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Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT: Edel sei der Mensch und gesund

Männertee und Aspirin

In seinem 30. Fall bekommt der TATORT-Kommissar Till Ritter einen Einblick in das deutsche Gesundheitswesen, in Hausarztbudgets, Medikamentenpreise, Quartalsabrechnungen und die Regelbehandlungsdauer von Kassenpatienten. Zwei Morde, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, beschäftigen die Ermittler in einem winterlichen Berlin - Felix Stark schnieft dazu.

© rbb/GORDON. Ritter und Stark erkundigen sich bei Dr. Schmuckler nach Olaf Mühlhaus' Krankheitsverlauf.

Olaf Mühlhaus fährt zum Arzt. Der Alltag des Rentners besteht im Grunde nur noch aus dem Fernsehprogramm und kleinen Spaziergängen, da kann so ein Arztbesuch schon einen kleinen Höhepunkt darstellen. Olaf Mühlhaus ist chronisch krank; er benötigt regelmäßig seine Medikamente. Er wendet sich wie immer an seinen alten Freund und Hausarzt Dr. Gerhard Schmuckler, der diesmal aber von der jungen Ärztin Antje Berger vertreten wird. Wenig später ist Olaf Mühlhaus tot. Die Kommissare Ritter und Stark erfahren bald, dass Mühlhaus wegen falscher Medikation sterben musste. Wer hat Olaf Mühlhaus falsch behandelt?

An Verdächtigen mangelt es nicht in der sich nun langsam, manchmal allzu langsam entspinnenden Mödersuche . Schon bald kommt eine weitere Leiche hinzu und zunächst ist ? auch für den Zuschauer ? die Verbindung beider Fälle völlig unklar. Irgendwie scheinen hier alle verdächtig, und irgendwie hängen hier alle Figuren miteinander zusammen. Dass sich daraus ein Kammerspiel entwickelt, muss nichts schlechtes heißen, hat doch der RBB zuletzt mit Hitchcock und Frau Wernicke bewiesen, dass das sehr gut funktionieren und sogar sehr spannend werden kann. Die Spannung blieb diesmal irgendwo auf der Fahrt zum Arzt verloren, es bleibt bei einer auch für Herzkranke angenehm gediegenen Mördersuche.

© rbb/GORDON. Eine Hausarztpraxis voller Verdächtiger: Die beiden Ärzte und die Arzthelferinnen bei einer Besprechung.

Die eigentlich spannende Frage bei diesem TATORT dreht sich dann auch gar nicht mehr so sehr um das Wer, sondern mehr um das Warum. Und dabei zeigt der TATORT die Kehrseite bundesdeutscher Gesundheitspolitik. Acht Minuten Zeit hat Dr. Schmuckler für jeden Patienten und einer alten Dame kann er das Linderung versprechende Medikament in diesem Quartal nicht mehr verordnen, weil sein Budget erschöpft ist. Und wer dabei nicht verzweifelt, tut dies spätestens beim Schicksal der kleinen Sophia, die an Mukoviszidose leidet und deren Mutter vor den gleichen Problemen steht.

Nun ist es immer leicht, im Fernsehen mit Kinderschicksalen zu punkten. Hier hält sich der TATORT angenehm zurück, vieles wird nur angedeutet. Aber auch sonst bleibt dies ein Film der leisen Töne, in dem es sehr schöne Berlin-Bilder, einige raffinierte Kamerafahrten und eine ansonsten ganz elegant-unaufgeregte Regie von Florian Froschmayer gibt. Aber irgendwann tappt die Handlung auf der Stelle, da können auch die guten Darsteller nichts mehr retten. Das Kammerspielartige kommt auch in den Dialogen ? vor allem am Anfang des Filmes ? zum Ausdruck, die allesamt seltsam bühnenhaft daherkommen.

Aber - und das muss man hoch anrechnen: Der TATORT wirft mit der aktuellen Gesundheitspolitik als Folie moralisch äußerst schwer zu bewertende Fragen auf. Er stellt die alte Adorno-Frage nach dem richtigen Leben im Falschen und zeigt auf, welche fatalen Konsequenzen vermeintlich edle Taten nach sich ziehen können. In der sich für die einzelnen Akteure daraus resultierenden Tragik wird dieser Film von kaum einer anderen TATORT-Folge jüngeren Datums übertroffen.

© rbb/GORDON. Dramatischer Rettungseinsatz bei der kleinen Sophia.

Und die Ermittler? Gewinnt man dem emotionalen Reifeprozess, den gerade Till Ritter nach seinen buddyhaften Anfängen mit Robert Hellmann mehr und mehr an Felix Starks Seite durchlebt, auch grundsätzlich Sympathie ab, so freut man sich hier dann doch darüber, dass er mal wieder in seiner Paraderolle als scheiternder Frauenheld zu sehen ist. Felix Stark hat für derlei Probleme allerdings kein Verständnis, ihn plagen ganz andere Sorgen: Kränkelnd Aspirin einnehmend, vom pubertierenden Sohn ignoriert und unwillig, sich zur Partnersuche ins Berliner Nachtleben zu stürzen, schnieft er die ganze Zeit neben seinem Kompagnon her und kann dabei kaum eigene Akzente setzen.

Ein TATORT, wie geschaffen dafür, ein wenig verschnupft und mit drohendem Kopfschmerz auf der Wohnzimmercouch unter einer wärmenden Decke einen entspannt-intelligenten Fernsehabend zu genießen. Offen bleiben am Ende nur zwei Fragen: Was genau ist eigentlich Männertee? Und kann der RBB die Abfolge grandioser Folgentitel (nach dem Hattrick aus dem bereits erwähnten Hitchcock und Frau Wernicke, dem Nachfolger Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen und dem aktuellen Edel sei der Mensch und gesund) adäquat weiterführen?

Heinz Zimmermann


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