Verlag kennen. Mankell stellte "Der Chinese" vor und ich sollte aus dem Buch vorlesen. Wir waren in ein paar Städten unterwegs und freundeten uns dabei an. Seitdem haben wir uns immer wieder getroffen. Ich hatte mittlerweile auch viele seiner Bücher als Hörbücher eingelesen und Mankell begriff, dass ich ihm in meinem Verständnis dafür, wie er schreibt, beobachtet und in welche Wechselbäder er den Leser stürzt, sehr nahe bin. Es war einer der beglückendsten Momente meines Schauspielerlebens, dass Mankell mir, nachdem er mich vorlesen hörte, seine Freundschaft anbot. Er fragte mich dann konkret, ob er mir zwei Geschichten für den Kieler TATORT schreiben soll. Das wollte ich und das wollte auch der NDR. Nun sind die beiden außergewöhnlichen Filme realisiert und man wird sehen, ob es eine Fortsetzung geben wird. Konkrete Planungen gibt es momentan aber nicht.

Axel Milberg spielt seit 2001 den Kommissar Borowski, seit 2003 im Kieler "TATORT". Bild: NDR

War es aus Ihrer Sicht dramaturgisch notwendig, "Borowski und der coole Hund" in Schweden beginnen zu lassen oder ist das als bloße Hommage an die Tradition skandinavischer Krimis zu werten, zu deren Hauptvertretern Mankell zählt?

Milberg: Das stand so in Mankells Vorlage. Mankell benutzt oft den Kunstgriff, dass er parallele Geschichten nebeneinander starten lässt. Manchmal berühren sich die Geschichten irgendwann, manchmal bleiben sei parallel. Anders als in Mankells Vorlage haben wir die beiden Geschichten hier zusammengeführt.

Ich empfand die Auflösung des Kriminalfalls in "Borowski und der coole Hund" als ein wenig unbefriedigend, da die Bambusmorde in einem sehr konstruiert wirkenden Zusammenhang mit den Tollwutfällen stehen.

Milberg: Der Originaltitel von Mankells Geschichte lautet "The bridge". Gemeint ist die Öresundbrücke zwischen Schweden und Dänemark, die ja auch im Film vorkommt und über die der tollwütige Hund läuft. Ich fand es sehr schön und auch symbolisch, dass diese Verbindung zwischen Schweden und Deutschland über ein krankes Tier erzählt wird.

Im Film wettert eine schwedische Polizistin über die Brücke, die nur Unheil nach Schweden bringe, zum Beispiel die Tollwut. Die Polizistin wird dann recht barsch zurechtgewiesen; wenn sie Reden schwingen wolle, möge sie in die Politik gehen. Ist das ein klares proeuropäisches Statement Mankells??

Milberg: Mankell gibt mit dieser Äußerung Strömungen und Meinungen wider, die es so auch in der Realität gibt und die er sich nicht ausdenkt. Auch in Dänemark oder Norwegen wird das so diskutiert. Das sind die Diskussionen in den Ländern am Rande Europas. Ich mag das an Mankell, dass er nicht nur Menschen widergibt, die ?political correct? sind, sondern dass seine Figuren sperrig sind.

Ist Borowski seit dem Weggang von Frieda Jung (noch) mürrischer geworden? Bild: NDR

In Ihrem letzten TATORT, "Borowski und die Frau am Fenster", gab als erholsamen Kontrapunkt zu dem gezeigten Psychogramm der mordenden Tierärztin sehr viel Humor durch den Einzug von Schladitz in Borowskis Wohnung und die ersten Begegnungen Borowskis zu Sarah Brandt. "Borowski und der coole Hund" scheint man dagegen jeden Humor ausgetrieben zu haben. Warum?

