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Heute ist der: 21.08.2019. --> Bis heute wurden 1114 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Interview

Ein Kommissar am Abgrund des Lebens

Geboren ist er in Viernheim, später ging er einige Jahre in Großkrotzenburg zur Schule, wo sein Vater ein Kraftwerk aufbaute. Kennen muss man diese Orte nicht, aber in Hessen liegen sie - was Ulrich Tukur nun neben dem unbestrittenen Können zum neuen hessischen TATORT-Kommissar qualifiziert. Umgekehrt war es da schon schwieriger, den 53-jährigen Exzentriker für den Part des LKA-Beamten Felix Murot zu interessieren - was die Verantwortlichen des HR allerdings auf elegante Art lösten: Der neue Kommissar in der TATORT-Familie durfte sich selbst einen Ermittler ausdenken, was nun zu einem ungeheuer kreativen und fesselnden Highlight in 40 Jahren TATORT führte.

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und Magda Wächter (Barbara Philipp). © HR/ Johannes Krieg

Wie haben Sie reagiert, als der Hessische Rundfunk Sie als TATORT-Kommissar haben wollte?

Tukur: Erst mal habe ich "nein" gesagt.

Warum?

Tukur: Weil es jeder macht. Kommissarrollen sind inflationär im deutschen Fernsehen. Man verbrennt in diesem Segment ganz schnell. Im Gegensatz dazu sind Mörder meist die interessanteren Rollen. Ich habe immerhin dreimal sehr schöne Mörder und Verbrecher im TATORT gespielt.

Warum haben Sie dann doch eingewilligt?

Tukur: Ich bin ordentlich bearbeitet worden. Mit dem Hessischen Rundfunk hatte ich schon ein paar Fernsehspiele gedreht und fand die Damen und Herren ungewöhnlich mutig, unkonventionell und umtriebig. Kleinere Häuser im ARD-Verbund wagen mitunter etwas mehr. Ich habe schließlich gesagt: 'Wenn dieser TATORT, diese Rolle wirklich anders ist - dann bin ich bereit.'

Sie haben die Figur mit entwickelt. Es war Ihre Idee, einen Kommissar mit Gehirntumor zu spielen. Wie kommt man auf so etwas?

Tukur: Ich wollte, dass der Protagonist, in unserem Fall ein LKA-Beamter, mindestens so interessant sein sollte wie der zu lösende Fall. Das erreicht man, wenn man die Figur an den Abgrund des Lebens stellt. 'Er hat eine potenziell tödliche Erkrankung', dachte ich mir. Nach der dritten Flasche Wein kamen wir dann auf den Gehirntumor. Ich will das gar nicht veralbern. Ich nehme es sehr ernst und weiß, dass nicht wenige Menschen unter dieser entsetzlichen Krankheit leiden. Ich wollte eine Figur entwickeln, die trotz dieser Bedrohung weitermacht - mit Selbstironie und Stil. Und in Würde. Natürlich ist es ein herbstlicher, melancholischer Film geworden - aber er ist glücklicherweise nicht teutonisch schwer.

Über den Tumor hinaus wirkt der ganze Film stellenweise, als hätten sie selbst Regie geführt: Das melancholisch Nostalgische, die düster-romantischen Herbstbilder, sogar die Musik entführt uns in eine Zeit vor 60, 70 Jahren. Haben Sie da überall mitgeredet?

Tukur: Ich weiß schon, dass das innerhalb der TATORT-Reihe trotz der komischen Elemente ein vergleichsweise düsterer Film geworden ist. Aber ich war mit Regisseur Achim von Borries schnell auf einer Linie, wir wollten beide dasselbe. Die historische Musik habe ich beigesteuert. Man hört das Tanzorchester Willi Stech in Aufnahmen von 1944 - als Deutschland unterging und Europa in Flammen stand. Es gibt dem Film eine sehr eigene, abgründige Note. Insgesamt hatte ich viel Einfluss auf die Figur und den Film, das ist richtig.

Wie viel hat der auf dem Vulkan tanzende Kommissar mit Ihnen selbst zu tun?

