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Heute ist der: 21.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und der coole Hund

Bambus, Tollwut, Sex - und eine Brücke

Vor ein paar Wochen erst hat der NDR mit Borowski und die Frau am Fenster ein fulminantes Krimi-Psychogramm abgeliefert und damit für einen Höhepunkt des TATORT-Jahres gesorgt. Jetzt kommt mit Borowski und der coole Hund schon der nächste TATORT aus Kiel mit dem schlechtgelaunten Kommissar Borowski und seiner neuen Kollegin Sarah Brandt. Kann der nordische Höhenflug fortgesetzt werden?

Kriminalhauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) jagen einen Serienmörder. © NDR/ Marion von der Mehden

"Haben Sie ein Problem mit Sex?" fragt die attraktive Ina Santamaria die jungforsche Kommissarin. Sarah Brandt hat gerade mittels recht unkonventioneller Methoden herausgefunden, dass der Ermordete nur einer von vielen Sexpartnern war, die Frau Santamaria regelmäßig in einschlägigen Chatrooms und Internetforen kontaktierte. Nach frühmorgendlichem Geschlechtsverkehr auf einem Badesteg sprang der Lover beherzt in die Kieler Förde und wurde sofort von angespitzen Bambusstäben aufgespiesst. Die gerichtsmedizinische Untersuchung des Leichnams bringt eine weitere Überraschung ans Licht: Der Ermordete war mit Tollwut infiziert, eine Krankheit, die in Deutschland längst als ausgerottet gilt. Zeitgleich taucht im südschwedischen Malmö ein tollwütiger Hund auf und infiziert Kinder, die sich ihm nähern wollen. Kommissar Enberg verfolgt die Spur des Hundes über die Öresundbrundbrücke hinweg bis nach Kiel, wo er auf seinen alten Freund Borowski trifft.

Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) verfolgen Spuren im Internet. © NDR/ Marion von der Mehden

Henning Mankell hat bereits zum zweiten Mal nach Borowski und der vierte Mann eine Geschichte für den Kieler TATORT geschrieben. Axel Milberg und der schwedische Kriminalautor sind bereits seit längerer Zeit befreundet. Und wie diese Freundschaft im richtigen Leben gibt es  auch eine Männerfreundschaft zwischen einem Norddeutschen und einem Südschweden.

Die Öresundbrücke war es, die Mankell inspiriert hat - der Arbeitstitel der Folge lautete "The bridge". Sie verbindet Malmö mit der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, ist aber viel mehr als nur eine weitere Verbindung zwischen zwei Städten. Schweden ist durch die Brücke insgesamt näher an Europa herangerückt. Die Brücke erleichtert den Verkehr zwischen Mittel- und Nordeuropa, bringt Waren und Touristenströme schneller ans Ziel - aber eben auch tollwütige Hunde. Ähnlich wie der Tunnel unter dem Ärmelkanal zwischen England und Frankreich, der Großbritannien neben den schnellen Eurostarzügen von Paris nach London auch die Tollwut wiedergebracht hat, steht die Brücke hier als Sinnbild für das Zusammenwachsen Europas mit all den damit verbundenen Vor- und Nachteilen.

Eine kurze, impulsive Diskussion im schwedischen Kommissariat über die Schattenseiten der Brücke wird von Enberg schnell unterbunden, was durchaus als proeuropäisches Statement Mankells gewertet werden kann. Mankell schafft es mit der Brücke, eine kleine politische Aussage in seinen Thriller zu packen. Mankells Helden agieren und ermitteln nicht im luftleeren Raum, man merkt, dass sie im heutigen Europa zuhause sind.

Kommissar Stefan Enberg (Magnus Krepper), ein schwedischer Kollege Borowskis, setzt Ina Santamaria (Mavie Hörbiger) unter Druck. © NDR/ Marion von der Mehden

Und der Krimi? Regisseur Christian Alvart hat aus den zwei Strängen um die Tollwut und die Bambusmorde einen packenden Thriller gemacht, er inszenierte mit klassischen Mitteln des Genres, mit Traumsequenzen, sich plötzlich auftuenden Abgründen, blutverschmierten Hinweisen und einer Prise Ekel. An manchen Stellen blitzt da der moderne skandinavische Thriller auf, der beim TATORT bislang noch nicht in dieser Form vorhanden war. Gleichzeitig bricht diese Folge mit ehernen Grundregeln der Serienkonventionen und nimmt einige unerwartete Wendungen. Die Stimmung in Borowski und der coole Hund ist stets düster und alle Handlungen haben fatale Konsequenzen. Humor wurde dieser Folge komplett ausgetrieben. Ein atemloser Krimi ist dabei entstanden, der den Zuschauer lange im Unklaren über die Verbindung des Tollwut- mit dem Bambusfall lässt. In gewisser Hinsicht ist dies auch das größte Manko des Films, dass diese Verbindung am Ende recht abrupt aus dem Hut gezaubert wird und der Zuschauer bereit sein muss, auch unwahrscheinliche Wendungen in Kauf zu nehmen. Fast ein wenig beliebig wirkt hier letztlich die Grundkonstellation, die den ganzen Film zusammenhält.

Klaus Borowski (Axel Milberg) macht eine schreckliche Entdeckung. © NDR/ Marion von der Mehden

Trotzdem möchte man sich keine Sekunde vom Fernseher entfernen, während die fortschreitende Handlung ihrem Ende entgegenrast. Die Ermittler rasen mit und haben kaum Zeit, zur Besinnung zu kommen. Die in der letzten Folge mit viel Tempo eingeführte Figur der Kommissarsanwärterin Sarah Brandt wird noch stärker beschleunigt. Die wunderbare Sibel Kekilli spielt, als ob sie diese Rolle seit Jahren spielen würde und entwickelt eine fast schon unheimliche Präsenz, die manchmal sogar Axel Milbergs Borowski an den Rand zu drängen droht. Die bereits angedeuteten körperlichen Probleme Brandts werden auch diesmal thematisiert, ohne dass das Geheimnis bereits gelüftet wird.  Eine weitere geheimnisvolle Figur ist Ina Santamaria, die von Mavie Hörbiger mit einer undurchschaubaren Mischung aus taktierender Koketterie und kühler Erotik gespielt wird. Selbst Borowski scheint ihrer Laszivität kurzzeitig zu erliegen, nachdem sie bereits Enberg um den Finger gewickelt hatte.

Man sollte diesen Fernsehkrimi konsumieren wie ein Buch von Henning Mankell: Angucken und ein besten das Licht anlassen. Wer weiß schon, wo die nächste tückische Bambusfalle zuschnappen wird...

Heinz Zimmermann


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