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Heute ist der: 26.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT: Eine bessere Welt

Keine Zeit mehr für Salambo

War da was? Diese Frage könnte man sich am Ende dieses Großstadt-TATORTs stellen, in dem Joachim Król als Hauptkommissar Frank Steier und Nina Kunzendorf als seine taffe, sehr taffe Kollegin Conny Mey in einem winterlich-nebligen Frankfurt ihren Einstand geben. Welcher Fall wurde eigentlich in den vergangenen 90 Minuten gelöst? Jedenfalls nicht der Salambo-Fall....

Ein ungleiches Paar mit Potenzial für die Zukunft: Nina Kunzendorf und Joachim Król als Frankfurter Ermittlerduo Mey und Steier. Bild: HR / Johannes Krieg

Man hört sie schon von weitem. Den Schritten nach erwartete Frank Steier ein Pferd, was sich da auf dem Flur des Polizeipräsidiums nähert. Stattdessen betritt jedoch seine Kollegin Conny Mey sein Büro und bittet um Hilfe beim Gespräch mit Sven Döring, der einen Mord melden möchte; den Mord an seinem Sohn Stefan, begangen vor einem Jahr von Mariam Sert. Im Laufe des Gespräches stellt sich jedoch heraus, dass Döring die selben Vorwürfe schon vor einem Jahr erhob, dass Mariam Sert den schwer verletzten Stefan Döring nur nachts auf der Straße fand und der Fall anschließend zu den Akten gelegt wurde. Döring wird immer ungehaltener und droht offen mit Rache, was Steier als Quatsch abtut und Döring schließlich etwas unsanft hinauskomplimentiert. Fall erledigt, Feierabend.

Nur Conny Mey lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Sie vermutet mehr hinter dem späten Besuch von Döring. Sie wird versuchen, dies ihrem Kollegen klarzumachen und sich dabei zu einer fulminanten Nervensäge mausern. Wann gab es schon einmal solch einen Typ TATORT-Kommissarin: Extrem lässig, cool, taff, sexy, derb und immer für einen schmutzigen Witz zu haben ? diese Conny ist ?ne Wucht, strotzt vor Selbstbewusstsein und scheint an beiden Enden gleichzeitig zu brennen.

Nina Kunzendorf verleiht ihr eine solch explosive Mischung aus körperbetonter Weiblichkeit und knallharter Beharrlichkeit, dass Kollegen und befragte Zeugen regelmäßig stumm mit offenem Mund völlig perplex in Büros und Herrenumkleiden zurückbleiben. Dazu kommen eine recht aufreizende und grelle Kleidungswahl, der schon erwähnte energische Schritt und ein leicht süffisanter Tonfall. Ein wirklich faszinierender Charaktertyp, der anders als die Kollegin Saalfeld in Leipzig eben nicht nur aufgebrezelt und anders als die Kollegin Odenthal in Ludwigshafen eben nicht nur aktionsbetont daherkommt, sondern viele Facetten gleichzeitig in sich vereint.

Joachim Król als Frank Steier wirkt dagegen fast etwas verloren und blass neben dieser Kraftmaschine. Steier wird in seiner ersten Szene fast ein wenig zu spleenig eingeführt, was später aber glücklicherweise kaum fortgeführt wird. Viel erfährt man sowieso nicht von dem kleinen Beamten im Anzug: Dass er weder Familie und kaum Feunde, dafür aber ein Riesenbüro und offensichtlich einige Freiheiten bei der Kripo hat. Nur ein paar Mal bricht er aus seiner etwas starr wirkenden Gefasstheit: Wenn er die junge Kollegin anblafft, die ihm manches Mal für seinen Geschmack gar zu forsch an den Fall heranzugehen scheint. Privates wird kaum angeschnitten, fast eine Wohltat verglichen mit den ständigen Eskapaden in die Privatspähre anderer Ermittler.

Auch sind weder Steier noch Mey zufällig schon vorab in den Fall involviert, was mittlerweile am TATORT auch recht angenehm ist. Etwas unklar bleibt auch die anfängliche kollegiale Beziehung beider Kommissare, die sich kaum zu kennen scheinen, obwohl sie im selben Dezernat und schließlich, nach anfänglichen Schwierigkeiten miteinander, sogar eingermaßen vernünftig am selben Fall arbeiten.

Aber welcher Fall eigentlich? Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume, gerade erst mit dem deutschen Filmpreis für sein faszinierendes Endzeitdrama ?Die letzten Tage? ausgezeichnet und als Meister der Darstellung des realistischen Polizeialltags in der Serie ?KDD ? Kriminaldauerdienst? vielgelobt, entwickelt hier im Grunde einen Fall, der gar keiner ist. ?Wir sind hier die Mordkommission und nicht die Mordverhinderungskommission?, belehrt Steier seine Kollegin einmal, aber genau darum wird es in der Folge gehen: Einen Mord zu verhindern. Aus dieser Ausgangslage entwickelt sich ein hochspannender und dichtgestrickter Thriller, in dem protokollartig die Ereignisse der nächsten Tage gezeigt werden. Armin Alkers Kamera liefert dazu wunderbar melancholisch-dunstige Frankfurt-Bilder aus Bankenviertel und Neubausiedlung, immer mit viel Schnee.

Der HR wollte diese TATORT-Folge eigentlich erst im kommenden Winter zeigen, trotzdem hat die ARD gut daran getan, diesen Fall als Jubiläumsfall zu ihrem 800. TATORT auszuwählen. Ein sehr ungewöhnlicher TATORT zwar, aber darauf ist der HR nach dem Murot-Fall vom letzten Herbst mit Ulrich Tukur anscheinend spezialisiert. Wenn der HR nur noch ein paar dieser qualitativ Maßstäbe setzenden Filme für die TATORT-Reihe hervorbringt, waren die Verpflichtungen Krols und Tukurs echte Glücksgriffe.

Wobei der eigentliche Glücksgriff Nina Kunzendorf ist: Glücklichwerweise hat ihre Conny Mey entgegen anders lautenden Ratschlägen ihres Kollegen weder ein Nagelstudio eröffnet noch sich mit Typberatung selbständig gemacht. Diese Kommissarin hat Suchtpotential.

Heinz Zimmermann


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