Milberg: Es sind unterschiedliche Autoren, unterschiedliche Regisseure, unterschiedliche Fälle und ich finde das ganz gut. Nichts ist gewiss. Das Klima des Films entsteht immer aus dem Fall heraus. Der Regisseur Christian Alvart hat den Film "Case 39" mit Renée Zellweger gedreht, den müssen Sie sich mal anschauen! Er hat den Science-Fiction-Film "Pandorum" mit Dennis Quaid gedreht. Er hat also in Hollywood sehr erfolgreich gearbeitet und ist ein ausgewiesener Thriller-Spezialist, also sollte man diese Fähigkeit auch von ihm abverlangen. Alvart ist happy und stolz, dass er mit uns Kiel solch einen Thriller gemacht hat. Da blieb wenig Möglichkeit für Humor, weil der Film so dicht geknüpft ist. Es gibt für uns kein Einheitsrezept, dass in jedem TATORT ein Mischungsverhältnis da sein muss, das ist immer anders.

Seit dem Weggang Frieda Jungs erscheint Klaus Borowski wieder viel mürrischer. Wollen Sie der schlechtgelaunteste TATORT-Kommissar bleiben oder wird Borowski mit Sarah Brandt an seiner Seite wieder dauerhaft umgänglicher?

Milberg: Als Freund von Superlativen möchte ich eigentlich gerne der Schlechtgelaunteste bleiben, wenn es denn tatsächlich so sein sollte. Zwischendurch war ich ein bisschen aufgeweicht und wollte nicht immer nur mürrisch sein, mittlerweile ist aber so etwas wie Borowskis Marke, das muss man durchhalten. Man darf den Schauspieler aber nicht mit der Rolle verwechseln! Die Idee war anfangs, die Figur völlig entgegengesetzt meines privaten Wesens anzusiedeln. Ich habe ja auch viele Komödien gedreht. Aber das Mürrische ist nun mal eine Eigenart Borowskis, die er von Anfang an hatte. In der Stahlnetz-Folge PSI, dem Ur-Faust und TATORT-Vorläufer, war Borowski geradezu soziophob, überhaupt nicht teamfähig. Wenn man das aufweicht: wohin? Ich finde das lustig. Mal gucken, wie sich das mit Sarah Brandt entwickelt.

Borowski wird oft auch als "Lonely wolf" bezeichnet. Szene aus "Borowski und das Mädchen im Moor". Bild: NDR

Andere Eigenheiten Borowskis sind dagegen verloren gegangen. Hört Borowski noch Hörspiele?

Milberg: Ein paar Sachen haben wir rausgeschmissen: Hörspiele, die Präsenz seiner Tochter, der ehemalige halbkriminelle Freund, den Borowski ab und zu um Rat fragte usw. Das war zuviel Ablenkung.

War das eine Art Entschlackung der Figur?

Milberg: Nicht der Figur, aber der Erzählung, des Falls. Ich war dafür, die Fälle in den Mittelpunkt zu rücken und nicht so sehr die privaten Eigenheiten Borowskis abzufeiern.

Wie war die Zusammenarbeit mit Sibel Kekilli?

Milberg: Sibel ist -  wenn man ihren Nachnamen ein bisschen anders ausspricht ? ein bisschen keck und und bisschen killi. Sie ist ganz anders als Frieda Jung und natürlich auch ganz anders als Maren Eggert, die viel mehr Theaterschauspielerin ist, ein unruhiges Wildpferd. Sibel hat dagegen eine große Direktheit und Frische und ein sehr offenes Lachen. Sie freut sich, wenn sie schießen darf und schmeißt sich unglaublich körperlich in die Rolle hinein. Es ist schön, wenn jemand nicht diese abgebrühte Haltung hat: ?Ich hab schon so unglaublich viel gedreht und weiß genau, wie?s geht, mir kann keiner mehr was sagen.? Diese Offenheit gegenüber dem, was wir drehen und wie wir es umsetzen wollen, ist einfach wichtig. Das sollte bei mir natürlich auch so sein. Das ist mir so wichtig! Wenn jemand kommt und alles weiß ? schwierig.

Als Sibel Kekilli den Deutschen Filmpreis für ihre Rolle in "Die Fremde" erhielt, bat sie während der Preisverleihung auf der Bühne öffentlichkeitswirksam um Rollenangebote. Merkt man ihr die Freude an, dass sie es nun in solch ein Serienformat geschafft und dauerhaft im Fernsehen präsent sein wird?

