Zur Startseite tatort-fundus.de
Heute ist der: 22.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Nie wieder frei sein

"Eine äußerst lohnende Herausforderung"

Dinah Marte Golch erhielt für ihr Drehbuch zum TATORT "Nie wieder frei sein" 2011 den Grimme-Preis und den Deutschen FernsehKrimiPreis. Im Interview berichtet sie dem Tatort-Fundus über die Entstehung des Drehbuchs, ihre Zufriedenheit mit dem Film sowie über ihren ersten Roman, der im September erscheint.

Dinah Marte Golch, Drehbuchautorin bei bisher 3 TATORT-Folgen. Bild: Florian Froschmayer

Ihr TATORT "Nie wieder frei sein" wurde mehrfach ausgezeichnet, die Kritik ist sich einig und auch die TATORT-Fans haben ihn zum besten aller TATORTe gewählt. Wie gehen Sie mit so viel Lob um?

Natürlich bin ich begeistert und berührt, dass sich so viele Menschen von meiner Geschichte haben bewegen lassen. Und es zeigt mir einmal mehr, wie wichtig es ist, meinen Ideen und dem, was ich wirklich erzählen will, treu zu bleiben.

Wer kam auf die Idee, so einen Stoff zu verfilmen, der erst zu dem Zeitpunkt beginnt, wo die Ermittler eigentlich längst schon den nächsten Fall bearbeiten. Was war Ihr Anliegen?

Es war meine Idee. Ich wollte mit der Regel brechen, dass die Welt im Krimi wieder in Ordnung ist, wenn der Täter gefasst wurde, denn so funktioniert das Leben nun mal nicht. Ich habe dort mit dem Erzählen angefangen, wo ein normaler Krimi schon aufgehört hat, um so den Fokus vom üblichen ?Fallaufklären? noch mehr auf alle Betroffenen zu verschieben. Ich wollte zeigen, was ein Verbrechen mit den Angehörigen macht und auf welche unterschiedlichen Weisen diese versuchen, irgendwie Frieden zu finden. Dadurch dass relativ klar ist, wer der Täter ist, aber durch Polizei und Justiz keine gefühlte Gerechtigkeit hergestellt werden kann, war es mir möglich, die Probleme meiner Figuren besonders zu beleuchten.

Haben Sie den TATORT von Beginn an für Batic und Leitmayr konzipiert? Warum?

Ja, als ich die Geschichte das erste Mal auf zehn Seiten Gestalt annehmen ließ, war sie gleich bei den Münchener Kommissaren angesiedelt. Zum einen gehört dieser Tatort zu meinen persönlich favorisierten, und zum anderen bin ich selbst gebürtige Münchenerin. Es stellte sich einfach nicht die Frage, für wen ich sonst dieses Drehbuch, das mir sehr am Herzen lag, schreiben wollen würde. Außerdem glänzte der BR-Tatort mit einer besonderen Redakteurin, Silvia Koller, die leider eine Woche vor Ausstrahlung des Films gestorben ist. Sie hatte einfach Mut und Händchen für Drehbücher, die den normalen Krimi verlassen.

Auf dem Revier verhören die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr den Verdächtigen Markus Rapp. Bild: BR/Hagen Keller

Das war ja auch Ihr erster TATORT. War das Drehbuch eine besondere Herausforderung für Sie, wenn ja: warum?

Ich hatte zwar schon ein paar Filme in Spielfilmlänge geschrieben, aber der TATORT galt und gilt als das Vorzeigeformat im Deutschen Fernsehen schlechthin. Ich war erst Anfang dreißig und wollte für eine Kult-Reihe schreiben, die es schon länger auf dieser Welt gibt als mich, das war anfangs schon eine Herausforderung. Eine äußerst lohnende, wie sich gezeigt hat.

Hat sich Ihre Geschichte beim Schreiben noch (stark) verändert?

Nein. Die Grundgeschichte ist von Anfang an die gleiche geblieben. Das ein oder andere hat sich natürlich im Laufe der Entwicklung verändert, kam hinzu, fiel weg. Aber es gab schon im ersten Papier alle Figuren und meine ?Vision? des Films ist vom Exposé bis zur Drehfassung zum Glück nie verloren gegangen.

Was mögen Sie an dem fertigen Film besonders, was beispielsweise nicht?

Ich bin wirklich glücklich, dass Christian Zübert mit seiner Regie genau die Stimmung eingefangen hat, die mir beim Schreiben vorschwebte. Man kann die Ausweglosigkeit der Situation und die Ohnmacht der Figuren förmlich greifen, weil keiner etwas falsch gemacht hat ? mal abgesehen vom Täter. Ich finde alle Schauspieler durch die Bank großartig. Es gab nur zwei Kleinigkeiten, die ich anders gemacht hätte, aber beides ist nicht der Rede wert angesichts der gelungenen Verfilmung ? so etwas sagen zu können ist für einen Autoren ein Fest!

TATORT "Macht und Ohnmacht": Das unbefangene Wiedersehen mit seinen früheren Kollegen, den Münchner Hauptkommissaren Ivo Batic und Franz Leitmayr, ist herzlich, aber kurz. Bild: BR/Hagen Keller

Plaudern Sie doch mal aus dem Nähkästchen - dürfen wir auf weitere TATORTe von Ihnen hoffen?

