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Heute ist der: 11.12.2018. --> Bis heute wurden 1087 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview mit Regisseur Jochen A. Freydank

"So ein Gänsehaut-Ende ist sehr wichtig"

Der Regisseur Jochen A. Freydank über seinen ersten TATORT "Heimatfront", den die ARD am kommenden Sonntag ausstrahlt.

Regisseur Jochen Freydank (li) und SR-Redakteur Christian Bauer (re) am Set von Heimatfront Bild: SR / Manuela Meyer

Herr Freydank, mit diesem TATORT haben Sie ihr Langfilm-Debüt gegeben. Wie kam es dazu?

Der Kontakt kam über Gregor Weber, der bei meinem Kurzfilm "Spielzeugland" mitgespielt hat und mit dem ich inzwischen gut befreundet bin. Er hat mich auch mit der TATORT-Redaktion zusammengebracht. Wir haben schon vor der Oscar-Auszeichnung von "Spielzeugland" beschlossen, dass ich den nächsten TATORT machen werde. Zumal es das neue Profil des saarländischen TATORT ist, nicht immer die üblichen Verdächtigen drehen zu lassen, sondern auch mal andere Regisseure, mit eigener Bildsprache, einzubringen. Das passte dann ganz gut, auch weil die Redaktion meine Filme, die ich vorher gemacht habe, mochte.

Bei Ihrem Oscar-Kurzflm "Spielzeugland" hatten Sie 5, beim TATORT dagegen 21 Drehtage. Welche großen Unterschiede gibt es in der Vorbereitung bzw. beim Dreh selbst?

Diese fünf Drehtage waren ehrlich gesagt wirklich an der Grenze des nicht Machbaren. 21 Drehtge sind auch nicht übermäßig viel, aber das ist eine normale Zeit, die man für einen 90-Minuten Film braucht. Ich habe es eigentlich genossen über einen längeren Zeitraum eine Geschichte erzählen zu können und man konnte einfach flexibler agieren. Ich habe das doch eher als Luxus gesehen.

Wann haben Sie begonnen, den TATORT zu entwickeln -  wie verlief für Sie dieser Prozess, bis endlich gedreht werden konnte?

Die Leiche aus Heimatfront wird gefunden. Bild: SR / Manuela Meyer

Ein dreiviertel Jahr vorher gab es schon Gespräche und es sind auch drei Autoren am Ende beteiligt gewesen. Dann gab es auch ein paar Umwege, die man manchmal gehen muss. Ich war am Ende sehr zufrieden mit dem Buch, was ich hatte und der Geschichte, da ist auch sehr viel von mir drin. Ich war auch froh, einmal nicht der Autor sein zu müssen, sondern wirklich nur der Regisseur. Sonst musste ich meine eigenen Sachen selbst verfilmen und produzieren. "Nur" der Regisseur zu sein, ist schon schön.

Waren Sie dann im Vorfeld und während der Dreharbeiten nervös?

Komischerweise gar nicht. Ich habe auch sehr ruhig geschlafen während des Drehs, obwohl einige Szenen ans Eingemachte gehen, sowohl für die Schauspieler, als auch für mich beim Inszenieren. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich schon viel Zeit meines Lebens in verschiedenen Positionen am Set verbracht habe. Eigentlich war das die Freude, wo man sagt, okay, jetzt kann man mal was machen, jetzt sitzt man selbst am Drücker und kann etwa acht Millionen Zuschauer unterhalten.

Der Krimi handelt von vier Bundeswehrsoldaten, die kürzlich aus Afghanistan zurückgekehrt sind. Was hat Ihnen an dem Thema zugesagt?

Ich finde den Fakt "Krieg", die Tatsache, dass sich Deutschland auch wieder an Kriegen beteiligt ein sehr wichtiges Thema. Ich glaube, es ist einfach etwas, dass man auch in so einem Format wie TATORT bedienen muss und kann. Wie gehts den Leuten, die aus dem Krieg wieder nach Hause kommen? Wie kommen die hier wieder ins normale Leben? Man sollte sich wirklich dreimal überlegen, ob man da runter geht oder nicht. 

Welchen Standpunkt nimmt der Film ein - und wie stehen Sie selbst zu diesem Thema?

Ich finde der Film sollte in erster Linie Fragen stellen und nicht irgendwie versuchen, Antworten zu geben. Ich kann nur sagen, dass meine persönliche Meinung ist, dass ich es sehr schwierig finde, dass sich Deutschland an Kriegen beteiligt, wo keine Ziele definiert sind, also wo man gleichzeitig Terrorismus bekämpfen will, andere Länder mit den Vorteilen unserer Demokratie beglücken will, ohne vorher mit denen zu reden, ob sie das auch so haben wollen. Das halte ich für sehr schwierig. Ich bin jetzt kein Pazifist in dem Sinne, sehe diesen ganzen Einsatz in Afghanistan aber mit ganz großer Skepsis.

