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Heute ist der: 22.10.2019. --> Bis heute wurden 1119 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Wunschdenken

Krimi für Erwachsene

Nach zehnjähriger Unterbrechung meldet sich die Schweiz zurück an den TATORT. Reto Flückiger, dem aufmerksamen Zuschauer bereits bestens bekannt aus drei Bodensee-TATORTen aus Konstanz mit Eva Mattes als Hauptkommissarin Klara Blum soll zwei Fälle im Jahr für das Schweizer Fernsehen lösen. Den Anfang macht die Folge ?Wunschdenken?, in der es um eine Entführung, einen Mord und eine heiße Nacht unter erwachsenen Profis geht.

Reto Flückiger (Stefan Gubser), der neue Fachgruppenchef Leib und Leben bei der Polizei in Luzern, arbeitet bei diesem Fall mit der attraktiven Abby Lanning (Sofia Milos) zusammen. © SWR/ SF/ Thomi Studhalter

?Hier können Sie nicht parkieren!? Mit diesen Worten wird der frisch vom Thurgau versetzte Reto Flückiger auf dem Parkplatz des Kantonskommissariats Luzern vom Dienst habenden Beamten empfangen. Sicher, das ist kein neuer Witz. Schon manches mal wurden neue Kommissare am TATORT (oder in anderen Krimi-Reihen) mit dem Vorwurf des Falschparkens von übereifrigen Streifenpolizisten empfangen. Was diesen Witz so charmant macht, ist zum einen das Verb ?parkieren?, das es so wie den zu ?grilliertem? Fleisch passenden Wein nur in der Schweiz gibt und zum anderen der dezente Hinweis auf die Herkunft des Neuen: Vom Bodensee kommt er also mitsamt seinem Segelboot hierher in die Zentralschweiz an den Vierwaldstätter See: ?Auf der Reuss soll man auch gut segeln können!? In dem kleinen Witz stecken also gleich zwei regionale Bezüge, das viel beschworene Lokalkolorit des TATORTs: hier wird es großgeschrieben.

Die deutschen Fernsehzuschauer bekommen abseits von Reportagen über hohe Berge und die darin verlaufenden Eisenbahnstrecken selten Einblicke in die Eidgenossenschaft. Fiktionales aus der Schweiz gibt es nördlich des Rheins fast nie zu sehen. Von 1990 bis 2001 gab es schon einmal eine Schweiz-Ära beim TATORT; zwölf Fälle wurden damals für die Gemeinschaftsproduktion gedreht, dann verabschiedete sich das Schweizer Fernsehen wieder. Nun also ein Neuanfang, und wie es scheint, ein ernsthafter. Das fängt schon mit den Produktionsbedingungen an: ?Wunschdenken? wurde komplett in Schwyzerdütsch gedreht und für die Ausstrahlung in Deutschland hochdeutsch synchronisiert. Diesen Luxus leistete sich das Schweizer Fernsehen in den 90er Jahren nur für die ersten Folgen, danach wurde gleich hochdeutsch gedreht. Es wäre zu wünschen, dass Puste und Geld diesmal länger reichen. Die Schweizer Sprachfärbung blieb auch in der hochdeutschen Fassung angenehm erhalten. Noch konsequenter wäre sicherlich ein komplette Untertitelung der Folge unter Beibehaltung des Originaltons gewesen, was man dem deutschen Fernsehzuschauer sonntags abends zur Hauptsendezeit aber offenbar nicht zumuten kann.