Tukur: Viel, sehr viel. Die Rolle entspricht meinem Lebensgefühl. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe das Leben. Dennoch hatte ich im letzten Jahr sehr viel mit dem Tod zu tun. Vier meiner besten Freunde sind gestorben. Ich selbst stehe zwar noch im zweiten Glied, das heißt: Meine Eltern leben noch. Aber sie sind mittlerweile zwischen 80 und 90 Jahre alt. Ich spüre, wie schnell die Jahre dahingehen. Wenn man so viel arbeitet wie ich, fliegen sie noch schneller.

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur), im Hintergrund Alfred Thönnies (Martin Brambach). © HR/ Johannes Krieg

Ziehen Sie aus dem Vorbeischießen der Jahre eine Konsequenz für Ihr Leben - über jenes melancholische Grundgefühl hinaus?

Tukur: Ich halte manchmal an und überlege mir, worum es eigentlich geht. Geht es immer nur darum, im Licht zu stehen, Geld und Erfolg zu haben? Darum, mitzumachen, schnell zu laufen und sich den Applaus abzuholen? Das empfundene Glück - es sind immer nur kurze Momente. Und die Jahre hauen ab. Ich kann jetzt keine schlaue Schlussfolgerung präsentieren, aber ich beschäftige mich oft mit solchen Gedanken ...

Gehört zu diesem Gefühl, dass Ihr Kommissar ein wenig wie ein Untoter, ohne soziale Anbindung, im Raum schwebt? Es kommt - bis auf eine Sekretärin - kein soziales Umfeld vor. Keine Kumpels, keine Familie. Nur ein toter Vater, der Pfarrer war ...

Tukur: Murot ist ver-rückt. Er lebt in einer seltsamen, unwirklichen Parallelwelt - in die man, glaube ich, leicht hineingerät, wenn man vom Arzt eine solch fatale Diagnose erhält. Der Film ist auch gar nicht in einer bestimmten Zeit zu verorten. Der LKA-Mann Murot hat etwas von einer Figur der Nouvelle Vague. Seine Sekretärin sieht aus, als säße sie in einem Büro der 40-er Jahre. Er fährt einen Ro 80 - ein Auto, das gar kein Auto ist, eher eine elegante Idee, die in der Wirklichkeit nie funktionierte.

Wie würden Sie den Charakter Ihres Kommissars beschreiben?

Tukur: Er hadert mit seiner Vergangenheit, er leidet unter der Erinnerung an einen ungerechten Vater, der zu viel erwartete. Er ist jemand, der sich mit vielem schwer tat. Auch mit der Liebe. Dennoch einer, der Träume hatte. Er wollte Künstler, Pianist werden - aber dazu hatte es nicht gereicht. Jetzt findet er sich in einem ungeliebten Beruf wieder. Als Alleinstehender, als Suchender. Er fahndet nach Kriminellen, aber auch nach seiner Mitte.

Eine sympathische Figur?

Tukur: Eine liebenswerte Figur auf jeden Fall. Jemand, der weitermacht, obwohl er verloren ist. Der zu einer Würde findet, die das Leben in seiner Zerbrechlichkeit versteht und achtet. Der die Anderen respektiert - und auch lachen kann.

Das melancholische Gefühl des Aus-der-Zeit-Gefallenseins setzt sich mit dem Schauplatz des Verbrechens fort. Der Edersee in Nordhessen wirkt wie ein vergessenes Ausflugsziel aus dem Deutschland der 50-er Jahre ...

Tukur: Sie haben Recht, ein morbider Ort ist das. Ein See, der kein See ist. Sein Wasser ist abgelaufen. Man blickt durch Wolken und Nebelfelder auf ihn hinab und weiß sich in einer außereuropäischen Landschaft - das hat schon etwas Seltsames. Bei unserem TATORT sind wir einige Male an der Grenze dessen, was man dem Publikum um 20.15 Uhr heutzutage noch zumuten darf. Ich bin gespannt, wie es darauf reagieren wird.

Beim TATORT genießt man meist eine Art Markenschutz. Selbst sperrige, schwierige Themen und Filme werden vom Publikum akzeptiert.

