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Heute ist der: 23.10.2018. --> Bis heute wurden 1082 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Adele Neuhauser

Kommissarin an der Wand

Sie hat Kritiker und Zuschauer auf Anhieb schwer beeindruckt: Adele Neuhauser ist die Neue im ORF-TATORT. Im Interview spricht die Frau, die an der Seite von Harald Krassnitzer alias Moritz Eisner ermittelt, über eine großartige Rolle und das Leben an sich.

In ihrem ersten gemeinsam Fall müssen Bibi und Chefermittler Eisner gleich durch eine ganze Reihe persönlicher Fehden. Aber das wird schon noch ... - Bild von: rbb / ORF / Oliver Roth

Was für eine Rolle: Bibi Fellner ist eine hervorragende und einfühlsame Polizistin, aber die Härten des Lebens haben sich ihr auf die Seele gebrannt. Zum Alltag der Wiener Ermittlerin gehört der Absturz, der Suff. Die österreichische Vollblutschauspielerin Adele Neuhauser (52), die schon oft im TATORT mitmischte, aber eigentlich immer auf der anderen Seite des Gesetzes, bringt mit ihrer ungemein authentisch wirkenden Präsenz neuen Verve in den Ösi-TATORT. Sie meistert die anspruchsvolle Rolle mit Bravour, aber Glückwunsch auch den Machern vom ORF - die Neue ergänzt den Chefermittler Eisner kongenial, und das ungleiche Team hat sich im zweiten gemeinsamen Fall (TATORT Ausgelöscht, Sonntag, 29. Mai, 20.15 Uhr, ARD) schon ein Stückerl besser zusammengerauft. Wer weiß, was aus der Nummer noch alles werden kann. Im Interview macht sich eine herzerfrischend offene Adele Neuhauser auch darüber Gedanken ...

teleschau: Wie fühlt man sich als frischgebackene TATORT-Kommissarin?

Adele Neuhauser: Es ist toll. Eigenartigerweise fühlte es sich vom ersten Tag an sehr selbstverständlich an.

Weil die Chemie zwischen Ihnen und Harald Krassnitzer stimmt?

Genau! Es ist ein herzliches und kollegiales Miteinander, absolut homogen. Wir haben drei Folgen abgedreht, der vierte Film steht kurz bevor, und eines ist schon klar: Wir sind uns sehr vertraut und können großartig zusammen spielen. 

Dabei hat Kommissar Eisner Bibi anfangs angeblafft, er brauche einen Assistenten, kein Wrack!

Ja. Aber ich kann Ihnen sagen, es macht viel mehr Spaß, ein Wrack zu spielen! Und ich weiß, auch Harry hat große Freude an diesem Wrack ... Das ist ja das Schöne, wenn man so vertraut miteinander ist: Man kann viel gewagter sein, tiefer gehen, weil man weiß, man verletzt sich nie persönlich. Gerade das Humorvolle bekommt durch die Vertrautheit eine große Selbstverständlichkeit.

Bibi hat ein Alkoholproblem. Schon fragt die Presse: "Darf eine TATORT-Kommissarin trinken?" Darf sie?

Natürlich darf sie, sie ist doch ein Mensch - aber sie darf es nur in ihrem Privatleben. Mir ist bewusst, dass ich in dieser Rolle eine gewisse Verantwortung habe. Aber in einem Format wie dem TATORT, in dem ja erzählt wird, warum diese Frau trinkt und wie sehr sie dagegen ankämpft, finde ich es richtig und gut, dass wir keinen Bogen um so etwas machen. Ich will das nicht zu hoch hängen, aber ich denke, dass dadurch eine kleine erzieherische Komponente reinkommt.

Einen Ermittler mit derart gebrochenem Charakter hat man jedenfalls seit Schimanski nicht im TATORT gesehen ...

Und sehen Sie, genau so eine Rolle habe ich mir immer gewünscht! Am tollsten finde ich, dass es mal eine Frau ist, die trinkt und am Leben zu zerbrechen droht. Eine Frau zumal, die schon etwas älter ist. Das macht die Sache so besonders schmerzhaft.

"Eigenartigerweise fühlte es sich vom ersten Tag an sehr selbstverständlich an": Adele Neuhauser als Kommissarin Bibi Fellner. - Bild von: rbb / ORF / Ingo Pertramer

Weil eine Frau über 50 nicht mehr so viele Optionen hat?

