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Heute ist der: 10.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Ein ganz normaler Fall

Von der Sehnsucht nach Normalität

Es ist Sommer in München und so könnten Ivo Batic und Franz Leitmayr in ihrem 60. TATORT-Einsatz eigentlich ganz entspannt ihrer Arbeit nachgehen und einen Mordfall so lösen, wie sie es schon oft im Münchner Sommer taten: Ein bisschen ermitteln, Zeugen befragen, zwischendurch im Biergarten sitzen und die üblichen Frozzeleien abschießen. Jedoch: So einfach ist das diesmal nicht: Im Jüdischen Gemeindezentrum wurde der orthodoxe Jude Rafael Berger tot aufgefunden, die Ermittlungen konzentrieren sich hauptsächlich auf jüdische Gemeindemitglieder und so mahnt der Staatsanwalt das berüchtigte "Fingerspitzengefühl" an.

Leitmayr und Batic in der Synagoge. Bild: BR/Barbara Bauriedl

Auch die TATORT-Redaktion des Bayerischen Rundfunks wollte offensichtlich mit viel Fingerspitzengefühl einen Film entwickeln, in dem das jüdische Leben im heutigen München thematisiert wird und gleichzeitig eine Art Normalität an den Tag gelegt werden soll. Es ist in der Tat dünnes Eis, auf dem sich der Plot bewegt, neben Juden sind auch noch Behinderte in den Fall involviert, und so hätte das ganze Vorhaben schnell scheitern können - potentielle Fallstricke und Fettnäpfchen lauern hier auf jeder neuen Drehbuchseite. Um es vorweg zu nehmen: Der Film rutscht nicht aus und macht in dieser Beziehung nichts Grundlegendes falsch, weil Batic und Leitmayr ganz offen und blauäugig wie Schulkinder staunend in eine Welt geraten, die ihnen völlig fremd ist. Es ist wirklich bemerkenswert, dass die Münchner Ermittler im Laufe ihrer 20jährigen Amtszeit noch nie im jüdischen Milieu ermittelt haben. Sichtlich ahnungslos von den Riten, Gebräuchen und Befindlichkeiten der Juden bewegen sie sich vorsichtigst wie auf rohen Eiern zwischen Synagoge und Kommissariat. Nur bei der Flucht und der anschließenden Überwältigung des bewaffneten Hauptverdächtigen vergessen die beiden für einen Moment ihre politisch korrekte Zurückhaltung, werfen den deutlich als orthodoxen Juden erkennbaren Mann auf einer Grünanlage zu Boden, legen ihm Handschellen an, führen ihn ab und vergessen dabei seine Kippa - am Sabbat! Prompt zücken ein paar Schüler ihre Handys und ein paar Schnappschüsse reichen dem Vorgesetzten um inständig das angemahnte Fingerspitzengefühl heraufzubeschwören: Deutsche Polizisten, die einen Juden in aller Öffentlichkeit überwältigen, möchte man eigentlich nicht mehr sehen.

Dien Krimihandlung gerät in den Hintergrund. Bild: BR/Barbara Bauriedl

Möchte man aber wirklich sehen, wie zwei sichtlich gehemmte Kommissare allein unter Juden ermitteln, damit sich unter dieser Folie eine Abhandlung über die Normalität jüdischen Lebens im heutigen Deutschland entpuppt? Es ist ein wirklich hehres Anliegen, das der BR mit diesem Film in Angriff genommen hat und der TATORT war schon oft ein gesellschaftspolitischer Themenfilm im Krimigewand, dagegen gibt es auch nichts zu sagen. Das Problem ist, dass in Ein ganz normaler Fall die Krimihandlung stellenweise nur noch eine Nebenrolle spielt. Da ist es am Ende fast egal, wer den Mord begangen hat. Seltsamerweise wird eine politische Motivation während des gesamten Film überhaupt nicht thematisiert, sodass der Film in dieser Hinsicht gar nichts falsch machen kann. Die Intention, einen "ganz normalen" TATORT abzuliefern, verkehrt sich so allerdings leider ins Gegenteil. Die herbeigewünschte Normalität wird hier viel zu oft thematisiert, selbst auf der Metaebene, wenn eine Jüdin sich mit Leitmayr über eben diese Sehnsucht nach Normalität unterhält. In dieser Szene scheint man fast einem Gespräch in der TATORT-Redaktion zu lauschen, anders gesagt: man hört die Drehbuchseiten rascheln. Und so verliert sich die Auflösung des Falles schließlich im Privaten, wo die Themen Rechtsextremismus, Religiosität und Gesellschaftspolitik nur noch Nebenrollen spielen.

Gute Besetzung mit André Jung (links) und Florian Bartholomäi (rechts). Bild: BR/Barbara Bauriedl

Oliver Hirschbiegel hat 2005 in seinem Filmmonolog "Ein ganz gewöhnlicher Jude" mit Ben Becker in der Hauptrolle alles Entscheidende zum Thema gesagt; wer sich für den Wunsch der Juden nach Normalität im deutsch-jüdischen Verhältnis interessiert, sollte sich besser diesen Film ansehen. Und wer die Alltagsprobleme heutiger Juden in einer deutschen Großstadt sehen möchte, greift lieber auf Dani Levys vorzügliche Komödie "Alles auf Zucker" mit Henry Hübchen und Hannelore Elsner zurück. Wer aber einen spannenden Kriminalfilm sehen möchte, der nicht über die gesamte Laufzeit mit angezogener Handbremse auf der Klippe zur Angst nach einem neuen Giftschrank-TATORT entlangschleicht, hatte dazu an den vergangenen Sonntagabenden reichlich Gelegenheit. Auch die Nebenhandlung um die Wahl zum "Polizisten des Jahres", die offensichtlich eingebaut wurde, um zwischendurch für ein wenig Entspannung zu sorgen, wirkt aufgesetzt und beliebig. Ein ganz normaler Fall hat dafür andere Qualitäten: Großartige Schauspieler, wie Florian Bartolomäi, Alexander Beyer oder den viel zu selten im Fernsehen zu sehenden Luxemburger André Jung, der den Rabbi Grünberg völlig ruhig und ohne Mätzchen mit viel Würde spielt und die eigentliche Hauptperson des Films, das neue jüdische Zentrum Münchens mit der vieldiskutierten neuen Synagoge von 2006. Eine große Faszination geht von diesem Bau aus, den Kameramann Hagen Bogdanski in noch nie gesehene Bilder fasst: Vor allem der Gang der Erinnerung, durch den Batic, Leitmayr und Grünberg gehen und die mit dem Davidsternmotiv spielende Glasfassade der Synagoge bleiben nach dem Film im Kopf.

Heinz Zimmermann


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