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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und die Frau am Fenster

Zeig mir das Land, wo die Zecken explodieren

Klaus Borowski, sein neuer Mitbewohner, eine Kommissarsanwärterin und eine Psychopathin sind die Ingredienzen dieses exzellenten TATORTs aus Kiel. Selten sah man in letzter Zeit eine solch gelungene Mischung auch hochspannendem Kriminalfall und abfederndem trockenem Humor. ?Borowski und die Frau am Fenster? hat das Zeug dazu, ein moderner Klassiker zu werden.

Charlotte Delius (Sibylle Canonica) beobachtet eifersüchtig ihren Nachbarn. © NDR/ Marion von der Mehden

Charlotte Delius hört Zarah Leander und schminkt sich dazu. Die Tierärztin ist auf Beutefang. Schon lange schwärmt sie von ihrem Nachbarn, dem Streifenpolizisten Hans Nielsson. Sie fährt absichtlich zu schnell und lässt sich erwischen, um mit ihm zu flirten. Oft steht sie am Fenster und beobachtet ihn im seinem Haus. So entgeht ihr auch nicht, wie er eines Tages eine sehr junge, blonde Frau mit nach Hause bringt und mit ihr schläft. Charlotte Delius denkt nach und tut ruhig und gelassen, was getan werden muss: Sie bringt die Konkurrentin um und beseitigt die Leiche. Schnell, durchdacht, sauber, spurenlos und effektiv. Hans Nielsson geht daraufhin zur Mordkommission und meldet das Verschwinden seiner Freundin.

Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) fragen sich, wer den Mord begangen haben könnte. © NDR/ Marion von der Mehden

Soweit die ersten 15 Minuten des Films. Der Kommissar kommt erst danach ins Spiel, was alleine schon sehr ungewöhnlich geworden ist. Der Zuschauer hat gegenüber Klaus Borowski einen gewaltigen Wissensvorsprung: Ersterer weiß alles, letzterer nichts. Und man denkt wirklich, dass Borowski dieses Mal der Mörderin nicht auf die Schliche kommen kann, dermaßen perfekt wurde der gezeigte Mord ausgeführt. Aber der erste Trugschluss wurzelt schon viel früher, beim Warten auf den Kommissar. Die bei einem Reihenformat wie dem TATORT stets eingehaltene Grundregel, dass der Ermittler im Mittelpunkt der Geschichte steht, diese vorantreibt und letztlich zu einem guten Ende bringt, scheint hier aufgehoben. Milbergs Borowski steht nicht im Fokus dieses Filmes.

Kabinett des Grauens

Das Zentrum des Kriminalfalls wird von der unglaublich präsenten Sibylle Canonica eingenommen, die die Tierärztin Delius ganz konzentriert ohne jeden Hauch des Overactings spielt: Eine kühle, rationale Psychopathin mit häßlicher Fratze hinter der freundlichen Maske, der alles zuzutrauen ist. Nach außen hin gibt sie die fürsorgliche Tierärztin, plauscht mit den Nachbarn ihrer dörflichen Umgebung und behandelt Haustiere von Hartz-IV-Empfängern sogar kostenlos. Um ihrem Ziel näher zu kommen, ist ihr allerdings jedes Mittel recht. Da werden Hunde vergiftet, Kaninchen in Rattenfallen die Füße zertrümmert und Zecken nach Hausfrauenart entsorgt. Dies ist kein Film für Tierliebhaber - für Menschenliebhaber aber auch nicht.

Borowski (Axel Milberg) ist wenig erfreut darüber, dass sein Freund und Vorgesetzter Schladitz (Thomas Kügel) bei ihm seinen Urlaub verbringt. © NDR/ Marion von der Mehden

Des öfteren zieht der berühmte kalte Schauer über den Rücken des Zuschauers, wenn er Frau Delius bei ihrem teuflischen Tun beobachtet. Da tut sich eine bisher unbekannte Welt auf, voller Abgründe; hier wird ein Land gezeigt, in dem man seine Kinder nicht großwerden lassen möchte. Das alleine ist nach dem bisher bestenfalls durchschnittlichen TATORT-Jahr schon eine große Leistung von Drehbuchautor Sascha Arango. Um dieses Kabinett des Grauens jedoch aufzubrechen und auch ein paar erholsame Momente einzubauen, hat er den Plot mit ein paar feinen humoristischen Nebenschauplätzen angereichert.

Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Thomas Klügel, der Borowskis Chef Schladitz ungewöhnlich humorvoll agieren lässt. Schladitz hat im Campingurlaub Eheprobleme, zieht zu Hause aus und nach alter TATORT-Tradition bei Borowski ein, was bei langjährigen TATORT-Chronisten gleich Erinnerungen an andere große WG-Paare der Reihe auslöst: Schimanski und Thanner, Stoever und Brockmöller und jetzt eben Borowski und Schladitz. Da entstehen Szenen von verdichteter Komik, bei denen oft nur Blicke, kleine Andeutungen und die Thematisierung des Abendessens für das ?odd couple? große Wirkung entfalten. In den letzten Jahren hat es sich zudem zur Masche entwickelt, dass sich die TATORT-Ermittler um herrenlose Hunde kümmern müssen; auch in diese Tradition können sich Borowski und Schladitz nun einreihen. Schladitz kocht nicht nur sehr gut und erweist sich als Segen für Borowskis Junggesellenhaushalt, er kann sogar Hundehütten zimmern.

Charlotte Delius (Sybille Canonica) tröstet den verstörten Hans Nielsson (Dirk Borchardt). © NDR/ Marion von der Mehden

Und dann war da ja noch etwas: Wer erinnert sich noch an Sarah Brandt, die vor einem Jahr erstmalig in einer Borowski-Folge auftrat und nun wieder auf den Eigenbrötler trifft? Sarah Brandt möchte bei der Kieler Mordkommission anfangen und muss sich bei diesem Fall unter Borowskis mürrischen Blicken erst einmal beweisen. Sibel Kekilli stattet Sarah Brandt mit viel jugendlichem Charme, unprätentiöser Coolness und Natürlichkeit sowie einem rasanten Ermittlungsstil aus, der die old-school-Methoden Borowskis auch wirklich alt aussehen lässt.

Keine schnelle Effekthascherei

Es gibt Szenen, da wirkt sie eine Spur zu überzeichnet, da nimmt man ihr all die Hacker-Kenntnisse und schnellen Ermittlungserfolge nicht ab, aber insgesamt kann sich der seit dem Weggang Frieda Jungs wieder etwas grummeligere Borowski glücklich schätzen, dass der NDR ihm mit Sarah Brandt eine solch erfrischende Partnerin an die Seite gestellt hat. Diesem Pärchen wünscht man eine lange gemeinsame Zukunft. Der äußerst positive Gesamteindruck, den die herzliche, bisweilen kokette Sibel Kekilli hinterlässt, lässt locker darüber hinwegsehen, dass der Auftritt vor einem Jahr nicht weiter thematisiert wird.  Dass sich Borowski und Brandt bereits kennen (müssten), fällt hier völlig unter den Kantinentisch, an dem sie sich diesmal in einem kleinen komischen Kabinettstückchen erstmals zusammenfinden.

Borowski (Axel Milberg) befragt die undurchsichtige Charlotte Delius (Sibylle Canonica). © NDR/ Marion von der Mehden

Regisseur Stephan Wagner hat das alles sehr unaufgeregt und ruhig inszeniert und damit einen schönen Gegenpol zur hakenschlagenden Handlung geschaffen, die die Erwartungshaltung des Zuschauer mit immer wieder mit überraschenden Wendungen unterläuft. Hier gibt es keine schnelle Effekthascherei, keinen Schnitt zuviel, keine prasselnde Toncollage und keine undurchdachte Kameraeinstellung.

Man kann eine uneingeschränkte Empfehlung für Borowski und die Frau am Fenster abgeben ? ein Titel, der fast ein wenig zu harmlos und freundlich daherkommt, blickt man erst einmal in die tiefe Mördergrube, die sich bei näherer Betrachtung der Frau am Fenster öffnet.

Heinz Zimmermann


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