Genau. Wenn sie ihr Leben und ihr Alkoholproblem jetzt nicht in den Griff kriegt, wenn sie jetzt nicht aus diesem Loch herauskommt, dann bleibt sie für immer drin. Diese Frau umweht eine Endzeitstimmung, sie steht an der Wand, und sie weiß es. Das bringt Situationen mit sich, die unverhältnismäßig sind. Man fragt sich immer wieder: Hält sie noch durch - oder war's das jetzt? Sie steckt tief im Burn-Out - sie ist alleine, hat in ihren Jahren bei der Sitte schlimme Dinge erlebt, ist mit negativen Erlebnissen aufgeladen. Und sie ist nicht stark genug, das alleine zu handeln.

Wie gut muss man als Schauspieler solche Situationen kennen, um das authentisch spielen zu können?

Eine berechtigte Frage, schwer zu beantworten. Ich sage mal, dass ich sehr aufmerksam bin, gut beobachten kann. Es ist schon dienlich, wenn man ähnliche, tief sitzende Erfahrungen in seinem Leben gemacht hat - zumindest in der Peripherie. Natürlich war ich nie bei der Sitte und habe auch kein schwerwiegendes Alkoholproblem! (lacht)

Bibi täte ein Mann an ihrer Seite gut ... Der Kommissar Eisner wäre ja frei!

Ja, warum eigentlich nicht? Potenzial als Paar hätten die beiden vielleicht. Aber sie haben eben auch ein Alter, in dem man nicht mehr übereinander herfällt, ohne sich zu fragen, wie es danach weitergeht.

Als ob das eine Frage des Alters wäre!

Doch. Das macht man vielleicht noch mit Mitte 20 oder 30, aber später ... (lacht) Also gut, das kann auch mit über 50 noch vorkommen. Vielleicht ist es ja keine Frage des Alters per se, sondern eher eine Frage von Gelassenheit. Und von Wissen.

Mit Ihren 52 Jahren leben auch Sie momentan alleine in Wien ...

Aber ich bin nicht ganz so angekratzt wie Bibi.

Lebt es sich also gut, allein in Wien?

Ein großes Ja - und dann ein kleines Nein (lacht). Natürlich sehne ich mich auch immer wieder nach Zweisamkeit, aber ich genieße es sehr, dass ich mein Leben so elegant leben darf, wie ich es im Moment tue.

Das Wort "autark" haben Sie jetzt bewusst vermieden!

(lacht) Ja, weil autark lebe ich ohnehin schon mein ganzes Leben!

Und was meinen Sie mit "elegant"?

Dieses klassische Wiener Großstadtleben: Durch die Stadt flanieren, ins Museum, ins Theater, ins Kaffeehaus gehen, die Zeitung lesen ... Aber ehrlich: So viel Freizeit habe ich auch wieder nicht (lacht). Bei mir geht's beruflich gerade drunter und drüber, aber ich beklage mich nicht!

Im TATORT sind Sie in einem kultigen Pontiac "Firebird" unterwegs. Womit cruisen Sie denn durch die Stadt?

Ich liebe Autofahren und gebe auch gern etwas Gas. Harry und ich haben ein bisschen mit dem Pontiac rumexperimentiert, das war sehr spannend. Er ist ein toller Fahrer und will mir demnächst beibringen, wie man ein Wendemanöver bei voller Fahrt macht mit Handbremse und so. Privat besitze ich einen Saab, Baujahr 2000, mit rund 180.000 Kilometern auf dem Tacho. Das beste Auto, das ich jemals hatte. Ich habe immer gebrauchte Wagen gehabt, bei denen ich nie ganz sicher war, ob ich wirklich an meinem Ziel ankomme.

Reizt Sie eigentlich nicht das Leben auf dem Land?

Natürlich. Ich liebe die Natur, bin draußen und in Bewegung, wann immer es geht - das brauche ich. Ich lebte auch schon viele Jahre auf dem Land - mit meinem Mann und meinem Sohn (studiert in Graz Jazzgitarre, d. Red.) in Bayern. Aber Land, das ist eher etwas für Familie - vielleicht kommt das ja irgendwann wieder.

Warum zog es Sie nach der Trennung von Ihrem Mann eigentlich nach Wien? Was mögen Sie so an der Stadt?

Alles (lacht), Wien ist wunderschön! Ich bin einfach sehr froh, dass Wien jetzt für mich eine freundliche Stadt ist.

Jetzt?