Tukur: Man kann beim TATORT auch unangenehme Dinge verhandeln, das stimmt. Und was könnte unangenehmer sein, als sich mit dem Tod auseinanderzusetzen? Nicht mit dem Tod eines Opfers, das man als Krimiseher routiniert und ohne Aufregung zur Kenntnis nimmt, sondern mit dem möglichen Tod der Hauptfigur, des Kommissars. Um nebenbei auch an seine eigene Sterblichkeit erinnert zu werden.

Werden Sie der Figur erst einmal treu bleiben?

Tukur: Wir drehen einen zweiten Fall, im März und April 2011. Bei diesem Film werden wir die Schraube noch enger anziehen. Das wird eine vollkommen überraschende Besetzung, auf die ich mich jetzt schon freue - ich darf leider nichts sagen - und auch ein Regisseur, den niemand erwartet. Der zweite Fall wird extremer, wobei ich mir schon im Klaren darüber bin, dass es immer auch darum geht, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Wenn Sie sagen, es wird extremer - in welche Richtung soll sich Ihr TATORT entwickeln?

LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). © HR/ Johannes Krieg

Tukur: Er wird grotesker werden. Vielleicht auch unterhaltsamer. Ich bleibe bei meiner Figur, aber weiß auch, dass wir Murots Zusammenbrüche nicht inflationieren dürfen - das würde irgendwann anstrengend für die Zuschauer. Trotzdem kann man innerhalb der Wahrnehmungsverschiebungen, die durch die Krankheit ausgelöst werden, Dinge zeigen, welche die sogenannte Realität nicht hergibt. Wir werden versuchen, eine Tür aufzureißen. Ein Tür in eine fantastische Welt.

Sie werden also nach diesem zweiten Fall weitermachen?

Tukur: Ich entscheide von Fall zu Fall. Dieser erste Film war für mich eine Art Pilot. Da wollte ich sehen, ob das, was mich interessiert, überhaupt möglich ist. Ich glaube, es hat geklappt. Die Figur funktioniert, denke ich. Vielleicht trägt das ein paar Jahre. Nun müssen wir das Ganze weiterentwickeln. Ich will allerdings, dass es etwas Besonderes bleibt - deshalb wird Herr Murot nur einmal im Jahr auftauchen.

Haben Sie Einfluss auf die Wahl der Regisseure und Schauspieler?

Tukur: Ich habe einen Einfluss, weil man mit den Redakteuren auf Augenhöhe kommunizieren kann, was sehr ungewöhnlich ist. Aber so ein Privileg nutzt man nicht schamlos aus. Den Regisseur Achim von Borries kannte ich vorher nicht, er wurde mir vorgestellt. Er war eine sehr gute Wahl. Martina Gedeck wollten wir alle gerne haben für die Rolle. Sie ist sehr geheimnisvoll und schön im Film. Sie ist einfach eine großartige Schauspielerin, ohne jemals glatt zu sein.

Der Fall, ohne jetzt zu viel verraten zu wollen, greift Fragen und Legenden rund um das RAF-Attentat auf Buback 1977 auf. Die RAF in einem surrealen TATORT unterzubringen, ist auch eine Leistung ...

Tukur: Diese beiden Welten, die des todkranken Kommissars und der RAF - sie liegen gar nicht so weit auseinander. Es geht um zerstörte Leben. Um Schuld, die tief in der Vergangenheit liegt. Um Sehnsucht nach Befreiung, die all diese Beklemmungen auslöschen könnte. Es geht darum, wie schwer es für beteiligte Menschen auch 30 Jahre danach immer noch ist, mit dem umzugehen, was im Kampf um eine gerechtere Gesellschaft an Unmenschlichem geschah. Einfach einmal die Wahrheit zu sagen. Es geht um verfehlte, schief gelaufene Leben.

Ab wann wussten sie, dass der Film gut wird? Schon beim Drehen oder erst später, bei Ansicht?

Tukur: Ich hoffte beim Drehen stark darauf, dass uns die Natur Geschenke machen würde wie diese bizarren Nebelschwaden und düsteren Wolkengebirge, diese herbstlichen Landschaften. Ich sah, dass wir die Schönheit des Zwielichts einfingen und wusste, das wird schon.

Eric Leimann, Teleschau-Mediendienst


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