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Heute ist der: 11.12.2019. --> Bis heute wurden 1124 unterschiedliche TATORTe erstausgestrahlt. (Hä?)

Tatort: Der letzte Patient

Nicht wegsehen!

Eine Kommissarin in privaten Nöten - dabei soll sie doch nur einen Kriminalfall lösen. Der TATORT lässt in Sachen Spannung, Tempo und Unterhaltung lange zu wünschen übrig, kriegt dann aber gerade noch die Kurve zum anständigen Fernsehkrimi.

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) © NDR/ Marc Meyerbröker

Er will also Abstand gewinnen und hat sich erst mal aus dem Staub gemacht. Dass Martin, ihr WG-Mitbewohner, Kumpel, Babysitter, Mädchen für alles, so mir nichts dir nichts verschwunden ist, macht Charlotte Lindholm beinahe ebenso zu schaffen wie eine nervige neue Kollegin: Anja Dambeck von der Kripo ist nämlich auf eine absurd aufdringliche Art genau das, was die LKA-Kommissarin nicht ist: Übermutter und Super-Ehefrau. Charlotte ist einsam und mitunter überfordert - Sorgen und Nöte einer Ermittlerin, deren private Seite, wie meist im NDR-TATORT, eine enervierend große Rolle einnimmt. Als wäre der Mordfall in der Episode "Der letzte Patient" nicht düster und verzwickt genug.

Warum immer noch die große postfeministische Keule? Man weiß es doch längst: Eine alleinerziehende Mutter hat's heute, zumal in so einem fordernden Beruf nicht leicht, und das Alleinsein ist auch bei der taffesten Ü-40-Traumfrau in gewissen Momenten ein Problem. Ja, und dann geht Charlotte auch noch resolut dazwischen, als ein Junge von anderen Kindern schikaniert wird - auf das Thema Zivilcourage kann ja nicht oft genug hingewiesen werden. Alles ein bisschen plump und zu offenkundig gut gemeint. "Es macht sie unendlich wütend, wenn Menschen ungerecht behandelt werden", sagt die Schauspielerin Furtwängler über die beherzte Kommissarin Lindholm. Ach was.

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) mit Werner Selzer (Steffen Münster). © NDR/ Marc Meyerbröker

Erst nach einer ganzen Weile, als man sich schon ärgerlich zu fragen beginnt, ob denn kein Mensch mehr einen anständigen Tempo-Krimi ohne diese halbseidene, aber aufdringliche Gesellschaftsreflektion mehr schreiben kann (oder darf?), nimmt einen die Ermittlung doch noch mit. Hinein in ein beklemmendes, grausiges Szenario von Perversion, Kindesmissbrauch und unfassbarer Ignoranz, das für sich genommen weiß Gott ausgereicht hätte, um dem Betrachter angewidert, aber durchaus fasziniert die Haare zu Berge stehen zu lassen. Alles beginnt mit dem Mord an einer Ärztin. Das Videotagebuch der Toten hilft den Ermittlern weiter: Dr. Tannenberg hatte mehrere Männerbekanntschaften, eine davon ist pikanterweise Kriminaldirektor Bitomsky, Charlottes LKA-Chef, der nun Angst hat, die Affäre könnte auffliegen´...

Doch Charlotte stößt bald auf relevantere Verdächtige, nachdem sie zufällig die Bekanntschaft mit Tim König, einem lernbehinderten Jungen und drangsaliertem Außenseiter, macht. Sie lernt Menschen kennen, die zunächst ganz normal erscheinen: Leute wie den aalglatten, unter seiner schnieken Architekten-Visage aber auffällig nervös schwitzenden Jörg Sallwitz oder den für seinen Job viel zu unaufrichtigen und egoistischen Jugendamtsleiter Werner Selzer, der sie wiederum zu Tims Pflegeeltern, Vanessa und Robert Vollmer, führt. Typische Verdächtige, Mittelstandsvertreter der Sorte: Bloß den Schein wahren, auch wenn es im Familieninneren noch so tiefe Abgründe gibt.

Fabian Grimm (Pit Bukowski), Robert Vollmer (Oliver Breite) und Lara Vollmer (Jana Lehmke). © NDR/ Marc Meyerbröker

In langen Verhörszenen mit Sallwitz und Selzer, die zu den eindringlichsten Momenten in diesem Film gehören, offenbaren sich Charakterstrukturen, wie man sie kaum für möglich hält. Doch am hochdramatischen, nach dem langatmigen Start kaum mehr erwarteten unter die Haut gehenden Ende ist alles noch viel schlimmer als gedacht ... Augen auf beim Thema Kindesmissbrauch! Dieses Plädoyer darf nicht nur, es muss sein, nachdem der Film  recht einleuchtend darlegt, wohin das Wegsehen führt. Schon in Ordnung, stark erzählt ist insbesondere, wie schwer es benachteiligte Menschen in dieser Gesellschaft haben, wenn sie von niemanden protegiert werden - aber beim eigentlichen Thema des Films hätte man sich mehr Konsequenz und Mut gewünscht, mehr Tiefe und schärfere Konturen bei der Motiv- und Täterzeichnung. Statt die Monströsitäten wirklich auszuloten, stehen viel zu lange die Befindlichkeiten der gebeutelten Kommissarin im Fokus.

Zum Abschied ein leises Servus an eine der unglücklichsten TATORT-Nebenfiguren der letzten Jahre: Er war asexueller Kumpel-Typ und Babysitter des Kommissarinnen-Sprösslings - davon hatte Schauspieler Ingo Naujoks offensichtlich die Nase voll. Seit acht Jahren verkörperte er Martin Felser, den besten Freund von Kommissarin Lindholm. Zu seinem Ausstieg sagte Naujoks: "Es ging für den Charakter von Martin einfach nicht mehr weiter. Er ist stehen geblieben durch seine Aufgabe im TATORT, aber auch zum Stillstand verurteilt. Das ist das Schlimmste, was einer Rolle passieren kann. Am Ende wurde Martin nur noch aufs Babysitten und Frühstückmachen reduziert."

Frank Rauscher, Teleschau-Mediendienst


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