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Heute ist der: 22.09.2019. --> Bis heute wurden 1116 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT: Der illegale Tod

Nordafrika liegt näher, als man denkt

In Bremen geht eine mysteriöse Rächerin um: Was sie in die deutsche Hafenstadt gebracht hat, ist eine Tragödie auf hoher See - zwischen Malta und Nordafrika. Der neue "Tatort" ist sicher einer der besten Krimis dieses Jahres!

Unterschiedlicher Führungsstil: Inga Lürsen muss sich mit einer neuen Vorgesetzten arrangieren - ihrer Tochter Helen. Bild von: Radio Bremen / Jörg Landsberg

Eigentlich ist ja die Darstellung von zu viel Privatleben der Kommissare eine zu Recht viel beklagte "Tatort"-Unsitte. Doch diesmal möchte man Hauptkommissarin Inga Lürsen, die knurrig-streng wie nie durch ein Netz an Fallstricken stolziert, am liebsten um den Hals fallen. Ihrer karriereorientierten Film-Tochter Helen, die mittlerweile zu ihrer Vorgesetzten befördert wurde, blafft sie einmal ziemlich direkt an: "Euch ist einfach die Fähigkeit zur Empörung abhandengekommen", schimpft Lürsen aufgebracht über die rückgratlose jüngere Generation. Und tatsächlich, eine brisante Gefühlsmischung aus Empörung, Wut und Scham löst der neue Radio-Bremen-"Tatort: Der illegale Tod" aus. Das mutige Aufrührstück (Buch: Christian Jeltsch, Regie: Oscar-Preisträger Florian Baxmeyer), das durch das neue Flüchtlingselend in Nordafrika unerwartete Aktualität bekommen hat, wird am Jahresende sicher zu den besten Krimis der Saison 2011 zählen.

Wie bei gefährlichen Wirbelwinden, die erst nach und nach ihre mitreißende Sogwirkung entfalten, benötigt auch dieser neue Bremer Fall eine kurze sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, bevor Tragisches von Weltbedeutung über die Hafenstadt hereinbricht. Kommissar Stedefreund und sein alter Kumpel Peer haben sich für einen wüsten Männerabend zusammengefunden, der mit "feucht-fröhlich" noch zurückhaltend beschrieben wäre. Schon bald fließt Blut - aber nur, weil die beiden Kindsköpfe unbedingt nach Winnetou-Shatterhand-Manier ihre Blutsbrüderschaft erneuern wollen und deshalb auf der Herren-Toilette zum Taschenmesser greifen. Woran sich der Gesetzeshüter am nächsten Tag nur noch düster erinnern kann, ist die Begegnung mit einer verführerisch schönen Schwarzen: Wie zwei Gockel buhlen die Zecher um ein Lächeln (und mehr) von Amali Agbedra (beeindruckend: Florence Kasumba).

Fatale Zechtour: Kommissar Stedefreund und sein Kumpel, der Wasserschutzpolizist Peer lernen in einer Kneipe die mysteriöse Schöne Amali Agbedra kennen. Bild von: Radio Bremen / Jörg Landsberg

Als Stedefreund am nächsten Morgen mit den unvermeidlichen Kopfschmerzen auf dem Sofa erwacht, sind Peer und die Schöne verschwunden - und von dem jungen Freund blieb nur ein riesiger Blutfleck zurück. In Panik alarmiert der Kommissar seine Chefin, Hauptkommissarin Inga Lürsen. Die abgebrühten Scherze der Spurensicherungsteams ("Für Schnapsleichen bin ich aber nicht zuständig") bleiben den Ermittlern bald im Hals stecken: Alles deutet auf ein Verbrechen hin. Doch wohin wurde Peer verschleppt? Und warum?

Auch beim offensichtlich schwer traumatisierten Wasserschutzpolizisten Klaus Kastner (starke Leistung: Daniel Lommatzsch), der eben erst von einem EU-Grenzsicherungseinsatz im Mittelmeer zurückgekehrt ist, löst die Nachricht von der mysteriösen schwarzen Frau Entsetzen aus. Anders als sein zynischer Kollege Robert und seine Vorgesetzte Elena kann der psychisch labile junge Mann die Ereignisse im internationalen Gewässer vor Malta nicht verdrängen: Aufgabe des Bootes "Weser 3" war es damals, für die Grenzschutz-Agentur Frontex sicherzustellen, dass keine Flüchtlinge an den EU-Küsten anlanden. Als "Outsourcing der Verantwortung", brandmarkt Kommissarin Lürsen das Zwischenschalten der real existierenden, real undurchsichtigen Frontex-Truppe später. "Ich könnte kotzen", schimpft sie. "Frontex - das klingt wie Insektenvernichtung."

Erst nach und nach verfestigt sich beim Zuschauen die düstere Vorahnung, was wirklich an Bord der "Weser 3" geschah - und warum an einem tunesischen Strand 14 Tote angespült wurden und 54 Elendsflüchtlinge als vermisst gelten. Ebenso deutlich wird nach und nach, was die Ereignisse in der Libyschen See mit dem nur oberflächlich geruhsamen Alltag in Bremen zu tun haben könnten. Nordafrika liegt eben doch näher als man denkt, auch wenn Deutschland nur auf Mallorca ans Mittelmeer grenzt, wie Lürsen flapsig scherzt.

Wasserschutzpolizistin Elena Jansonerhofft sich Hilfe vom Rupert Farr, der die europäische Grenzschutzagentur leitet. Bild von: Radio Bremen / Jörg Landsberg

Als Regisseur Florian Baxmeyer, der 2003 für seinen Hochschul-Abschlussfilm "Die rote Jacke" in Los Angeles den sogenannten "Studenten-Oscar" erhielt und der zuvor schon zwei Bremer "Tatorte" vorgelegt hatte, im Frühherbst vergangenen Jahres die Dreharbeiten aufnahm, konnte man die dramatische Zuspitzung der Libyen- und Tunesien-Krise nicht vorausahnen. Die Leistung seines Films, der auf einem sehr vielschichtigen, nie platt über das gut gemeinte Anliegen hinausschießenden Drehbuch beruht, ist es, sich von den üblichen Krimi-Konventionen etwas fernzuhalten. Aufgerollt wird die Story vom Flüchtlingselend der Verzweifelten wie ein Beziehungsdrama, dennoch mischen sich Elemente von Rachetragödie und Verrats-Intrige in das Spiel.

Baxmeyer sagt, dass es in einem guten "Tatort" um mehr gehen sollte als nur um die Aufklärung eines Mordes. Mit diesem Film ist ihm das gelungen: Wegschauen und Verdrängen geht nach diesem EU-Krimi nicht mehr. Echte Empörung wäre die angeratene Reaktion. Inga Lürsen hat einfach recht.

Rupert Sommer - Teleschau-Mediendienst


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