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Heute ist der: 24.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

TATORT: Im Netz der Lügen

Der ultimative Kick

Kriminalpsychologie, Internet-Gefahr, Fehlbarkeit der Justiz, Rache eines zu Unrecht Verurteilten - es steckt viel drin im neuen Bodensee-"Tatort". Doch mitunter wird's des Guten zu viel.

Bild von: SWR / Stephanie Schweigert Prof. Lorenz (Marek Erhardt) ist Fachmann für mimische Micro-Expressions und hält in Konstanz eine Fortbildung.

Ein Blick sagt mehr als Worte. Und zeig mir die Stellung deiner Mundwinkel, und ich sage dir, was du fühlst: Asymmetrisch heißt Verachtung, horizontal angespannt, bedeutet Angst. Eifersucht erkennt man schon an der Augenringmuskulatur. Erstaunlich, was Kriminalpsychologen heute alles so sehen. Im neuen Bodensee-TATORT Im Netz der Lügen spielt ein Blick in die Welt der sogenannten mimischen Micro-Expressions eine gewisse Rolle. Hochinteressant - doch irgendwie beruhigend, dass die Unterstützung von Professor Lorenz den Ermittlern Klara Blum und Kai Perlmann am Ende nicht entscheidend weiterhilft- weil es zum Glück immer noch auf den gesunden Menschenverstand ankommt.

Die Mimik von Heike Göttler verrät viel, aber eben längst nicht alles. Die von Karin Giegerich bemerkenswert intensiv verkörperte Richterin ist die zentrale Figur in einem recht spannenden TV-Krimi, der, fast ist man versucht zu sagen, typisch TATORT, nur ein bisschen übers Ziel hinausschießt.

Bild von: SWR / Peter Hollenbach Heike Göttler (Karin Giegerich) wurde beim Joggen überfallen und wehrte sich - nun ist ihr Angreifer tot. Klara Blum (Eva Mattes) und Perlmann (Sebastian Bezzel) nehmen die Ermittlungen auf.

Vielversprechend geht es los, mit einem Fall, wie man ihn so noch nicht gesehen hat. Die sportive Juristin wird beim Joggen am frühen Morgen von einem Fremden überfallen, doch bevor er dazukommt, sie zu vergewaltigen, schlägt sie mit ihren Trainings-Gewichtsmanschetten zu. Jetzt kauert sie cool im Kies und lässt die Befragungen gefasst über sich ergehen. Klarer Fall von Notwehr?

Nicht so ganz womöglich, denn bald stellt sich heraus, dass der Tote, ein bis dato nicht aktenkundiger Familienvater, am Tatort ein Date hatte: Auf einem anonymen SM-Forum im Internet hat er sich mit einer Joggerin namens "Justine" verabredet - zum "Rape-Play": einem Vergewaltigungsrollenspiel. Musste der Mann, der glaubte, im Wald auf eine unterwürfige Sexsklavin zu treffen, sterben, weil er in eine Falle gelockt wurde oder einfach an die Falsche geriet? War Heike Göttler nur zufällig da, klassischer Fall von falscher Zeit und falscher Ort, oder steckt sie selbst hinter dem Online-Fake - immerhin lautet ihr Spitzname an ihrem Arbeitsplatz: "Justine".

Die Ermittler nehmen die Richterin ins Visier - und beißen auf Granit, denn die alleinstehende Heike Göttler scheint in jeder Hinsicht eine starke Frau zu sein. Und eine knallharte Richterin, die vor allem bei Vergewaltigern keine Gnade kennt. Dann kommt der Kriminalpsycho-Guru Professor Lorenz ins Spiel. Er erkennt in ihrem Gesicht bei der Zeugenbefragung mehr Verachtung und Überraschung als Angst. Heike Göttler kommt ihm nicht vor wie das erschreckte Opfer eines Vergewaltigers. Doch ist sie deswegen schon die Täterin? Klara Blum und Perlmann wühlen sich durch die alten Fälle der Richterin und stoßen auf Ernst Heck - einen von ihr einst verurteilten Vergewaltiger, der Freiheit, Frau und Kind verlor ... War es ein Fehlurteil?

Bild von: SWR / Stephanie Schweigert Tötete Heike Göttler (Karin Giegerich) ihren Angreifer wirklich in Notwehr? Heike muss erfahren, dass auch der Gerichtspräsident (Stephan Schwartz) daran seine Zweifel hat.

So weit so spannend, die Regie von Patrick Winczewski, nach einem Drehbuch von Dorothee Schön treibt das Geschehen stringent voran, ohne allzu durchsichtig und eindimensional zu werden. Ganz gutes Krimi-Niveau mit einer wirklich eindrucksvollen Episodenhauptrolle und einem mal erstaunlich unprovinziell wirkenden Konstanz-Setting.

Doch warum dann wieder unterschwellig, aber ziemlich aufdringlich der Zeigefinger erhoben werden muss, um vor der gefährlichen Anonymität des Internets zu warnen, wissen nur die Götter in den TATORT-Redaktionsstuben. Nicht so sehr, dass wir Ähnliches unlängst in Leipzig gesehen haben und es langsam langweilig wird, stört hier. Schlimmer ist, wie hier eine absurde Randerscheinung, ein irrsinnig gefährliches Spiel einiger durchgeknallter Sex-Junkies auf der Suche nach dem "ultimativen Kick" zum Stellvertreter für die Gefahren von Chat und Online-Dating stilisiert wird. Denn, mit Verlaub, dass jemand, der sich online mit völlig fremden Menschen auf ein anonymes Vergewaltigungsrollenspiel einlässt ("totale Unterwerfung", "keine Gnade", schreibt ein Chatter), mit seinem Leben spielt und nicht ganz bei Verstand sein kann, braucht einem kein Krimi zu erzählen. Nicht das Internet ist das Problem, es sind die Menschen, die sich darin tummeln. Und um einige macht man eben, wie in der realen Welt auch, besser einen weiten Bogen.

Frank Rauscher - Teleschau-Mediendienst


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