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Heute ist der: 19.11.2018. --> Bis heute wurden 1085 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Borowski und der vierte Mann

Ein Konsens-TATORT

Eine verschneite Winterlandschaft, ein vermummelter Mann in Grün mit seinem Hund im Wald, Hund schlägt an, ah ja: wir wissen Bescheid. Die Leiche wird gefunden. Sozusagen die Standarderöffnung im TATORT. Dass dieser letzte Beitrag der Reihe im Jahr allerdings alles andere als Standard ist, zeigt sich im nächsten Moment. Doch keine Leiche, nur ein Schuh. In einer illegalen Schlagfalle. Halt, doch nicht: Ein Schuh mit einem Fuß darin. Säuberlich abgesäbelt, merkwürdig unecht wirkend, ein bizarrer Anblick, zwischen eklig und absurd komisch changierend. Und in genau diesem Spannungsfeld richtet sich diesmal auch der ganze ?Borowski? ein.

Borowski (Axel Milberg) jagt einen Serienmörder: den vierten Mann. © NDR/ Marion von der Mehden,

Hat ein militanter Tierschützer hier Gleiches mit Gleichem vergelten wollen? Dem ein oder anderen etwas älteren Zuschauer mag angesichts dessen die legendäre Folge ?Fühlt wie du? aus der österreichischen Anarcho-Krimi-Klamauk-Reihe ?Kottan ermittelt? einfallen, und als später bei einem Gerber ein zweites Körperteil auftaucht, diesmal eine Hand, fühlt man sich erst recht daran erinnert. Nun ist Kiel nicht Wien und Borowski nicht Kottan, sodass ausgeschlossen werden kann, dass wir später noch einen Angler an einem überdimensionalen Haken baumeln sehen werden oder dass sich als Täter am Ende Kingkong herausstellt.

Etwas realistischer hat man es schon gern am TATORT, obwohl, wie sich schnell zeigt, das Umfeld der Morde mindestens seltsam ist: Borowski dringt vor in die Welt der Reichen und Schönen, der erfolgreichen Finanzmakler und Börsenhändler, die sich zur Entspannung gelegentlich auf einem abgelegenen Landhaus treffen, um ihrem Hobby, der Jagd, nachzugehen. Weil sie aber keine stinknormalen Leute sind und Geld keine Rolle spielt, wollen sie auch keine stinknormalen Jäger sein ? sondern lassen sich exotische Tiere importieren, die sie dann in den Wäldern der schleswig-holsteinischen Pampa aussetzen, um sie anschließend tierschutzwidrig, aber mit Thrill-Faktor mittels archaischer Waffen abzuballern. Darauf muss man auch erst mal kommen. So staunt Borowski nicht schlecht, als er erst der lasziv-souveränen Hausherrin gegenübersteht und in ihrem Schuppen kurz darauf einem ausgewachsenen Braunbären.

Borowski (Axel Milberg, rechts) und der Gerichtsmediziner Dr. Stormann (Samuel Finzi) fragen sich, wer so etwas getan haben könnte. © NDR/ Marion von der Mehden

Zum Jahresabschluss gönnt uns der TATORT noch einmal ein Schmankerl und zeigt den grummeligen Kieler Kommissar Borowski in Hochform, in einem morbid-bizarren, gut konstruierten und sogar einigermaßen spannenden Film (mit für geübte Zuschauer allerdings bald ahnbarem Verlauf), der hervorragend in die winterliche Stimmung passt, die der weiße Dezember wie zur Vorbereitung in den letzten Wochen bereitet hat. Eine ruhige, aber keineswegs langweilige Krimigroteske, die lustvoll mit Ekeleffekten ebenso spielt (hat eigentlich schon mal jemand auf den großartigen Kieler Gerichtsmediziner hingewiesen, dessen Freude am Fleisch ebenso überzeugend wie unappetitlich ist?), wie sie die gelangweilte, wohlhabende Gesellschaft vorführt, ohne sich vor Klischees zu fürchten. Dass dabei die eigentliche Krimihandlung durchaus noch plausibel daherkommt und solide ermittelt wird, dürfte dafür sorgen, dass größere Teile der verschiedenen Zuschauerströmungen der Gemeinde hier auf ihre Kosten kommen. Ein Konsens-TATORT also, ohne deswegen langweilig zu sein.

Borowski (Axel Milberg) befragt die verdächtigen Zeugen Alex (Michael Rotschopf, Mitte) und den zwielichtigen Gunther (Tonio Arango, rechts). © NDR/ Marion von der Mehden,

Vor allem aber feiert der Film auf unaufdringliche Weise seinen Hauptdarsteller. Es macht einfach Freude zuzuschauen, wie Borowski durch die unterschiedlichen Welten dieses surrealen Settings tappst, wie er mit seiner knurrigen Unnahbarkeit durch kammerspielartige Szenen im Agatha-Christie-Stil ebenso streicht wie durch blutige Baracken mit abgeschnittenen Gliedmaßen und ausgestopften Tieren.

Und noch einen Gefallen erfüllt dieser TATORT den Zuschauern: Er spinnt die übergreifende Geschichte der komplizierten Beziehung zwischen Borowski und der inzwischen entschwundenen Polizeipsychologin Frieda Jung konsequent weiter. Denn Frau Jung schwebt über der gesamten Handlung wie selten zuvor, und wenn Borowski am Ende ratlos in ihrem frisch renovierten, leergeräumten ehemaligen Büro steht und noch einen Schal von ihr findet, ist das eine kleine zarte Geste, wie um zu beweisen, dass auch dieser Brummbär ein Herz hat ? und in gewisser Weise ähnlich im Käfig steckt wie sein bepelzter Kollege noch kurz zuvor.

Borowski (Axel Milberg) kommt zu spät, der Mörder hat ein neues Opfer gefunden. © NDR/ Marion von der Mehden

Einen schöneren Jahresabschluss könnte man sich kaum wünschen für ein TATORT-Jahr 2010, das zwar seine Ausfälle hatte und recht viele Folgen präsentierte, an denen sich die Gemüter erhitzten, das aber vor allem eines gezeigt hat: Im vierzigsten Jahr ihres Bestehens ist die Reihe kraftvoller denn je, hat ihr Spektrum noch einmal in unterschiedliche Richtungen erweitert, ist immer noch für Überraschungen und Paukenschläge gut und aber eben auch für feine, kleine Schmuckstücke wie diesen ruhigen, morbiden und unterschwellig ironischen Film zum Weihnachtsbraten, der ja auch letztlich aus abgeschnittenen Körperteilen besteht. Wohl bekomm es.

P.S.: Ach, falls Sie es nicht mitbekommen haben sollten, so etwas wird ja leicht mal totgeschwiegen: Die Vorlage zum Drehbuch hat übrigens dieser eine bekannte Schriftsteller da aus diesem skandinavischen Land geschrieben, dieser ... na, Sie wissen schon. Der eben.

Heiko Werning


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