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Heimatfront

Krieg im Kopf

Die Künstlerin Viktoria Schneider wird während einer Performance, die sich kritisch mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan auseinandersetzt, erschossen. Der Verdacht fällt auf vier traumatisierte Soldaten, die vom Afghanistan-Einsatz zurückgekehrt sind.

Der Tatort Heimatfront erzählt die Geschichte von vier Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehren und Probleme haben, nach dem Erlebten in ihr früheres Leben zurück zu finden. Darsteller (v.l.n.r.) Friedrich Mücke, Ludwig Trepte, Martin Kiefer und Constantin von Jascheroff. © SR/ Manuela Meyer

Da der Schuss aus weiter Entfernung abgegeben wurde, ist für die Kommissare Kappl und Deiniger schnell klar, dass nur ein geübter Schütze als Täter in Frage kommt. Der Verdacht fällt auf die traumatisierten Soldaten Philipp Weitershagen, Ingo Böcking, Lars Lerouxund Hendrik Milbrandt. Viktoria Schneider hatte Videomitschnitte aus den Therapiesitzungen der Soldaten für ihre Performance verwendet. Somit hat jeder der Vier ein Motiv, doch die Kameraden geben sich gegenseitig Alibis.

Mit Heimatfront zeigt die ARD den sechsten TATORT des saarländischen Ermittlerduos Franz Kappl und Stefan Deininger. Erstmalig Regie in einem Langfilm führte in dieser TATORT-Episode OSCAR-Gewinner Jochen A. Freydank, der 2009 für seinen Kurzfilm "Spielzeugland" mit dem Academy Award ausgezeichnet wurde.

Stefan Deininger (Gregor Weber, links), Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Rhea Singh (Lale Yavas, rechts) am Tatort. © SR/ Manuela Meyer

Fragen eines denkenden Zuschauers

Die Tatsache, dass Deutschland sich wieder an Kriegen beteiligt, ist für Freydank ein wichtiges Thema, das seines Erachtens in einem Format wie dem TATORT aufgegriffen werden muss. Stellung beziehen für oder gegen diesen Einsatz möchte der Regisseur aber mit seinem filmischen Beitrag zur gesellschaftspolitischen Debatte nicht. Vielmehr geht es ihm darum, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, mit denen sich die oftmals noch sehr jungen Soldaten, die sich für einen Afghanistan-Einsatz entscheiden, auseinanderzusetzen haben und Fragen, denen sich auch unsere Gesellschaft stellen muss - eine Gesellschaft, die Soldaten in Kriegsgebiete schickt.

Was haben die jungen Männer vom Krieg in Afghanistan erwartet? Wie haben sie sich das Leben nach ihrem Einsatz vorgestellt? Was wurde ihnen in Aussicht gestellt? Dass in der Heimat alles so weitergehen kann wie zuvor? Dass sie als Helden gefeiert werden? Anerkennung bekommen? Dafür, dass sie die "Freiheit ihres Landes am Hindukusch verteidigt" haben?

Franz Kappl (Maximilian Brückner, rechts) und Stefan Deininger (Gregor Weber, links) nehmen einen Verdächtigen (Martin Kiefer) fest. © SR/ Manuela Meyer

Das Trauma danach

In der Realität, die dieser TATORT zeigt, haben die schwer gezeichneten und traumatisierten Soldaten große Schwierigkeiten in ihr ziviles Leben zurückzufinden: Ingo Böcking leidet unter einem Tremor. Er wohnt bei seiner besorgten Mutter und spielt meist "Ballerspiele" am PC. Den ihm angebotenen Job als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma kann er nicht ernstnehmen. Hendrik Milbrandt neigt seit seiner Rückkehr aus dem Kriegsgebiet zu Aggressionen und Wutausbrüchen - seine Frau und seine Kinder haben ihn längst verlassen. Lars Leroux wird von seiner Frau und durch seinen Sohn zu einem gemeinsamen Neuanfang als Caféhausbesitzer  ermutigt. Seine Therapie nimmt er sehr ernst. Doch weder seine körperlichen Wunden noch seine seelischen Verletzungen kann er einfach so hinter sich lassen.

Oberfeldwebel Philipp Weitershagen schliesslich führte die Gruppe in Afghanistan an. Er fühlt sich für seine Kameraden verantwortlich und leidet unter Schuldkomplexen. Einmal im Monat initiiert er nun ein Treffen, bei dem er das alte Gefühl der Soldatenromantik wieder aufleben lässt und sich davon überzeugt, dass "niemand aus dem Ruder läuft". Mit dem zivilen Leben kann er nichts mehr anfangen. Trotz seiner verständnisvollen Partnerin, die ein Baby erwartet ist er sich sicher: "Ich kann nur Krieg".

Stefan Deininger (Gregor Weber, links) und Franz Kappl (Maximilian Brückner) sind sich nicht einig. © SR/ Manuela Meyer

Eindringliche und ernsthafte Auseinandersetzung

Dass die Geschichte - mit einer kleinen Ausnahme, welche die Ermittler auf die Spur eines Friedensaktivisten führt - ganz bei den Soldaten bleibt, ist eine der größten Stärken dieser Episode. Um einen Eindruck von den traumatischen Erlebnissen der jungen Männer zu vermitteln, zeigt der Regisseur die Videomitschnitte aus den Therapiesitzungen und verzichtet bewusst und völlig zu Recht auf nachgestellte Kriegshandlungen.

Selbst die Kommissare treten in Heimatfront hinter den Schicksalen der Hauptfiguren dieses Tatort-Beitrags zurück. So reicht die Zeit und der Plot eines
90-Minüters für eine sehr eindringliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit einem wichtigen Thema bundesrepublikanischer Wirklichkeit.

Zuschauer, die bereit sind zu Gunsten eines wichtigen gesellschaftspolitischen Themas auf ein klassisches Krimischema zu verzichten, werden Heimatfront als großen Beitrag einer kleinen ARD-Sendeanstalt sehen.

Katharina Gamer


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