Reto Flückiger (Stefan Gubser) befragt Privatdetektiv Wagner (Christof Gaugler), der den entführten Politiker observiert hatte. Leider ohne entscheidende Ergebnisse. © SWR / SF/ Thomi Studhalter

Mit dem Urlaub und dem geplanten Segelausflug wird es aber erstmal nichts: Flückiger wird zunächst zu einer Wasserleiche gerufen und bekommt es anschließend noch mit der Entführung eines hochrangigen Politikers zu tun. Zunächst erscheint kein Zusammenhang erkennbar, aber der geübte Krimizuschauer ahnt natürlich gleich, dass beide Fälle irgendwie zusammenhängen müssen. Ist Natalie Kreuzer, die Ehefrau des Entführten, mehr in den Fall verstrickt, als es den Anschein hat? Als dann auch noch eine Lösegeldübergabe am Luzerner Hauptbahnhof platzt und Natalie Kreuzer regelrecht zusammenbricht, sieht sich Flückiger vor dem Nichts: Es gibt keinen Anhaltspunkt, wer hinter der Entführung stecken könnte und wo Kreuzer gefangen gehalten wird.

Autor Nils-Morten Osburg fährt ein großes Figurenarsenal auf in dieser Premierenfolge. Neben Stefan Gubser als äußerst smartem Reto Flückiger, eine Art Luzerner George Clooney, erscheint gleich zu Beginn noch ein alter Bekannter: Andrea Zogg, der bereits Anfang der 90er als Ermittler Reto Carlucci in Bern ermitteln durfte, gibt hier den Chef der Kripo-Abteilung Leib und Leben. Ihnen zur Seite gestellt wird die Austauschpolizistin Abigail Lanning aus den USA, die von Sofia Milos in einer Mischung aus berechnender Coolness und amerikanischem Cop-Auftreten gespielt wird. Vom ersten Auftritt dieser Figur ist klar, dass es zwischen ihr und Flückiger, der ihr prompt Attraktivität bescheinigt, funken wird. Es soll nicht zuviel verraten werden, nur dies: Flückiger zählt zu den wenigen TATORT-Ermittlern, denen ein aktives Sexualleben zugebilligt werden.

Andere Figuren wirken dagegen ein wenig zu ambitioniert: Eine Mutter mehrerer Kinder, die freimütig eine geplante Adoption erwähnt, wird offensichtlich nur deshalb als Spusi-Mitarbeiterin eingeführt, um Flückigers soziale Ader und seine Qualitäten als Vorgesetzter beweisen zu wollen und so werden anstehende Personalentscheidungen schnell mal eben auf dem Polizeiflur getroffen. Auch die Rolle von Jean-Pierre Cornu als harscher Kripo-Chef Eugen Mattmann, der bald aus dem Dienst ausscheiden wird, erscheint nicht ganz klar. Hier wird die weitere Entwicklung der Luzern-Fälle hoffentlich für Klarheit sorgen.

Reto Flückiger (Stefan Gubser) erläutert das polizeiliche Vorgehen bei der Geldübergabe am Bahnhof von Luzern. © SWR/ SF/ Thomi Studhalter

Ansonsten ist unter der Regie von Serien-Routinier Markus Imboden aber ein gradliniger, spannender Film für alle Freunde des klassischen TV-Krimis entstanden: Auf infantilen Klamauk münsterscher Prägung wird ebenso verzichtet wie auf alle anderen Auswüchse, die dem Krimi in letzter Zeit entwachsen sind: ?Wunschdenken? ist kein Sozialdrama, kein Wirtschaftskrimi und kein Kammerspiel: Es ist ein schnörkelloser, dicht erzählter, nicht überfrachteter, kurz: ein richtig guter Krimi voller falscher Fährten zum Mitraten geworden. Den ganz großen Paukenschlag wie zuletzt in Frankfurt oder die Neuerfindung des TATORTs wie in Hamburg oder Wiesbaden haben die Produzenten offensichtlich nicht gewollt. Sie fangen bescheiden an, mit einem Krimi für Erwachsene im besten Sinne. Damit erreichen sie keinen Höhenflug, stürzen aber auch nicht ab. Alles andere kann ja noch kommen ? in der hoffentlich lange andauernden zweiten Ära des TATORTs aus der Schweiz.

Heinz Zimmermann


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