Mein letzter TATORT lief an Ostern ("Macht und Ohnmacht", Anm. d. Red.). Unbedingt möchte ich weiter für die Reihe schreiben. Es ist einfach ein Format im Deutschen Fernsehen, in dem man als AutorIn eine Plattform für besondere Geschichten haben kann. Ich habe viele Anfragen für verschiedene TATORT-Teams. Im Moment bin ich aber sehr beschäftigt damit, meinen zweiten Roman zu schreiben.

Am 10. September erscheint ihr Krimi "Wo die Angst ist? - Sie haben ein ungleiches Ermittlerpaar konzipiert, das in Potsdam ermittelt. Worum geht's in diesem Krimi?

?Wo die Angst ist? ist der erste Teil meiner Krimi-Reihe um eine unkonventionelle und unbequeme Psychologin und einen nicht ganz regelkonformen Ermittler. Beide überschreiten in ihrer Arbeit Grenzen. Sie provokant, aber moralisch gerechtfertigt. Er nicht immer juristisch sauber, aber erfolgreich. Sie glaubt an Wiedergutmachung, er an Strafe. Sie setzt auf Veränderung, er auf Knast. Ausgerechnet die beiden müssen zusammenarbeiten und kommen sich in dem Fall um einen Mordanschlag auf einen türkischen Abiturienten heftig in die Quere. Der einzige Zeuge des Anschlags muss um das Leben seiner Familie fürchten, und der verzweifelter Vater des Opfers vergisst seine eigene Moral für das, was er als Gerechtigkeit empfindet. Ich liebe es einfach, Figuren, in denen wir uns spiegeln können, in ein schweres Dilemma zu bringen. Sie mit ihren unterschiedlichen Haltungen aufeinanderprallen zu lassen, ohne dass man als Leser oder Zuschauer gleich genau sagen könnte, was richtig und was falsch ist und wie man sich selbst eigentlich in so einer Situation verhalten würde.

Ebenfalls von Golch: der Berliner Fall "Edel sei der Mensch und gesund". Bild: RBB/Gordon

Worin unterscheidet sich das Drehbuchschreiben und das Schreiben eines Krimiromans?

Es sind zwei unterschiedliche Handwerke. Film ist ein visuelles Medium, ich schreibe nur das, was man später im Film sehen kann. Der Zuschauer muss die Menschen dadurch einordnen, wie sie sich verhalten. Beim Roman kann ich in die Köpfe meiner Figuren steigen, die Spielmöglichkeiten sind also größer. Figuren können etwas sagen, sich aber ganz anders verhalten und zugleich nochmal etwas völlig Konträres denken.
An einem Drehbuch reden Produzenten, Dramaturgen, Regisseure und Redakteure mit. Das kann gut für die Geschichte sein - oder auch schlecht. Bei meinem Roman hat niemand mitgeredet und dadurch war es eine besonders intensive Erfahrung. Ich habe es geliebt, auch die Atmosphäre zu beschreiben, mit Handlungsorten zu spielen, was beim Film die Aufgabe von Regisseur und Kameramann ist. Beim Roman haben sozusagen alle meine fünf Sinne mitgeschrieben. Aber irgendein kreativer, sechster Sinn ist beim Schreiben sowieso immer dabei, egal ob Roman oder Drehbuch. Und wenn mich meine Geschichte packt und ich meine Figuren liebe, sind beide Arten des Geschichtenerzählens ein großes Abenteuer.

Wäre "Wo die Angst ist" für Sie ein geeigneter TATORT-Stoff, also fürs Fernsehen? Wenn ja, warum und für welches (bestehendes) Team am ehesten geeignet?

Die Verfilmung des ersten Romans ist in Planung und natürlich möchte ich das Drehbuch zum Roman selbst schreiben. Bislang gibt es zehn Firmen, die sich um die Filmrechte bewerben und es liegen verschiedene Ideen für die Umsetzung vor. Da noch keine endgültige Entscheidung gefallen ist, möchte ich mich noch etwas bedeckt halten. Aber so viel kann ich sagen: als ich den Roman schrieb, dachte ich mir, dass ich - sollte ich beim Prosaschreiben steckenbleiben - aus der Geschichte einen tollen TATORT machen kann, der mindestens so gut wird wie ?Nie wieder frei sein?. Für welches meiner Lieblingsteams bleibt aber mein Geheimnis.

Weitere Informationen zum Roman ?Wo die Angst ist? auf www.dinah-marte-golch.de

Die Fragen stellte Francois Werner im August 2013


BITTE SPENDEN SIE!

Bitte unterstützen Sie das private Hobbyprojekt tatort-fundus.de! Wir freuen uns über jede Unterstützung und Anerkennung. Mit dem Geld werden primär die laufenden Kosten des Server- Betriebs beglichen! Vielen Dank für Ihre Unterstützung!


TV-TERMINE
Alle anstehenden TV-Wiederholungen finden Sie übersichtlich gelistet

© tatort-fundus 1997 - 2018
Der Tatort-Fundus ist eine Webseite für Tatort-Fans

Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung der Texte, BIlder und Daten nur mit Genehmigung des tatort-fundus

Sitemap | Impressum | Disclaimer |  Diskussionsforum RanglisteUnsere Datenschutzerklärung 

Alle inhaltlichen Fragen richten Sie bitte an frage(at)tatort-media.de 
Bei technischen Problemen bitte Nachricht an webmaster(at)tatort-media.de
Diese Website nutzt das Content-Management-System TYPO3