Als ich mit Anfang 20 wegging, war sie das nicht. Wien war eine verbiesterte Stadt in meiner Jugend. Grau und bellend und hart - wobei das ja nicht an der Stadt lag, sondern natürlich an meiner Lebenssituation, in der ich die große Wärme und Freundlichkeit einfach noch nicht spüren konnte.

Aus welchem Grund?

Mir ging es mit mir selbst nicht so gut, und ich verband das direkt mit der Stadt. Aber irgendwie waren damals alle Städte grauer und überaltert, nicht?

Sie sprachen schon mehrmals über Ihre damalige Todessehnsucht.

Ja. Meine Stimmung war sehr verbittert in dieser Zeit. Eine schwierige Phase. Irgendwann merkte ich, dass es das Beste ist, wegzugehen. Ich hatte damals überhaupt nicht an Karriere gedacht, wollte nur raus und spielen, spielen, spielen ... Ich ging nach Deutschland, wo ich letztlich zwei Drittel meines Lebens verbrachte. Ich arbeitete mich von Münster runter in den Süden, bis ich in Regensburg gelandet bin. Dort spielte ich den Mephisto, eine meiner einschneidendsten Rollen. Aber es zog mich immer wieder nach Österreich, nach Wien, zurück - auch weil meine Eltern hier leben.

Adele Neuhauser bringt ihre ganze Bühnenklasse in die neue TATORT-Rolle ein. Auch das Singen gehört im neuen Fall "Ausgelöscht" zu ihrem Job. - Bild von: rbb / ORF / Ingo Pertramer

Immer wieder hört man von Schauspielern, dass es in Deutschland und Österreich große Unterschiede im Umgang mit ihrem Berufsstand gibt.

Da ist was dran. In Österreich, speziell hier in Wien, wird ein Schauspieler mehr für seine Kunst geliebt, die Person steht nicht so im Vordergrund wie in Deutschland. Oder anders: Wenn man sich in Österreich einmal in die Herzen gespielt hat, dann bleibt man da auch. Man ist hier einfach respektvoller vor der Arbeit des Künstlers - was generell das Arbeiten besonders angenehm macht: sehr entspannt und locker.

Rührt der besondere Charme austriakischer Filme genau daher?

Wahrscheinlich. Es gibt einfach einen etwas anderen Umgang, auch mit dem Thema Film.

Taten Sie sich anfangs mit der Entscheidung für die Fernseh-Institution TATORT schwer?

Überhaupt nicht!

Der Reiz der großen Marke?

Nein, es war so: Erst Krassnitzer, dann TATORT (lacht). Man fragte mich: "Frau Neuhauser, können Sie sich vorstellen, mit Harald Krassnitzer ..." Und da hab' ich mir schon gedacht: Ja, das kann ich (lacht)! Als ich dann TATORT hörte, kam noch ein großes "Wow" dazu.

Sie waren jahrelang fast ausschließlich auf den großen Theaterbühnen zu Hause. In Film und Fernsehen sieht man Sie in regelmäßiger Form erst seit wenigen Jahren. Trafen Sie eine Entweder-oder-Entscheidung?

Ja, fürs Erste war es das. Den Wunsch, mehr vor der Kamera zu stehen, hatte ich schon immer. Aber die Bühne hat mich aufgefressen, so viel Zeit und Energie von mir verlangt, dass es sich fast nie ausging, noch Filme machen zu können. Der größte Einschnitt war nach meinen Engagement in Regensburg ein Gespräch mit der Casterin Risa Kes, die mir eine Rolle in Rainer Kaufmanns Film "Die Kirschenkönigin" anbot. Sie sagte: "Wenn du das jetzt nicht machst, ist dir nicht mehr zu helfen!" Damit war mein Durchstarten beim Film besiegelt und das Theater erst einmal Vergangenheit ...

Sie hatten vor einigen Jahren Probleme mit den Stimmbändern, mussten 2008 sogar operiert werden.

Oh ja, das war extrem. Ich bin sehr, sehr froh, dass ich diese Operation gemacht habe. Aber die Probleme waren nicht der Grund, warum ich mich für Film und Fernsehen entschied. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sich meine Mittel erschöpft haben, dass ich mich wiederhole. Ich musste mich verändern.

Inzwischen standen Sie aber auch wieder auf der Bühne.

Ja. In dem Satirestück "Unschuldsvermutung" am Wiener Rabenhof Theater spielte ich den ehemaligen österreichischen Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Mephisto, Finanzminister, Kommissarin - Sie sehen, auf mich kommen die interessantesten Aufgaben zu ...

Das Interview führte Frank Rauscher - Teleschau-Mediendienst


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