Vom "Spielzeugland" zum TATORT: Jochen Alexander Freydank (am Set mit Hauptdarsteller Maximilian Brückner, rechts). Bild: SR / Manuela Meyer

Während der Dreharbeiten erreichten uns die Nachrichten, dass sieben Soldaten bei zwei Anschlägen im Kundus ums Leben gekommen sind. Hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Es ist schon ein ungutes Gefühl, wenn man direkt bei der Arbeit, bei der man sehr in dem Thema drin ist und man im Vorfeld mit Soldaten gesprochen hat, von so etwas erfährt. Gerade im Saarland spielt das eine ganz große Rolle, weil - soweit ich weiß-  die meisten Toten von der Bundeswehr aus der Saarland-Brigade kommen. Insofern war das für uns schon eine Sache, wo man sagt, oh warte, es ist verdammt real, wir sind im Krieg. Egal wie man es formuliert, kriegsähnlich oder so: Fakt bleibt, dass dort Krieg herrscht, dazu muss man sich verhalten.

Mir war bei bei dem Film wichtig zu zeigen, wie jung die Jungs sind, die da nach Afghanistan gehen. Dass man nicht die filmüblichen muskelbepackten Mittdreißiger besetzt, sondern ich habe wirklich bewusst auf sehr junge Schauspieler zurückgegriffen. Ich bin froh, dass wir mit guten Schsuspielern drehen konnten, die Anfang 20 sind. Es wird ja viel gejammert: "Nein, es gibt keine guten jungen Schauspieler in Deutschland". Das ist einfach nicht richtig. Ich würde mit den fünf sofort wieder drehen, es war wirklich eine intensive, tolle Zusammenarbeit. 

Im Film sind einige Videosequenzen von Traumatherapiesitzungen zu sehen, in denen geschildert wird, was die Soldaten im Kriegsgebiet erlebt haben. Wie nah sind diese an der Realität?

Ich habe mit Soldaten und Psychologen gesprochen, weil es in dem Bereich oft so ist, dass wenn man fünf Fragen stellt und man sechs unterschiedliche Antworten bekommt. Ich habe recherchiert, wie solche Therapiesitzungen funktionieren, mich intensiv damit beschäftigt. Entscheidend war für mich letztendlich: was geht in den Köpfen der Soldaten vor. Ich bin auch nicht in die Falle getappt, dort irgendwie Afghanistan für Arme nachstellen zu wollen und irgendwelche lustigen Schießereien in Steinbrüchen gelb einzufärben und dann zu sagen, wir machen jetzt mal Afghanistan.

Ich will einfach sehen, was passiert mit den Menschen und wie sich diese Traumata auf deren Leben auswirken. Ein paar Monate nachdem wir abgedreht hatten, hat die Bundeswehr übrigens ein Traumazentrum eröffnet. Das zeigt sicher auch, wie brisant und wichtig dieses Thema ist.

Noch am Tatort untersucht Rhea Singh (Lale Yavas, links) in Heimatfront die Leiche. SR / Manuela Meyer

Das Ende hat mich doch etwas sprachlos zurückgelassen. Dem ein oder anderen Zuschauer wird das sicherlich auch so gehen. Vielleicht werden einige sagen, das Finale sei zu dick aufgetragen. Was sagen Sie dazu?

Das ist schon ein großes Finale. Es ist im Film der Moment, wo der Krieg im Prinzip wieder nach Hause kommt. In vielen Krimis gibt es Showdowns in Indrustriebrachen, in diesem Fall wollte ich unbedingt nach draußen mit den Protagonisten. Dahin, wo sie als Soldaten sich auskennen. Die beiden, die es betrifft, die wollen wieder ausbrechen, die wollen dahin, wo die Spielregeln, die sie  in Afghanistan gelernt haben, wieder  funktionieren. Dieser Showdown soll schon sprachlos machen und was mir wichtig im Film ist, sind Emotionen. So ein Gänsehaut-Ende gehört für mich zu diesem Film. Der Mut zur Emotion funktioniert.

Wurden Sie in irgendeiner Form von der Bundeswehr unterstützt?

Die Bundeswehr hat damals schriftlich abgesagt, also den Film wollten sie so nicht unterstützen, was für uns dann mehr Arbeit wurde und höhere Kosten verursacht hat. Am Ende können wir sagen, wir haben den TATORT so gemacht, wie wir dazu stehen und ich finde es auch wichtig, nicht als verlängerter Arm der Presseabteilung der Bundeswehr zu fungieren. Ein paar Reservisten und ein paar Fahrzeuge hat man uns dann doch noch überlassen.

Wird es in Zukunft einen zweiten TATORT unter der Regie von Jochen Alexander Freydank geben?

Ich hoffe mal. Es gibt schon ein, zwei Gespräche. Ich bin für alles offen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Rene Ploß

 



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