Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Das Dorf

Ein Spukschloss im Taunus

Felix Murot vom hessischen LKA wird von einem alten Kollegen in ein kleines Taunusdorf gerufen: Eine Leiche gibt Rätsel auf. Als er im Dorf ankommt, gibt es aber gleich Entwarnung. Der Fall habe sich erledigt, ein Abschiedsbrief wurde gefunden, Suizid, alles klar, also ab zurück nach Wiesbaden. Doch der Tumor in Murots Kopf (Wir erinnern uns: "Lilly") meldet sich zu Wort, verursacht starken Kopfschmerz und zwingt Murot zu einer Pause. Er schläft im Auto und als er wieder aufwacht, sieht er den vermeintlich Toten durch die Mittelgebirgslandschaft rennen. Was ist da los?

Murot, Karsten und der Pathologe betrachten den Toten. Bild: HR/Carl-Friedrich Koschnick

Diese Frage könnte man sich auch angesichts des neuen TATORTs vom Hessischen Rundfunk stellen. Das Handlungsskelett sagt so gut wie nichts aus über diesen aus allen Rahmen fallenden Fernsehfilm. Dass dieser von Schauspieler Justus von Dohnányi nach einem Buch von Daniel Nocke inszenierte wilde Trip durch die Filmgeschichte überhaupt nach dem TATORT-Vorspann auf dem Top-Sendeplatz der ARD am Sonntag Abend laufen darf, grenzt an ein kleines Wunder. Mit Joachim Król und Nina Kunzendorf als Ermittler Steier und Mey hat die TATORT-Redaktion aus Frankfurt am Main schon einen wuchtigen Neuanfang gewagt, was hier jedoch mit Ulrich Tukur gewagt wird, sprengt alle Genrekonventionen. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, wollte man all die Absonderlichkeiten, die Kabinettstückchen, die raffinierten Einfälle dieses Monster-TATORTs aufzählen, der seine Zuschauer am liebsten mit einem Happs verschlingen möchte.

Die Kessler-Zwillinge im TATORT "Das Dorf", Bild: HR/Carl-Friedrich Koschnick

Murot hat dank seines Tumors Visionen, was als angenehmer Vorwand zu einer atemlosen Abfolge von Skurillitäten benutzt wird: Musicaleinlagen, in denen Kneipenbesucher den "Ballroom Blitz" darbieten, Traumvisionen, die den Bogen von Chaplins "The Great Dictator" zu "The Big Lebowski" von den Coens schlagen, die gesamte deutsche Krimigeschichte von Fritz Langs "M" über die Edgar-Wallace-Filme bis zu "Anatomie", ein grandioser (letzter?) Auftritt der legendären und einst als "die schönsten Zwillinge der Welt" international gefeierten Kessler-Zwillinge, die mit viel Verve einen ihrer größten Hits singen und tanzen: "Sag mir quando, quando, quando...", eine Hommage an die Rocky-Horror-Picture-Show, unterirdische Katakomben, in denen sich die Leichen stapeln, knarzende Schlosstüren, ein Hausdiener in Kinski-Manier, Murot in vierfacher Klonung und und und...

LKA-Ermittler Felix Murot und Gernot Ulm. Bild: HR/Carl-Friedrich Koschnick

Wer bei diesem TATORT die Realismus-Frage auch nur andenkt, hat schon verloren. Man muss sich völlig fallenlassen können in dieses einmalige Werk und Experimente auch mal zulassen, dann hat man für 90 Minuten größte Freude und kann den Blick nicht mehr vom Bildschirm wenden. Die Krimihandlung? Pfeif drauf! Nach spätestens 15 Minuten interessiert die hier niemanden mehr. Nocke, von Dohnányi und Tukur haben sich einen Jux daraus gemacht, einen TATORT in der deutschen Gruseltradtion Grimmscher Märchen zu fabrizieren, der von Anfang an keiner sein möchte. Das wird nicht jeder Zuschauer goutieren und man hört schon von weitem die grollenden Rufe: Das ist ja gar kein TATORT! Doch, es ist einer. Eine Reihe, die Tote Taube in der Beethovenstraße, Die Macht des Schicksals, Ein Hauch von Hollywood und Tod im All hervorgebracht hat, hat auf Das Dorf gerade noch gewartet. Die Fallhöhe zu Tukurs erstem Fall Wie einst Lilly, in dem die bundesdeutsche RAF-Geschichte ihre Schatten auf den Edersee warf, könnte nicht höher sein.

Dr. Herkenrath führt eine Arztpraxis im Dorf. Bild: HR/Carl-Friedrich Koschnick

Zahlreiche hochkarätige Schauspieler hatten sichtlich Spass an dieser Krimi-Groteske: Sylvester Groth als witzelnder Pathologe, Markus Hering als überforderter Landkriminalist, Devid Striesow als völlig hibbeliger Polizist, Thomas Thieme als genusssinniger Burgherr über dem Dorf in seinem Spukschloss im Taunus, Antoine Monot Jr. als rockender Kneipenbesucher und Claudia Michelsen als sadistische Dorfärztin. Was für eine Besetzung in dieser kaskaesken bunten Traum-Wundertüte vor einer aus der Zeit zwischen Mittelalter und Kohl-Ära gefallenen Dorfkulisse.

Wer entschlüsselt alle Filmzitate? Als Hauptpreis winkt eine VIP-Mitgliedschaft im Magda-Wächter-Fanclub, ein selbstgestricktes Hausjäckchen gibts gratis dazu. Ahoi!

Heinz Zimmermann


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3