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Heute ist der: 22.04.2019. --> Bis heute wurden 1103 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Schwarze Tiger, weiße Löwen

Im Kaninchenbau menschlicher Perversitäten

Lose angelehnt an den "Fall Natascha Kampusch" dringt der Hannoveraner TATORT subtil und zurückhaltend in verstörende Niederungen menschlicher Perversitäten vor.

Lindholm vor dem Bahnwärterhaus. Bild: NDR/Roland Suso Richter

Möge sich ein jeder hüten vor den Ortschaften, in denen die Vorgärten ein bisschen zu akkurat gemäht sind und die Hecken drumherum ein bisschen zu penibel gestutzt. Wer einmal einen David-Lynch-Film gesehen hat, weiß um die Abgründe, die dahinter lauern. Charlotte Lindholm passiert mit dem Dienstfahrzeug eher zufällig so eine aseptische Vorstadthölle und bemerkt schon bald, dass sie mitten in einem Inferno gelandet ist. Erst verschuldet ein streunender Hund einen saublöden Unfall. Und wie die Kommissarin auf den Abschleppdienst wartet, explodiert in ihrem Rückspiegel ein Backsteinhaus. Starker Auftakt für einen beklemmend starken TATORT. Event-Film-Spezialist Roland Suso Richter ("Dresden", "Die Grenze") inszenierte in seinem ersten Gastspiel für die ewige ARD-Reihe einen fast makellosen Krimi, der tiefer geht als üblich - und zwar buchstäblich.

Sie sind wirklich klasse gemacht, diese ersten Szenen der Episode Schwarze Tiger, weiße Löwen. Charlotte Lindholm hat beim Ausweichmanöver vor dem streunenden Hund mit dem Wagen auf einem Zierstein aufgesetzt. Da steht sie nun manövrierunfähig inmitten der bourgeoisen Akkuratesse. Die Eigenheimbewohner blinzeln feindselig durch die Vorhänge, tun aber einen Teufel, ihre teutonischen Trutzburgen zu verlassen und zu helfen. Nur ein besonders verschrobenes Exemplar kurbelt beim Vorbeifahren kurz das Fenster runter und murmelt etwas von "Morgen wird bestimmt ein besserer Tag". Dann biegt der Sonderling ums Eck in die Garage und fliegt in die Luft. Jemand hatte ihm mit Propangasflaschen eine tödliche Falle gebaut.

Lilli Fichte. Bild: NDR/Roland Suso Richter

Wer den unscheinbaren Ehemann einer ebenso unscheinbaren Frau umgebracht hat, ist die eine Frage, die es zu klären gilt. Die spannendere und weit abgründigere ist zunächst jedoch die nach dem Doppelleben des Opfers. Zur Arbeit ging er nur halbtags. Danach suchte er offenbar täglich eine am Waldrand gelegene Laube auf, die er unter falschem Namen gepachtet hatte. Der Gang hinein gleicht für Lindholm dem Einstieg in einen gespenstischen Kaninchenbau. Hinter der Kachelofenattrappe findet sich der Eingang zu einem stinkenden Kellerverließ. Darin: ein Bett, Handfesseln, Kinderspielzeug.

"Unser Drehbuch ist sicher angelehnt an den Fall Natascha Kampusch", erklärt Roland Suso Richter, der ein Skript der Autoren Ulrike Molsen und Eoin Moore verfilmte: "Das sich unter einer Klappe im Boden ein Abgrund hinter der bürgerlichen Fassade auftut, das ist es, was man nicht glauben will und was wir hier erzählen möchten."

Sigrid Malchus in der Polizeistation. Bild: NDR/Roland Suso Richter

Ein Segen für die niedersächsische LKA-Ermittlerin Lindholm, dass sie nicht alleine in diese Abgründe hineinmuss. An ihrer Seite ist diesmal die örtliche Beamtin Sigrid Malchus von der Kripo Gifhorn. Inka Friedrich spielt die Kommissarin in High-Heels und Kostümchen entgegen dem Outfit überhaupt nicht tussihaft und mindestens mal auf Augenhöhe mit der Hauptfigur. Während Lindholm mit verzweifelter Unterkühltheit dem Grauen begegnet, kann die Kollegin ihr Mitleid mit den Eltern eines gekidnappten Mädchens nicht unterdrücken. Zu tief steckt sie schon drin in dem Entführungsfall, dessen Auflösung vielleicht auch der Schlüssel zum Mordfall wäre.

Auch wenn es gegen Ende unnötig kompliziert wird: Subtiler, wirkungsvoller und zugleich pietätvoller kann man ein solches Grauen, das im wirklichen Leben ja immer auch ein Fall für die Klatschblätter ist, kaum erzählen. Es ließe sich wenig aussetzen an diesem, wie man weiß, leider sehr realitätsnahen Düsterstück, wäre da nicht seit der letzten Hannoveraner TATORT-Episode ein neuer Mann ins Leben der attraktiven LKA-Frau getreten. Benjamin Sadler gibt nun wieder mit Dreitagebart und stechendem Blick den lasziven Lover, der mit seiner undurchsichtigen und unsteten Art die schwer verliebte Kommissarin fast um den Verstand bringt. Die Ermittlungsarbeit leidet darunter teils erheblich. Dabei hat sie's ja eh schon schwer genug. Diesmal ganz besonders.

Jens Szameit - Teleschau Mediendienst


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