Milberg: Die Sorge um Rollen hat sie momentan wirklich nicht mehr. Sie hat gerade mit Matthias Schweighöfer "What a man" gedreht, sie dreht auch ständig in Irland in einer Serie, sie ist busy. Ich glaube, dass es ihr sehr gut geht.

Sibel Kekilli spielt im Kieler TATORT "Sarah Brandt". Bild: NDR

War es sich nicht ein wenig unfair, dass Sibel Kekilli ins kalte Wasser springen musste, während Borowski sich auf schnelle Weise seiner Zahnschmerzen entledigt?

Milberg: Was mache ich eigentlich während des Sprungs? Ich kämpfe mit dem Täter und rolle mich durch den Staub! Ich wollte ihr den Kampf mit dem Täter, der ein Messer in der Hand hatte, nicht zumuten. Das war eigentlich der gefährlichere Teil als der Sprung in die Schleusenkammer! Das Wasser war auch relativ warm und den Sprung selber hat auch eine Stuntfrau gemacht. Wir hatten über die Szene diskutiert und Sibel hat sich total darauf gefreut. Trotzdem war es auch ein bisschen gruselig und Sibel hat hin und her überlegt, ob sie es tun soll: Außerhalb des Bildauschnitts waren Schlauchboote mit Außenbordmotoren, um das Wasser aufzuwühlen. Sibel war also in unmittelbarer Nähe einer turbo-hochrotierenden Außenborderschraube, es waren Windmaschinen im Einsatz ? da war schon was los!

Nochmal zu Sarah Brandt: Es gibt diese Szene in Borowski und die Frau am Fenster, in der sich Borowski und Brandt scheinbar erstmals in der Polizeikantine treffen. Es wird in dieser Szene ? und auch sonst im gesamten Film ? überhaupt kein Bezug darauf genommen, dass Borowski und Brandt sich schon kennen müssten, immerhin trafen sich beide schon in Borowski und eine Frage von reinem Geschmack. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es handele sich um zwei verschiedene Rollen, die beide von der selben Schauspielerin verkörpert werden. Beide Rollen heißen aber Sarah Brandt?

Milberg:Wir fanden das besonders herrlich. Nur weil wir mal zusammen Suppe gelöffelt haben, müssen wir darüber nicht sprechen. Wenn man sich die Szene genauer anschaut, sieht man das in unseren Augen, das wir uns kennen. Ich empfand das als eine besonders schöne Form zu flirten: ?Wir kennen uns: du weißt woher, ich weiß woher, aber wir sprechen nicht darüber.? Es sollte keine neue Rolle darstellen. Aber das ist so ein grundsätzlicher Punkt: Man muss nicht immer alles nochmal moderieren, nacherzählen und den Zuschauer überbetreuen. Das ist einer der Hauptfehler von Fernsehfilmen: Das Überbetreuen des vermeintlich nicht so intelligenten Zuschauers.

Jeanette Würl war beim NDR als Redakteurin auch für den Kieler TATORT verantwortlich - sie starb im Sommer 2011 © NDR/Meike Fien

Die sehr emotionale Schlusszene des Films erinnert an die langjährige Redakteurin des NDR-TATORTs aus Kiel, Jeanette Wührl. Wurde die Szene aus Anlass ihres Todes nachgedreht oder war sie von Anfang an im Film enthalten?

Milberg: Nein, die Szene war so gedreht. Im Buch stand: ?Borowski schaut dem Leichenwagen nach.? Ich habe Christian Alvart vorgeschlagen, dass ich den Wagen anhalte, reinspringe und meinen toten Freund nach Schweden bringe. Das haben wir an dem Drehtag spontan geändert. Aber die Fahrt selbst und dass man nochmal die Öresundbrücke sehen muss, war von Anfang an das Schlussbild.

Das Interview führte Heinz Zimmermann am
1. Oktober in Hamburg


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